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DFB-Frauen: Die Welle reiten bis zum Titel

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Von: Frank Hellmann

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Haarige Angelegenheit: Giulia Gwinn und Lena Orberdorf im Zweikampf mit Selma Bacha.
Haarige Angelegenheit: Giulia Gwinn und Lena Orberdorf im Zweikampf mit Selma Bacha. © afp

Die deutschen Fußballerinnen können das Finale in Wembley am Sonntag in vollen Zügen genießen – sie sind schon Gewinnerinnen.

Fast ein bisschen schade, dass am Donnerstag bereits ein Hauch von Schwermut in der Luft lag. Auch wenn der Syon Park in Brentford wie alle Grünanlagen Londons wegen der Trockenheit ziemlich mitgenommen aussieht, hätte die Delegation des deutschen Frauen-Nationalteams ihren Stammsitz nicht genau jetzt aufgegeben, wo die Frauen-EM 2022 mit dem flirrenden Finale zwischen England und Deutschland in Wembley (Sonntag 18 Uhr/ARD) auf ihren Höhepunkt zusteuert. Während zwischen Kiel und Konstanz eine ungeahnte Aufbruchsstimmung zu spüren ist, herrschte zwischen den spitzen Giebeln der liebgewonnenen Herberge eine eigenartige Abschiedsstimmung.

Es gehört zu den Ungereimtheiten dieser ansonsten hervorragend orchestrierten Veranstaltung, dass der Finalist Deutschland gezwungen wird, sein Basiscamp aufzugeben, um jetzt noch viel weiter raus in ein luxuriöses Landhotel nach Watford zu ziehen. Dass dieser umständliche Umzug in die Grafschaft Hertfordshire an einen alten Adelssitz kaum einen Sinn ergibt, ficht die Organisatoren einerseits nicht an. Andererseits muss sich das DFB-Team auch nicht beklagen Vielleicht hätten kraftvolle Deutschen den Abnutzungskampf in Milton Keynes gegen die eleganten Französinnen nicht 2:1 gewonnen, wenn sie nicht zwei Tage mehr Erholungszeit gehabt hätte – einen Wettbewerbsnachteil, den Nationaltrainerin Corinne Diacre ausdrücklich beklagte.

Glückliche Trainerin: Martina Voss-Tecklenburg freut sich auf Finale der EM 2022 in Wembley

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg verlor über diesen Umstand keine Silbe. Warum auch? Die immer noch nicht müde Fußballlehrerin vom Niederrhein ist voller Vorfreude auf den Showdown gegen energiegeladene Engländerinnen. „Es wird ein großartiges Fußballfest, das ist ein Klassiker. Was England in diesem Turnier gezeigt hat, ist natürlich brutal gut.“ Vor fast 90.000 Menschen in Wembley zu spielen, die den Rückhalt einer nach einem Fußball-Titel dürstenden Nation transportieren werden, elektrisiert die Trainerin: „Wenn uns das vor der EM jemand gesagt hätte, dass das passieren würde, mit den vielen Geschichten, den Ausfällen, mit allem, was wir verkraftet haben, dann hätte man sich kneifen können.“

Immer wenn ihre Spielerinnen auf Pressekonferenzen über den besonderen Zusammenhalt reden – wie es Doppeltorschützin Alexandra Popp tat – setzt die 54-Jährige ein Lächeln auf, wie es sonst nur Mütter tun, deren Töchter gerade eine Eins im Sozialverhalten im Klassenzeugnis nach Hause gebracht haben. Ihre 23 Vorzeigefrauen könnten auch mit Blick auf die Historie – Deutschland hat alle acht EM-Endspiele gewonnen – weiter diese Welle reiten, um den ersten Titel seit dem Olympiasieg 2016 zu gewinnen, den damals noch die mit strengerer Hand regierende Silvia Neid anleitete.

Deutschland im Finale der Frauen-EM 2022: Prominente drücken die Daumen

Die von Voss-Tecklenburg mit mehr Eigenverantwortung betraute Generation weiß zudem, wie sich ein Sieg auf heiligem Rasen vor vollem Haus anfühlt: Auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war, aber der 2:1-Sieg vom 9. November 2019 ist etwas, an das sich Torhüterin Merle Frohms „jetzt wieder gerne erinnert“: Sie hatte damals als neue Nummer eins einen Elfmeter gehalten. Wembley stöhnte auf. Nicht auszudenken, sollte ein Jahr nach dem Elfmeter-Trauma der Männer auch bei den Frauen eine Entscheidung vom Strafstoßpunkt fallen.

Frohms wird innerlich bei dieser Vorstellung frohlocken. Die trotz ihres unglücklichen Eigentores wieder stark haltende 27-Jährige ist nur eine von vielen Entdeckungen bei dieser EM. Dass aber die Bundestrainerin genau zu ihr lief, war kein Zufall. „Es war nicht immer leicht für sie.“ Am liebsten wäre sie von der Nummer eins bis 23 jede Einzelne durchgegangen: „Wir haben dieses Spiel gewonnen, weil jede bereit war, die andere zu pushen.“ Und das macht sie auch so sympathisch.

Daumen drückt jetzt auch der von gefühlt jedem englischen Fußballfan geliebte Trainer-Heilige Jürgen Klopp, der sich mit einer anerkennenden Videobotschaft gemeldet hat. Einer von vielen Koryphäen des Männerfußballs, die plötzlich etwas über die DFB-Frauen zu sagen haben. (Frank Hellmann)

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