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Kampf gegen den November-Blues: Bundestrainer Joachim Löw.

Nations League

Verlieren verboten

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Joachim Löw ringt mit seiner Mannschaft mal wieder um mehr als nur wichtige drei Punkte in der Nations League.

Am Freitagabend gab es den Schreckmoment, mit dem derzeit immer zu rechnen ist. Vier Spieler und ein Teammanager der Ukraine wurden positiv auf Corona getestet, das teilte der ukrainische Nationaltrainer Andrej Schewtschenko mit. Das Gruppenspiel in der Nations League am Samstag (20.45 Uhr/ZDF) in Leipzig steht damit auf der Kippe, das letzte Wort hat nun das örtliche Gesundheitsamt. Für Samstag ist eine weitere Testreihe vorgesehen. Laut Uefa-Regularien wird eine Partie ausgetragen, sofern 13 negativ getestete Spieler zur Verfügung stehen. Kann die Ukraine nicht antreten, würden der deutschen Auswahl vermutlich der Sieg am Grünen Tisch zugesprochen werden.

So ist er eben, der neue Alltag, der sogar einen über den Dingen schwebenden Bundestrainer beeinflusst, auch zwischen den Länderspielphasen. Joachim Löw jedenfalls hat so intensiv Fußball auf der heimischen Couch in Freiburg geschaut wie noch nie, „wahnsinnig viel“, berichtet er am Freitagmittag, denn er durfte ja so gut wie nie ins Stadion. Der DFB hat den 60-Jährigen mit einem Scouting-Programm ausgerüstet, und wenn ihm etwas auffiel, hat Löw Szenen herausgeschnitten und an seine Scouts und Assistenten verschickt, damit das Material die Datenbank füttern kann.

Der Bundestrainer saß, natürlich noch im Unwissen über die Entwicklungen im ukrainischen Lager, im Zustand einer gewissen Anspannung bei der digitalen Pressekonferenz. Nachlässigkeiten mag er sich in dieser Situation, da sein Auswahlteam um Anerkennung ringt wie selten zuvor, nicht leisten. So weit ist es schon gekommen, dass er gefragt wird, ob er sich sorge, am Samstag weniger Quote im ZDF zu schaffen als RTL im parallel laufenden „Supertalent“ mit Dieter Bohlen. Am Mittwoch beim Testkick gegen die frechen Tschechen gewann Deutschland zwar das Spiel, verlor aber den Quotenkampf gegen die ZDF-Trödelshow „Bares für Rares“. So gewichtet sich das gerade. Löw lächelt es schief weg.

Die Nation zieht sich mehrheitlich wegen eines Virus zurück in die Wohnzimmer, nicht wegen des DFB-Teams. Niemand zittert darum, dass Deutschland das auf den Oktober 2021 verschobene Final-Four-Turnier um die Nations League erreicht, aber klar ist natürlich auch: Jedes Unentschieden, jede Niederlage erhöht die Nationalmannschaftsmüdigkeit zusätzlich. Dagegen geht Löw an, auch im Umgang mit den Medien präsentiert er sich gemeinsam mit dem Verband spürbar zugänglich, das Zeitfenster ist wieder weiter geöffnet, alles wirkt weniger gehetzt. Es gilt, im Ansehen der Öffentlichkeit auf und abseits des Fußballplatzes wieder mehr Pluspunkte zu sammeln.

In der Tabelle der Gruppe 4 sieht es vor den beiden abschließenden Begegnungen gegen die Ukraine und am Dienstagabend in Sevilla gegen Spanien so aus: Die Spanier führen mit sieben Punkten vor Deutschland und der Ukraine (je sechs) und der Schweiz (zwei Zähler). Löw hat die Zeit der Experimente deshalb für beendet erklärt. Weil Verlieren verboten ist, hat er sogar den Münchner Niklas Süle nachnominiert, dessen letzte Corona-Abstriche allesamt negativ waren, was sich positiv für das Nationalteam auswirken soll. Der stämmige Verteidiger wird auflaufen, ebenso wie das planmäßig nachgereiste Angriffstrio Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané.

Im Training hat Löw beeindruckt zugeschaut, wie welchem Tempo diese Drei unterwegs waren. Nicht nur dank seiner aufmerksamen monatelangen Videobeobachtung weiß er aber auch, dass „alle drei gern ähnliche Laufwege“ einschlagen. Es sei nun auch seine Traineraufgabe, darauf hinzuwirken, dass sie „versetzte Ebenen herstellen: Der eine kommt, der andere geht.“ Höheres Fußball-Einmaleins sozusagen. „Wenn sie ihre Geschwindigkeit richtig einsetzen, sind sie brandgefährlich.“

Timo Werner, über die Heimat der Freundin in Dresden aus London an seine alte Wirkungsstätte Leipzig angereist, sieht zuversichtlich aus, auch ein paar neue Stärken einbringen zu können. Im Trikot des FC Chelsea hat er schnell gelernt, mit Karacho nach vorn zu arbeiten. „In England wird mehr mit langen Bällen gespielt, die Gegenspieler sind robuster, und man selber wird auch robuster durch die englische Härte.“ Der 24-Jährige findet es gut, dass sich auch das DFB-Team ein wenig an dieser etwas wilderen Spielweise orientiert und den Ball seit den betrüblichen Erfahrungen der WM 2018 schneller nach vorn trägt. Dank ihm und seiner flinken Nebenmänner verkündet Werner kühn: „In der Haut unseres Gegenspieler möchte ich nicht stecken.“

Gefüttert werden könnten Gnabry, Sané und Werner diesmal nicht vom verletzten Joshua Kimmich und gelbgesperrten Veteranen Toni Kroos. Ilkay Gündogan und Leon Goretzka oder der von Löw ausdrücklich belobigte Mönchengladbacher Florian Neuhaus könnten den Job in der Umschaltzentrale gemeinsam übernehmen.

Links verteidigt Philipp Max nach seinem gelungenen Debüt gegen Tschechien. Alle anderen Linksfüßer der vergangenen Jahre sind nicht anwesend: Jonas Hector zurückgetreten, Marcel Halstenberg und Robin Gosens verletzt, Nico Schulz außer Form (aber noch nicht endgültig abgeschrieben) – bleibt der lange Jahre von Löw konsequent ignorierte Max. Vielleicht nicht die schlechteste Lösung. Jetzt braucht es – immer vorausgesetzt, das Spiel kann steigen – nur noch eine Lösung für den Sieg gegen die Ukraine – und gegen Bohlen.

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