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DFB-Experte Joti Chatzialexiou: „Die Kroaten sind Spielverderber“

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Von: Frank Hellmann

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Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften beim DFB: Joti Chatzialexiou.
Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften beim DFB: Joti Chatzialexiou. © Imago

DFB-Experte Joti Chatzialexiou blickt auf die Stärken und Schwächen der Halbfinalisten.

Joti Chatzialexiou ist Sportlicher Leiter Nationalmannschaften beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Der gebürtige Frankfurter hat zusammen mit der sportlichen Leitung, den U-Nationaltrainern und Scouts die internationalen Spiele beobachtet. Die Erkenntnisse fließen nach dem Turnier in eine Trendanalyse.

Der 46-Jährige war die gesamte Vorrunde in Katar vor Ort und hat 17 WM-Spiele live in den Stadien gesehen. Über die vier Halbfinalisten fasst der seit 2003 für den DFB arbeitende Chatzialexiou die wesentlichen Merkmale zusammen. Das Abschneiden der deutschen Mannschaft schmerzt ihn – die entsprechende Aufarbeitung folgt.

Argentinien

„Natürlich haben die Argentinier den weltbesten Fußballer in ihren Reihen. Lionel Messi ist ein Segen für diese Weltmeisterschaft – es ist ein Geschenk, diesen Spieler live im Stadion zu sehen. Ich habe im Stadion eine unheimliche Dankbarkeit empfunden – diese Dankbarkeit strahlen auch seine Mitspieler aus, die sich mit großer Lust für ihn einsetzen und ihm den Rücken freihalten, weil sie wissen, dass er den Unterschied ausmachen kann. Die Symbiose von südamerikanischen und europäischen Kern-Elementen zeichnet die Argentinier aus. Sie stürzen sich bedingungslos in jeden Zweikampf, können aber durch ihre gute Ausbildung viele Situationen auch spielerisch lösen. Imposant ist, wie sie nach diesem Rückschlag gegen Saudi-Arabien ins Turnier zurückgefunden haben. Sie haben immer an ihre Stärken geglaubt. Argentinien wird bei dieser WM auch von den Zuschauern getragen. Das ist ein Schlüssel bei dieser WM, der vor Ort Eindruck macht. Ich habe wirklich viele Spiele schon gesehen, aber bei der Partie Argentinien gegen Mexiko habe ich Gänsehaut bekommen.“

Kroatien

„Sie sind die Spielverderber, die verdient im Halbfinale stehen. Getragen werden sie von einer starken Achse. Angefangen vom Torhüter Dominik Livakovic geht es über Josko Gvardiol, der für mich einer der besten Innenverteidiger des Turniers ist. Dann weiter zu Luka Modric, der auch mit 37 Jahren immer noch den Taktgeber spielt. Er ist Dreh- und Angelpunkt – und der Zielspieler, wenn es in die Offensive geht. Die Mannschaft führt eine große Defensivlust vor. Es gab eine Szene gegen Brasilien, als sie nach einem Konter in Windeseile geschlossen wieder mit zehn Mann hinter den Ball gekommen sind - der entscheidende Unterschied zu Brasilien. Natürlich hatten sie auch Glück, dass sie fast mit ihrer einzigen Torchance erfolgreich waren. Sie gehören zu den Teams, die nicht zufällig die wenigsten Gegentore kassiert haben. Ich glaube aber, dass Argentinien sich durchsetzen wird.“

Frankreich

„Die Franzosen besitzen einen unfassbaren Glauben an ihre individuelle Qualität. Sie bewahren extreme Ruhe, zudem verfügen sie über eine klassische Nummer neun, die uns in Deutschland fehlt. Diese beiden Komponenten machen sie besonders gefährlich. Für mich ist Frankreich eine Finalmannschaft. Ich bin überzeugt, dass sie das Abwehrbollwerk der Marokkaner knacken werden. Sie beherrschen einen extremen Rhythmuswechsel: Nach dem Ausgleichstreffer gegen England haben sie sofort wieder drei Chancen herausgespielt. Durch die vielen Ausfälle agieren sie noch mehr als Mannschaft, ich bin überzeugt, das hat sie sogar zusammengeschweißt. Wenn ich sehe, was dennoch noch auf der Bank sitzt, wird das Potenzial des französischen Fußballs erst klar. Aus der französischen U21-Nationalmannschaft rücken bald die nächsten spielintelligenten Talente nach. Dass der beste Bundesligaspieler der vergangenen Saison, Christopher Nkunku von RB Leipzig, gar keinen Stammplatz hat, sagt vieles.“

Marokko

„Der afrikanische Fußball hat eine enorme Entwicklung genommen. Marokko hat verdient das Halbfinale erreicht, weil sie mit einer starken Mentalität und hohen Leidenschaft, aber auch von einer tollen Unterstützung von den Rängen getragen werden. Das sind Attribute, die zum Erfolg führen. Für mich sind die Marokkaner die erste afrikanische Mannschaft, die sich unter anderem durch eine enorme Disziplin auszeichnet – gerade gegen den Ball. Das gesamte Defensivverhalten ist imposant. Im Viertelfinale gegen Portugal sind sie sehr bewusst auf die zweiten Bälle gegangen, weil sie über gute Fußballer eine starke Umschaltbewegung kreieren. Mittelfeldspieler Azzedine Ounahi ist das Sinnbild dieser Mannschaft, weil er Fähigkeiten in der Defensive und Offensive verbindet. Er ist für mich einer der auffälligsten Spieler der Weltmeisterschaft, der in Angers ja noch nicht bei einer großen Mannschaft unter Vertrag steht. Für mich ist er ein aufgehender Stern.“

Aufgezeichnet: Frank Hellmann

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