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„Wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität“, sagt DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

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Die Mammutaufgabe

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Wie DFB-Direktor Oliver Bierhoff den deutschen Fußball wieder groß machen will.

Mit der Kulisse der Frankfurter Fußballarena im Hintergrund haben die intellektuellen Köpfe des Deutschen Fußball-Bundes die graue Gegenwart mit einer kunterbunten Zukunft ausgemalt. Angeführt von DFB-Direktor Oliver Bierhoff präsentierten sich die leitenden Verbandsmitarbeiter beim Workshop unter der Überschrift „Zurück an die Weltspitze“ vor Journalisten und nannten die Probleme beim Namen. „Es bedarf einer Richtungsänderung im deutschen Fußball. Wir können nicht so weitermachen“, sagte Bierhoff, „wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität.“ 

Um das zu erreichen, hat der 50-Jährige Männer um sich geschart, die persönlich so gar nichts von Bolzplatzmentalität ausstrahlen, sondern eher wie hochrangige wissenschaftliche Mitarbeiter eines Fußballinstituts daherkommen: fünf Bierhoff-Klone sozusagen. Steffen Deutschbein (der Nachname könnte nicht besser gewählt sein) als Leiter Stabstelle der Direktion Nationalmannschaften und Akademie; Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter Nationalmannschaften. Meikel Schönweitz, der Cheftrainer U-Nationalmannschaften; Thomas Thomas Beheshti, Leiter Management A-Nationalmannschaft, und Tobias Haupt, der neue Leiter DFB-Akademie, ein wahrhafter Professor, der zu dem Thema „Social Media Marketing und Kapitalisierungsmöglichkeiten im Spitzensport“ promovierte, sind die Köpfe in Bierhoffs Leadership-Team.

Sie nutzen Begriffe wie „social video learning“, „Talentepool“, „Exzellenzanspruch“, „Campus für Innovationen“, „individuelles Feedback in Echtzeit“ oder „Mindset“. Es sind schlaue Menschen, die mit dem, was sie sich aus guten Gründen angesichts offenkundiger Missstände im deutschen Fußball ausgedacht haben, nun noch durchdringen müssen. Bis runter an die Basis am besten, dorthin, wo der deutsche Fußball völlig anders tickt. Viel weniger intellektuell. 

Dort, wo sie selber direkten Zugriff haben, geht das Team Bierhoff die Sache offenbar mit einiger Konsequenz an. Unter anderem wird die Trainerausbildung tiefgreifend reformiert und vor allem praxisnäher und individueller gestaltet, ein Programm zur Gewinnung von künftigen Ex-Profis angeworfen und der neue, möglichst bis 2012 fertiggestellte DFB-Campus an der alten Frankfurter Galopprennbahn schon jetzt mit geistigem Leben gefüllt. 

In „fünf, sechs Jahren“ will Bierhoff den viermaligen Weltmeister wieder dorthin gebracht haben, „wo er hingehört“. Die EM 2024 als „Leuchtturm“ im eigenen Land soll dem Verband dabei die nötige Kraft geben. Er sei „fest davon überzeugt: So weit, wie es sich im Sommer letzten Jahres in Russland anfühlte, ist der Deutsche Fußball von der Weltspitze nicht entfernt“, mutmaßte Bierhoff zwar, aber er weiß auch, wie weit der deutsche Nachwuchs inzwischen dem Weltniveau hinterherhechelt. Gerade erst hat die deutsche U17-Nationalmannschaft beim Algarve Cup alle drei Spiele gegen die Niederlande, Spanien und Portugal verloren. Ein Bild des Jammers, das in die allgemeine Entwicklung passt. 

Es ist also gehörig was falsch gelaufen in der Talentförderung hierzulande, das wissen sie alle miteinander. Es wurde zu viel Wert auf Teamtaktik gelegt und zu wenig auf den Einzelnen. „Es braucht wieder mehr Gefühl“, fordert Bierhoff zurecht, „Bei aller Systematik müssen wir Raum schaffen für die Entwicklung von Individualisten.“ 

Belgien gilt als Vorbild 

Ein Ansinnen ist beispielsweise, es den Belgiern nachzutun und in der F-Jugend (sechs bis acht Jahre) zwei gegen zwei statt sieben gegen sieben spielen zu lassen, damit die Kinder öfter mit dem Ball zu tun bekommen. Der Widerstand von der Basis ist bei derartigen Überlegungen allerdings programmiert, das dünkt auch der Gruppe Bierhoff. „Wir brauchen die Hilfe der Landesverbände und Profivereine“, hofft der Ex-Nationalspieler. Seine Leute haben deshalb Ende 2018 schon sieben Klubs persönlich besucht und für ihr Projekt vor Ort geworden, denn, so DFB-Sportchef Chatzialexiou: „Wir selektieren zu früh, wir tauschen Spieler zu schnell aus, wenn sie nicht gleich funktionieren, wir bilden zu wenig und wir bilden nicht altersgerecht aus und vermitteln den Kindern zu wenig Spaß und Freude.“ 

Die Gesprächsangebote mit Bundesligaklubs und Regionalverbänden sollen weitergeführt und intensiviert werden. „Aus Talenten Ausnahmespieler und Ausnahmetrainer zu entwickeln, die Weltspitze werden, das ist die Mammutaufgabe“, sagte Bierhoff, „das ist ein Riesending.“

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