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Ein Bild, das alles sagt: DFB-Angreifer Thomas Müller (rechts) nach seinem Fehlschuss, völlig verzweifelt.
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Ein Bild, das alles sagt: DFB-Angreifer Thomas Müller (rechts) nach seinem Fehlschuss, völlig verzweifelt.

Ausscheiden gegen England

Das Aus bei der EM 2021: DFB-Auswahl war einfach nicht gut genug

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Die deutsche Nationalmannschaft muss sich England im EM-Achtelfinale mit 0:2 geschlagen geben – die Ära Löw endet mit einer Riesenenttäuschung.

London - Noch neun Minuten waren in Wembley regulär zu spielen, als Thomas Müller allein auf den englischen Torwart Jordan Pickford zurannte. Deutschland lag 0:1 zurück im EM-Achtelfinale gegen England. Müller, der alte Hase, brauchte den Ball nur links in die Ecke zu schieben. Es stand alles offen für einen so abgezockten Profi wie den Münchner. Es war einer dieser besonderen Situationen, die ein Spieler noch als Großvater vor dem geistigen Auge haben und sich fragen wird, warum er vorbeigeschossen hat. Müllers Schuss sauste links vom Tor gegen die Werbebande. Fünf Minuten später machte England das 2:0. Und dann war bald Schluss. Deutschland war aus der EM 2021 ausgeschieden.

Als der letzte Bolzball seiner Mannschaft an der englischen Mauer abgeprallt war, gratulierte Joachim Löw dem Kollegen Gareth Southgate wie in Trance. Dann verschwand der seit diesem Zeitpunkt ehemalige Bundestrainer in den Katakomben. Er hatte es zum Abschluss einer wechselvollen 17-jährigen DFB-Laufbahn, davon 15 als Chefcoach, da draußen in der wogenden Feierstimmung nicht mehr ausgehalten. Etwas später, immer noch emotional angefasst, sagte er: „Das ist eine Enttäuschung für uns alle. Wir haben uns mehr erhofft, der Glaube an die Mannschaft war absolut da. Es tut mir leid, dass die Begeisterung zu Hause jetzt dahin ist.“

EM 2021: Joshua Kimmich kämpfte mit den Tränen

Die deutschen Spieler verabschiedeten sich von ihren Fans aufrecht und bedankten sich winkend für die Unterstützung. Joshua Kimmich kämpfte mit den Tränen. Sie alle wussten: Das, was sie auf den Rasen gebracht hatten, war an diesem Abend zu wenig. England habe etwas mehr „Gier“ gehabt, befand Kapitän Manuel Neuer: „Das war der springende Punkt.“ Kollege Toni Kroos argumentierte ähnlich und bemängelte die fehlende Effektivität. „Wenn du im Achtelfinale rausgehst, ist das enttäuschend, obwohl wir uns in einer schwierigen Gruppe durchgesetzt haben“, so Kroos.

Es herrschte eine flirrende, fröhliche Atmosphäre in der berühmten, gigantischen, mit Geschichte vollgestopften Fußball-Kathedrale. Als das Stadion – englische und deutsche Fans gemeinsam – die Hymne „Football is coming home“ aus dem Jahr der Europameisterschaft 1996 in England intonierte, war das ein erhebender Moment für alle, die Fußball lieben. Der deutsche Block war zwar erwartungsgemäß deutlich kleiner, machte aber – kollektiv ausgerüstet mit schwarz-rot-goldenen Fahnen – tapfer auf sich aufmerksam. Unschön: Die deutsche Hymne wurde von der Mehrheit niedergebuht. Schön: Als die Spieler beider Mannschaften als Zeichen gegen Rassismus niederknieten, gab es Beifall.

Timo Werner ohne Bindung ans Spiel

Der sicherheitsbedachte Trainer Southgate reagierte auf das deutsche 3-4-3 mit den beiden offensiven Außenverteidigern Robin Gosens und Joshua Kimmich erstmals bei diesem Turnier mit einer defensiven Fünferkette. Bundestrainer Joachim Löw blieb im System, brachte neben den erwarteten Leon Goretzka und Müller für Ilkay Gündogan und Leroy Sané aber überraschend auch noch Chelsea-Stürmer Timo Werner. Ihm fehlte dann auch etwas die Bindung zu den Mitspielern.

Auch wenn die Gäste die erste Viertelstunde weniger nervös wirkten und vor allem durch Leon Goretzka mit Schwung ins Spiel kamen – die Taktik von Southgate funktionierte bald besser. Kimmich und Gosens wurden weitgehend neutralisiert, zudem konnte die erste deutsche Reihe mit Werner, Müller und Kai Havertz zu wenig als gemeinsamer Störenfried das gegnerische Aufbauspiel aufhalten. So kamen die Engländer in eine Überlegenheit, die allerdings bis zur Pause nur eine klare Chance bedeutete: Manuel Neuer nahm den halbhohen Schuss von Raheem Sterling dankbar zur Kenntnis.

EM 2021: DFB-Elf viel zu einfallslos

Auch auf der anderen Seite gab es wenig Erhellendes im Strafraum zu beobachten. Einmal hatte Havertz zu Werner durchgestochen, der aber mit seinem schwächeren linken Fuß nicht an Englands Keeper Jordan Pickford vorbeikam. Insgesamt ein eher schmeichelhaftes 0:0 aus deutscher Sicht in Hälfte eins, in der vor allem Antonio Rüdiger unwirsch und unsicher wirkte, derweil Mats Hummels eifrig und aufmerksam viel wegräumte. Müller rannte vorn einige Mal zu früh alleine an und verlor unnötig Bälle gegen die körperlichen Insulaner, Kroos und Goretzka arbeiteten hart, aber nach vorn selten ergiebig. Es blieb vieles zu stumpf im deutschen Spiel, um England in Angst und Schrecken zu versetzen.

Nach der Pause wurde es zunächst etwas besser, Pickford durfte nach einem Havertz-Schuss eine ansehnliche Flugkurve beschreiben, Deutschland wurde wacher, wenngleich Löw in seiner engen Coaching-Zone nicht immer so gut aussah wie seine Klamotten. Vor allem Werners Ballverluste trieben den Bundestrainer in den Wahnsinn. Logische Folge: In der 78. Minute kam Serge Gnabry für Werner. Das Spiel wogte unkoordiniert zwischen den Strafräumen hin und her.

Die Ära Löw endet mit einer Enttäuschung

Bis in der 75. Minute plötzlich eine englische Welle über dem DFB-Team zusammenbrach und das Stadion in eine Ekstase versetzte, die auf herkömmliche deutsche Ohren schmerzhaft wirkte. Sterling schloss die sehenswerte Kombination mit seinem dritten EM-Tor zum 1:0 ab. Die Deutschen hatten nicht mehr viel zuzusetzen. Gnabry stand völlig neben sich. Sein Ballverlust war Vorlage für die Entscheidung: Harry Kane besorgte das 2:0. Es blieb zu wenig Zeit für eine angemessene Reaktion, auch wenn am Ende – wie vor drei Jahren beim WM-Aus gegen Südkorea – Mats Hummels und Manuel Neuer verzweifelt mitstürmten.

Die Ära Löw endet also mit einer Enttäuschung, der Bundestrainer selbst sah aber auch das Positive: Es müsse zwar erst einmal die eine oder andere Stunde vergehen, „bevor man ein paar Worte an die Mannschaft richtet. Aber wir haben viele junge Spieler, die daraus lernen werden. Bei der Heim-EM 2024 werden einige auf ihrem Topniveau sein.“ Nur Löw ist dann nicht mehr dabei. (Jan Christian Müller)

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