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Talente im Fußball

WM-Qualifikation: Jamal Musiala und Florian Wirtz - Lückenfüller statt Leistungsträger

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Die Nominierung von Jamal Musiala und Florian Wirtz übertüncht, welch großes Problem dem deutschen Fußball noch bevorsteht

  • Den deutschen Profifußball plagen Nachwuchssorgen.
  • Vor allem die Individualisierung kommt zu kurz.
  • DFB-Direktor Oliver Bierhoff äußert sich über die beiden Debütanten Florian Wirtz und Jamal Musiala.

Frankfurt - Es ist auch für den langjährigen Manager der deutschen Nationalmannschaft ein Novum, dass neuerdings ein echter Lehrer zum Begleittross gehört, der nicht in Sachen Fußball unterrichtet. Wie Oliver Bierhoff am Montag aus der Unterkunft in Düsseldorf verriet, gelte diese Maßnahme für Florian Wirtz, zarte 17 Jahre, der parallel zur Karriere auch fürs Abitur paukt. Das Toptalent von Bayer Leverkusen kann sich einen längeren Unterrichtsausfall nicht leisten, nur weil ihn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erstmals zum A-Nationalteam eingeladen hat. Mit ihm ist auch Jamal Musiala vom FC Bayern dabei, gerade 18 geworden.

Soll sich beim DFB festspielen: Jamal Musiala vom FC Bayern.

Bierhoff sieht in beiden Teenagern „außergewöhnliche Talente“, die behutsam aufgebaut werden sollen. Der schon für die englische U21-Nationalelf eingesetzte Musiala soll sich in der WM-Qualifikation gegen Island (25. März), in Rumänien (28. März) und gegen Nordmazedonien (31. März) bei einem Kurzeinsatz festspielen – Wirtz sein Langzeitziel im Auge behalten. Für Bundestrainer Joachim Löw gilt indes im Moment, „nichts zu überstürzen.“

Nationalmannschaft: Es mangelt an Toptalenten

Topnachwuchskräfte sind ansonsten rar gesät. Es sieht sogar äußerst trübe aus, die Nationalmannschaften von der U 21 an abwärts leiden unter einem eklatanten Leistungsabfall. Von einem „historisch schlechten Niveau“ ist innerhalb der von Oliver Bierhoff geleiteten DFB-Direktion Nationalmannschaften und Akademie die Rede. Wortlaut bei der Bestandsaufnahme: „Im Nachwuchsbereich sehen wir ein Gewitter kommen.“ Rund drei Viertel der in der Bundesliga eingesetzten U 23-Spieler sind Ausländer, die Einsatzzeiten deutscher U 21-Akteure auf einem fast schon historischen Tiefstand. An die Bundesligatrainer ergeht von DFB-Seite kein Vorwurf: Die würden schließlich nicht nach Nationalität, sondern nach Qualität aufstellen – und da geht dem deutschen Nachwuchs im Quervergleich mit Franzosen, Spaniern oder Engländern gerade einiges ab. Der fehlende Nachschub färbt demnächst unweigerlich auf das Aushängeschild A-Nationalmannschaft ab. Spätestens ab 2026 würde Erfolglosigkeit drohen, „wenn wir keine essenziellen Schritte einleiten“, warnte gerade Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter Nationalmannschaften.

Der gebürtige Frankfurter fordert seit längerem im deutschen Nachwuchsbereich zwar „keine Revolution, aber eine Evolution ein, wenn wir dauerhaft zurück an die Weltspitze wollen.“ Bierhoff würde gerne überall zumindest „weltmeisterlich arbeiten“, was in der Corona-Krise durch fehlende Spiel- und Trainingsmöglichkeiten für die Junioren noch schwieriger geworden ist. Jede Praxiserfahrung steht in der Pandemie auf dem Prüfstand: Die EM-Gruppenphase der U 21, die für die DFB-Auswahl gegen Gastgeber Ungarn (Mittwoch 21 Uhr/ Pro Sieben) startet, ist eingedenk der hohen Inzidenzen äußerst umstritten. Stefan Kuntz geht die heikle Herausforderung ohne größeren Vorlauf und mit nur wenigen Stützen an, die bei einem Erstligisten gesetzt sind. Ridle Baku (VfL Wolfsburg), Nico Schlotterbeck (Union Berlin), Ismail Jakobs (1. FC Köln) oder Amos Pieper (Arminia Bielefeld) stellten Ausnahme dar. Wie 2017 Europameister oder 2019 Vizeeuropameister zu werden, ist 2021 kein realistisches Ziel mehr.

Muss auf seiner ersten Länderspielreise beim A-Team fürs Abitur pauken: Florian Wirtz von Bayer 04.

Unabhängig von den Corona-Debatten ist es den DFB-Entscheidern wichtig, die Gefahren nicht zu unterschätzen, die sich aus einer versiegenden Talentquelle für die Zukunft ergeben. Zahlreiche Stellschrauben vom Kinderfußball bis hin zur Trainerausbildung sind ausgemacht, um gegenzusteuern. Vor allem die Individualisierung kam zur kurz. Wo sind Spieler, die Eins-gegen-Eins-Situationen lösen? „Ich glaube, diese Stärke muss viel mehr gefördert und vor allem zugelassen werden“, sagt Amin Younes. Der inzwischen 27 Jahre alte Trickser von Eintracht Frankfurt ist erstmals seit 2017 wieder dabei und hielt im „Kicker“ ein Plädoyer für den Straßenfußballer. Man müsse das Risiko in Kauf nehmen, „dass der Spieler bei zehn Versuchen drei- viermal hängen bleibt. Und dass es drei, vier, fünf Jahre dauert, bis der Spieler diese Qualität perfektioniert.“

In den Nachwuchsleistungszentren gibt es „Luft nach oben“

Younes vermisst in dieser Hinsicht „Bereitschaft und Geduld: In Deutschland will man vielleicht zu oft denselben Spielertyp: taktisch gut, sauber beim Passspiel von A nach B. Aber: Wer dreht auf, wer geht am Gegner vorbei, wer macht ungewöhnliche Dinge?“ Andere Länder sind da weiter. Inspektionsreisen in portugiesische und spanische Leitungszentren ergaben, dass kreative Spieler dort deutlich besser gefördert werden, bestätigte Chatzialexiou.

In den deutschen Nachwuchsleistungszentren gäbe es „Luft nach oben“, gestand auch der Sportdirektor des VfL Wolfsburg, Marcel Schäfer bei einem DFB-Medientalk. Der zugeschaltete Kollege Markus Krösche von RB Leipzig ergänzte: „Der Blick auf Wesentliche ist verloren gegangen: die Entwicklung der Spieler.“ Der Bundesligazweite speist den Zufluss für das ambitionierte Profiteam bevorzugt aus Frankreich, Spanien oder die Niederlande, deren 19- oder 20-Jährige nicht nur individuell besser ausgebildet seien, sondern in jungen Jahren auch schon die Erfahrung aus „80, 90 Erstligaspielen“ eingesammelt hätten, erklärte Krösche. Der Brauseklub möchte natürlich auch die Durchlässigkeit für den eigenen Unterbau erhöhen. Der erste Schritt: Leipziger U19-Spieler sollen häufiger mit den Profis trainieren – von spielen ist erstmal nicht die Rede. Im Grunde scheint der deutsche Nachwuchs aktuell gerade mal gut genug, um die durch die Länderspielreisen ausgedünnten Kader für die Aufrechterhaltung des Übungsbetriebs aufzufüllen. Die Stars von morgen sind Lückenfüller statt Leistungsträger. (Frank Hellmann)

Rubriklistenbild: © AFP

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