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DFB-Chef mit Ansage in der Abflughalle

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Von: Jan Christian Müller

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Großer Bahnhof auf dem Flughafen in Doha: DFB-Boss Bernd Neuendorf trägt sein vorgefertigtes Statement vor, Fragen sind nicht erlaubt. dpa
Großer Bahnhof auf dem Flughafen in Doha: DFB-Boss Bernd Neuendorf trägt sein vorgefertigtes Statement vor, Fragen sind nicht erlaubt. dpa © dpa

DFB-Präsident Bernd Neuendorf erwartet mehr als eine gediegene WM-Analyse, er will eine Perspektive für die Zukunft.

Der letzte Akt auf katarischem Boden fand in der Abflughalle des Hamad International Airports in Doha vor dem Sonderflug mit wertvoller Fracht über München nach Frankfurt statt. Da stand mit einiger Verspätung der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes am Check-in-Schalter 9 vor einem Gestrüpp an Mikrofonen und einer Rudelbildung an Kameraleuten. Bernd Neuendorf äußerte sich in einem präzise vorgefertigten Statement, das zwar mit leiser Stimme, aber mit großer Deutlichkeit vorgetragen wurde. Fragen waren danach nicht mehr erwünscht. Der 61-Jährige sprach zweieinhalb Minuten lang im Duktus eines erfahrenen Politikers. Er trat dabei als Mann auf, der die Fäden in der Hand hält. Neuendorf hat einst bei Ex-Kanzler Gerhard Schröder gelernt, auch wenn er nicht annähernd so breitbeinig daherkommt.

Gemeinsam mit Ligaboss Hans-Joachim Watzke will er sich in der kommenden Woche mit Manager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Hansi Flick intensiv beraten. Wobei Neuendorf keinen Zweifel ließ, wer in dieser Konstellation Koch und wer Kellner ist. Bierhoff und Flick sollten das als Herausforderung auffassen. Es gibt für keinen der beiden Erbhöfe nach einer vermeidbaren Niederlage, einem achtbaren Unentschieden und einem mühsamen Sieg bei der WM 2022. Neuendorf erwartet nicht bloß eine „sportliche Analyse dieses Turniers“, sondern „auch Perspektiven für die Zeit danach mit dem Blick auf die Europameisterschaft im eigenen Land“. Und nicht nur das. „Diese Analyse muss auch die Entwicklung der Nationalmannschaft umfassen, unseres Fußballs seit 2018, seit der letzten WM. Das ist eine Anforderung und ein Anspruch, den wir haben als Verbandsleitung an die sportliche Leitung in dieser Situation.“

Das ist, kein Zweifel, viel Holz in wenig Zeit, aber auch kein Antreten zum Abtakeln. Doch Neuendorf und Watzke werden es nicht akzeptieren, dass wie 2018 anderthalb Monate ins Land gehen, ehe sich Trainer und Manager nach ausgedehntem Urlaub öffentlich tiefergehend auslassen. Seinerzeit hatten Bierhoff und Löw sich noch die Freiheit herausnehmen können, unmittelbar nach der Landung in Deutschland am Frankfurter Flughafen ein Weiter-So zu postulieren, ehe sie Wochen später neben dem damaligen Präsidenten Reinhard Grindel auch die führenden Manager der Bundesliga auf ihre Seite schafften.

Flick und Bierhoff äußerten sich nach dem Aus in Al Khor nicht konkret selbstkritisch zur Situation und bestätigten, dass sie ihre gut dotierte Arbeit vertragsgemäß fortführen wollen. „Von meiner Seite gibt es keinen Grund, nicht weiterzumachen. Mir macht es Spaß, an mir wird’s nicht liegen“, sagte Flick, dicke Ringe unter den matten Augen.

Auch Bierhoff wurde gefragt, ob er über einen Rückzug nach 18 Jahren im DFB nachdenke. Der 54-Jährige entgegnete unmissverständlich: „Das schließe ich aus.“ Wiewohl er wisse, „dass der Mechanismus jetzt losgeht und die Diskussion stattfindet“. Bierhoff ist sich natürlich bewusst, dass ihm die Herzen des Fußballvolks nicht unbedingt zufliegen. Und auch die betont zurückhaltende Rhetorik des Verbandschefs dürfte angekommen sein bei dem Mann, der als Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie firmiert und in dieser Position fast 200 Mitarbeitende befehligt.

Zu einer mehr als nur oberflächlichen sportlichen Analyse sah sich derweil Flick vor der internationalen Presse in der tragischen Nacht von Al Khor nicht in der Lage: „Wir haben Spieler, die bei Topvereinen spielen. Wir haben Qualität. Wir reden seit Jahren über Neuner, spielstarke Außenverteidiger. Wir brauchen die Basics in der Ausbildung. Es gibt gute Spieler für die Zukunft. Aber in den nächsten zehn Jahren ist es sehr wichtig, dass wir jetzt die richtigen Schritte machen.“ Wird er diese Schritte noch mitgehen können nach den offenkundigen Fehlern, die auch ihm unterlaufen sind? Allen voran dem stoischen Festhalten an Thomas Müller, dessen Formtief Flick hartnäckig ignorierte und dafür sogar bereit war, auf den in Topzustand befindlichen Strafraumstürmer Niclas Füllkrug zu verzichten.

Letztlich ist es dem Bundestrainer nicht gelungen, mit dieser unausgereiften Mannschaft, deren Primus mit weitem Abstand der nicht von ungefähr in England ausgebildete Teenager Jamal Musiala war, Effizienz vorne und Stabilität hinten miteinander zu verbinden. Der Klebstoff zwischen den Linien fehlte, es gab nach Ballverlusten, wie schon unter Joachim Löw, regelmäßig wüstengroße Freiräume. Flick hat diese kollektive Schwäche nicht abzustellen vermocht.

Und er hat es nicht geschafft, Unliebsames souverän zu kommunizieren. Seine Dünnhäutigkeit war in Katar allgegenwärtig. Zuletzt vor einem Millionenpublikum nach dezidierter Kritik im ARD-Gespräch mit Bastian Schweinsteiger. Flick grätschte dessen Hinweis, es habe das „Brennen“ gefehlt, verärgert ab: „Absoluter Quatsch!“ Abwehrchef Antonio Rüdiger gab dem TV-Experten Recht: „Die letzte Gier, dieses etwas Dreckige – das fehlt uns.“ Mit Ball, kein Zweifel, sah vieles besser aus als ohne. Aber nicht gut genug, um die zahllosen Chancen effektiv zu nutzen. Deutschland ist mehr an sich selbst gescheitert als an den Gegnern. Die Schmach von Russland 2018 hat sich so nicht wiederholt. Aber das Ergebnis bleibt das gleiche.

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