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DFB-Auswahl: Plötzlich Titelfavorit

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Von: Frank Hellmann

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Hoch springen kann sie auch: Lea Schüller nach ihrem 2:0. Foto: dpa
Hoch springen kann sie auch: Lea Schüller nach ihrem 2:0. Foto: dpa © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Die deutschen Fußballerinnen wollen nach der 4:0-Gala gegen Dänemark auch gegen Spanien für sich werben

London mag ja unendlich viele Vorzüge haben, von der Sonne verwöhnt ist die englische Hauptstadt eher nicht. Umso mehr haben die Menschen ein Wochenende mit wolkenlosem Himmel und Temperaturen jenseits der 30 Grad genossen, wobei es die Einheimischen dann eher nicht nach South Bank mit seinen Sehenswürdigkeiten am Themseufer zieht. Stattdessen strömen viele raus an die Riverside in Richmond, wo sich abseits des touristischen Trubels das Leben noch viel liebevoller gestaltet. Nicht weit weg auf der anderen Flussseite liegt der Syon Park, in dem das deutsche Frauen-Nationalteam wohnt. Und eitel Sonnenschein herrscht auch hier.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf hielt in der Nacht zu Samstag bei Pommes und Burger nach dem rauschhaften 4:0 gegen Dänemark eine Dankesrede und kündigte eine weitere Unterbrechung seines Urlaubs zu einem möglichen Halbfinale an, die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg spendierte einen freien Nachmittag, ehe am Sonntag auf feinem englischen Rasen wieder trainiert wurde. Gilt es doch, die erste Gala im zweiten Gruppenspiel gegen Spanien (Dienstag 21 Uhr/ARD) in Brentford zu bestätigen. Spanien habe zwar eine „super Mannschaft“, sagte die Bundestrainerin, aber: „Wir haben gezeigt, dass wir richtig was können.“

Das als Wundertüte bezeichnete DFB-Team mit seinem Mix aus den besten Kräften vom FC Bayern und VfL Wolfsburg legte einen perfekten Auftritt hin, der den zur Delegation gehörenden Joti Chatzialexiou ins Schwärmen brachte: „Es war tatsächlich das beste Spiel, was ich von unserer Mannschaft in meiner sportlichen Verantwortung bisher gesehen habe“, sagte der Sportliche Leiter Nationalmannschaften. Die rechte Hand von DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte Anfang 2018 die Frauen erstmals zu einem Einladungsturnier in die USA begleitet. Seine erste Amtshandlung war die sofortige Ablösung der überforderten Bundestrainerin Steffi Jones.

Nun hat ihre Nachfolgerin Voss-Tecklenburg – nach einer Übergangsphase unter Horst Hrubesch – die erste echte Bewährungsprobe nach der missglückten WM 2019 in Frankreich grandios gemeistert. Was Chatzialexiou besonders gefiel: „Wir haben endlich auch mal sehr selbstbewusst Fußball gespielt.“ Man solle nun bloß weiter „mit einem Selbstverständnis spielen, dass wir die Mannschaft sind, die entscheidet, wer hier Europameister wird“. Das war mal eine Ansage. Im Duell „zweier Titelanwärter“ erwartet der 46-Jährige „eine große Werbung für den Frauenfußball“.

Die zur Spielerin des Spiels gewählte Lina Magull freute sich bereits am Freitag über „ein schönes Zeichen in Europa, auch nach Deutschland“. Der Respekt vor dem achtfachen Europameister ist nach diesem katapultartigen EM-Start enorm gewachsen. Die Experten bei der BBC überschlugen sich mit Lobeshymnen auf eine deutsche Elf, die nicht nur kreativ mit dem Ball, sondern auch aktiv gegen den Ball schuftete.

Und so stellte Voss-Tecklenburg neben einem „großartigen Teamwork und super Umschaltspiel“ speziell die „große Defensivlust“ heraus. Ihr Matchplan gegen einen fahrigen Vize-Europameister von 2017 ging hinten wie vorne auf. Das Pressing funktionierte noch nie so gut. Das erste Tor der zu Tränen gerührten Anführerin Alexandra Popp als Einwechselspielern bei der Frauen-EM 2022 fügte sich in ein harmonisches Gesamtbild. „Wir haben das Gefühl, wir können alle 23 Spieler reinwerfen – das ist eine tolle Basis“, sagte Voss-Tecklenburg.

Erleichterte Trainerin

Die 54-Jährige wirkte hernach unendlich erleichtert; von der Powerfrau vom Niederrhein fiel riesiger Ballast ab. Ihr Ehemann, der Bauunternehmer Hermann Tecklenburg, hatte auf der Tribüne mitgeklatscht, während sie später mit erhobenen Augenbrauen erklärte, wie wertvoll die Vorbereitung mit drei Trainingslagern war. Endlich einmal genug Zeit, um ohne jede Rücksichtnahme auf Vereinsinteressen, ohne Ausfälle und bei nur einem einzigen Coronafall (Popp) zu üben. „Die Zeit mit vielen Gesprächen hat dazu geführt, dass dieses Team in sich unheimlich gewachsen und gefestigt ist.“

Diese Stabilität wird es nicht nur gegen Spanien brauchen, sondern auch in einem möglichen Viertelfinale gegen Norwegen oder England. Es gibt inzwischen sogar aus dem deutschen Lager erste Stimmen, dass es auf dem Weg nach Wembley zum Endspiel am 31. Juli gar nicht so verkehrt wäre, früh gegen den Gastgeber England anzutreten. Nur die mit der Kapitänsbinde bedachte Svenja Huth trat ein bisschen auf die Bremse: „Bei aller Euphorie und aller Freude – und ich bin wirklich sehr, sehr stolz auf meine Mannschaft: Wir sind noch ganz am Anfang.“ Dunkle Wolken ziehen über London oft in Windeseile auf.

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