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Neu im Kreise der Nationalelf: Nadiem Amiri (2. v. li.) und Suat Serdar (2. v. r.) umrahmt von Lukas Klostermann (l.) und Luca Waldschmidt.

Länderspiele

Nationalmannschaft ohne 14 gegen Argentinien

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Joachim Löw sorgt sich, dass ihm angesichts vieler Ausfälle die Zeit davonläuft. Auch Tah, Gündogan und mutmaßlich Reus müssen gegen Argentinien passen.

Es ist lange her, aber noch nicht vergessen. Damals, in einer längst vergangenen Zeit, musste Teamchef Rudi Völler kurz vor der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea beim Testspiel gegen die USA in Rostock auf gleich 14 Spieler verzichten. Die allermeisten hatten Völler wegen diverser Unpässlichkeiten abgesagt, und manch einer vermutete, es habe sich auch der eine oder andere eingebildete Kranke daruntergemischt. 

So kam es, dass Deutschland die Vereinigten Staaten ohne das Kreativquartett Michael Ballack, der wegen einer Muskelverhärtung nur auf der Bank saß, Sebastian Deisler, Mehmet Scholl und Lars Ricken empfing. Stattdessen durften Männer wie Torsten Frings, Frank Baumann und Oliver Neuville mitspielen – und siehe da: Deutschland gewann in einem aufregenden Spiel 4:2. Vor allem der Bremer Frings spielte derart gut, dass er es unverhofft noch in den WM-Kader schaffte und sich beim späteren Sensationsfinalisten tatsächlich als rechter Verteidiger einen Stammplatz eroberte.

Joachim Löw ist tapfer um Haltung bemüht

Siebzehneinhalb Jahre später sitzt Völlers Nach-Nachfolger Joachim Löw im Forum des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund und sieht ganz ähnlich unglücklich wie der gute Rudi anno 2002 aus. Damals lag Fußball-Deutschland ziemlich am Boden, es war die Episode der Rumpelfüßler, die sich dann heldenhaft bis ins Finale von Yokohama gegen Brasilien rumpelten. Als irgendwie rumpelfüßig kann die aktuelle Phase wohl auch beschrieben werden. 

„Wenn ich höre, dass die Klub-WM und andere Wettbewerbe aufgebläht und neu geschaffen werden, dann ist das nicht förderlich.“

Joachim Löw

Jedenfalls sagt Löw, vor der Partie am Mittwochabend (20.45 Uhr, RTL) in der bei weitem nicht ausverkauften Dortmunder Arena gegen Argentinien tapfer um Haltung bemüht: „Im März und Juni hatte man den Eindruck, die Dinge seien gut im Fluss, aber nach der Sommerpause gab es einen Bruch“, stöhnt er. Dieser Bruch setzt sich aus den gegen Argentinien verletzt oder erkrankt fehlenden Spielern zusammen und sieht personell so aus: Die grippegeplagten Werner und Tah, Gündogan mit Muskelbeschwerden, wahrscheinlich auch Reus wegen einer Kniereizung und die verletzt gar nicht erst angereisten Schulz, Kehrer, Sané, Draxler, Trapp, Hector, Ginter, Goretzka, Kroos und Rüdiger - alle nicht dabei. 14 Mann, wie einst bei Völler.

Nationalmannschaft konnte 2018 Ausfälle besser kompensieren

Löw erweckt verdächtig den Eindruck, er sorge sich ernsthaft, dass ihm mit Blick auf die Europameisterschaft im kommenden Sommer die Zeit davonläuft. Denn nach der vermaledeiten Weltmeisterschaft 2018 ist der verspätet angegangene Umbruch ja erst gerade angelaufen, das gemeinsame Einspielen sei „schon au“ ein „wichtiges Element unserer Entwicklung“, sagt er in dem ihm eigenen südbadischem Idiom. Aus dem gemeinsamen Einspielen wird nun nichts, stattdessen steht eine ziemliche Rumpftruppe auf dem Platz: „So hatte ich es mir nicht erhofft und so war es auch nicht erwünscht“, klagt Löw.

In den besseren Tagen, vor dem Rumpelanfall 2018 , wäre eine derartige Ausfallserie noch zu kompensieren gewesen, doziert der Bundestrainer, es gab halt schon ein gutes Gefüge. An einem neuen Gerüst wollte Löw in diesem Oktober eigentlich arbeiten, aber jetzt muss er schauen, dass er mit Leuten wie den beiden Freiburgern Luca Waldschmidt und dem einer breiten Öffentlichkeit gänzlich unbekannten Robin Koch, dazu mit Niklas Stark von Hertha BSC, etwas zusammenbastelt. 

Emre Can mit Chancen bei der Nationalmannschaft des DFB

Auch Emre Can, Ersatzmann von Juventus Turin, und der ebenfalls türkischstämmige Schalker Suat Serdar dürfen sich Einsatzchancen errechnen, Der türkische Nationaltrainer hat indes mit Verwunderung auf die Nominierung von Serdar reagiert. „Allein wegen Suat Serdar war ich drei Mal bei Schalke 04 im Stadion“, sagte der 67-jährige Günes. „Es hat Gespräche mit seiner Familie gegeben.“ Zudem sei gesagt worden, dass der 22-Jährige nicht für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen werde. Jetzt könnte es anders kommen.

Fragt man Joachim Löw, wer die Anführerschaft übernehmen kann in dieser Verlegenheitself, fallen ihm Marc-André ter Stegen, Niklas Süle und Joshua Kimmich ein. Ein Ersatztorwart, ein Verteidiger, der bei der WM vor einem Jahr noch Ersatz war, und ein 24-Jähriger. Das sagt einiges über die Statik in dieser Mannschaft.

Nations League macht Joachim Löw nicht glücklich

Deutschland:  ter Stegen - Klostermann, Süle, Stark, Halstenberg - Kimmich, Can - Havertz - Gnabry, Waldschmidt, Brandt.

Argentinien:  Marchesin - Foyth, Pezzella, Otamendi, Tagliafico - de Paul, Paredes, Rodriguez, Pereyra - Dybala, Lautaro Martinez.

Schiedsrichter:  Turpin (Frankreich)

Der Bundestrainer sieht ja gerade sowieso nicht glücklich aus, und besser wird seine mindestens leicht angespannte Laune auch dann nicht, wenn er Fragen zur Ausweitung der Nations League beantworten muss. Dadurch, dass in der Top-Liga künftig 16 statt zwölf Teams dabei sein dürfen, ist Deutschland der Abstieg erspart geblieben. Eigentlich, so könnte man annehmen, müsste der Bundestrainer sich darüber freuen, hatte er doch in der Vergangenheit für Testspiele dringend Top- Gegner angemahnt. Die organisiert ihm die Uefa nun mittels der Spielplanreform, einer Lex Germany sozusagen, auch, um den einträglichen deutschen Sponsorenmarkt nicht zu verlieren.

Als die Uefa seinerzeit ihre Idee einer Nations League vorstellte, hat der DFB auf Wunsch von Löw noch erfolgreich darum kämpfen können, dass nur drei Teams pro Gruppe die Endrunde ausspielen. Der Bundestrainer wollte Termine für Testspiele ohne den ganz großen Druck des Gewinnenmüssens freihalten. Dann waren die Niederlande und Frankreich besser, Deutschland stieg ab und die Uefa reagierte mit Aufstockung. Heißt für das DFB-Team: Freundschaftsspiele wie gegen Argentinien wird es künftig nicht mehr geben können, weil dafür schlicht kein Platz mehr im Terminkalender ist. Heißt für Löw: Künftig sollten tunlichst nie mehr so viele Spieler absagen wie im verregneten Oktober 2019.

Von Jan Christian Müller

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