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Hat viel zu tun dieser Tage: Tim Meyer, Mannschaftsarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Fußball

DFB-Arzt Tim Meyer: Der Mann, der den Fußball retten soll

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Tim Meyer ist zurzeit der vielleicht wichtigste Mann im deutschen Fußball: Als Leiter einer medizinischen Taskforce soll er dafür sorgen, dass die Bundesliga trotz Corona-Krise schnellstmöglich den Betrieb wieder aufnehmen kann.

  • Tim Meyer leitet die medizinische Taskforce
  • Er gilt als kundiger Experte
  • Wann kann die Bundesliga den Spielbetrieb wieder aufnehmen?

Eigentlich könnte Tim Meyer gerade etwas mehr Zeit für sich haben. Und für Spaziergänge mit seiner Frau. Und fürs gelegentliche Laufen an der Saar entlang. Die Universität des Saarlandes, wo der Professor für Sport- und Präventivmedizin lehrt und forscht, ist nämlich geschlossen: keine Studenten und keine Patienten. Nur einen Campus-Notdienst gibt es noch. Die gut 20 Mitarbeiter seines in vielen medizinischen Fachfragen zum Fußball weltweit führenden Instituts sind ins Homeoffice geschickt worden. Die aktuelle Forschungsprojekte zu möglichen Kopfverletzungen bei Kopfbällen sowie Regeneration und Infektionen werden gerade etwas aufgehalten.

Corona-Krise: Tim Meyer bewertet die medizinische Lage

Von zu Hause in Saarbrücken arbeitet auchTim Meyer. Seit dem 27. Februar, nachdem das Coronavirus aus China eingeschleppt wurde, ist der Wissenschaftler als Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Deutschen Fußball-Bundes in die werktäglichen DFB-Telefonkonferenzen zur Bewertung der medizinischen Lage geschaltet. Auch aufMeyers Betreiben hin wurde schon früh die Länderspielreise der U 20-Juniorinnen nach Japan ebenso abgesagt wie der geplante Trip von U21-Trainer Stefan Kuntz nach Tokio.

Seit einer Woche ist der internistische Teamarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nun auch noch Vorsitzender der „Taskforce Sportmedizin/Sonderspielbetrieb“ der Bundesliga. Dreimal wöchentlich trifft der 52-Jährige sich in einer Videokonferenz mit weiteren Taskforce-Mitgliedern, um ein Konzept dafür zu entwickeln, dass der deutsche Profifußball möglichst im Mai den Geisterspielbetrieb wieder aufnehmen kann. „Für mich haben die aktuell im Fußball anstehenden Herausforderungen komplett die frei werdende Zeit aufgefressen“, berichtet er.

Wahrscheinlich ist Tim Meyer gerade der wichtigste Mann im deutschen Fußball.

Denn nur, wenn die von dem gebürtigen Norddeutschen aus Nienburg an der Weser angeführte vierköpfige Expertengruppe der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eine Strategie vorstellt, die von Virologen, Klubs, Medien, Spielern, Politik, Fans und Gesellschaft akzeptiert wird, kann die laufende Saison mit noch ausstehenden neun Spieltagen fortgeführt werden. Die Verantwortung ist riesig. Denn die Meyer-Kommission ist sowohl im Auftrag des schlingernden wirtschaftlichen Geschäftsbetriebs Profifußball als auch der Gesundheit aller betroffenen Spieler unterwegs. Und sie weiß, dass sie viel mehr als nur eine bloße medizinische Expertise in Zeiten der Corona-Krise ins ganze Land aussendet.

Corona-Krise: Gesellschaftlicher Sprengstoff ist enorm

Der gesellschaftliche Sprengstoff ist enorm. Aktuell ist die von der DFL postulierte „medizinisch vertretbaren Fortführung des Spielbetriebs“ nur vorstellbar, wenn alle Mitglieder einer jeden Mannschaft inklusive Trainern und Betreuern regelmäßig in kurzen Abständen getestet würden. Rund 20 000 Testungen wären dafür im Mai und Juni für erste und zweite Liga notwendig. Wenn ein mit Corona Infizierter beim Eckball im Strafraumgewühl oder in den Katakomben andere Profis ansteckte, würde das einem medizinischen GAU gleichkommen. Technisch wären diese in dichter Folge durchzuführenden Tests zwar möglich. Doch derzeit klagen Pflegekräfte und Ärzte aus nachvollziehbaren Gründen über mangelnde Testkapazitäten. Sie (und nicht Fußballprofis) müssten engmaschig getestet werden, um die gesundheitlich Schwächsten im Land davor zu schützen, womöglich von einem an Corona Erkrankten behandelt zu werden.

Die medizinische Taskforce setzt darauf, dass in einem Monat die derzeitigen Engpässe in den Laboren überwunden sind und der Profifußball zudem zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung stellen kann. Zum Konzept gehört auch, ein Minimum an Personen zu den jeweiligen Spielen zuzulassen, nämlich laut „Bild“: Nicht mehr als acht Trainer, Betreuer und Ärzte als Begleitung eines jeden Spielerkaders, zudem lediglich vier Balljungen und höchstens 36 Mitarbeiter der Produktionsgesellschaft und der TV-Anstalten in sonst leeren Stadien.

Tim Meyer äußert sich derzeit nicht zu den Plänen, alles ist im Fluss. Am Anfang der Krise wies er noch darauf hin, dass er bei Fußballern keine erhöhte Gefahr eines angegriffenen Immunsystems aufgrund der Belastungen erkennen kann, „wenn man von den unvermeidlichen engen Kontakten absieht“. Auch sagte er, die „Gefahr einer Übertragung des Virus“ sei auf der Tribüne, gerade im Stehbereich, „wo sich die Fans nach einem Tor ihrer Mannschaft in die Arme fallen, beträchtlich höher“. Fußball vor Publikum bleibt somit vorerst ein No Go.

Corona-Krise: Meyer als kundiger Experte

Einen kundigeren Experten mit einem breiteren persönlichen und fachlichen Background für die anstehenden hochsensiblen Fragen als den stets zurückhaltend und abwägend agierenden Meyer könnten DFB und DFL kaum aufbieten. Als Volksläufer schaffte er zehn Kilometer in kaum mehr als 31 Minuten. Als Fußballspieler, dem es nicht an Technik und Laufbereitschaft, wohl aber an Zweikampfhärte fehlte, brachte er es immerhin zu einem Kurzeinsatz auf der Spielmacherposition in der damaligen Nienburger Verbandsligamannschaft. Seit 2001 gehört er zum medizinischen Stab der A-Nationalmannschaft, war bei fünf Weltmeisterschaften dabei und hat von insgesamt 256 Länderspielen seitdem nur zwei verpasst.

Den Trainern von Rudi Völler über Jürgen Klinsmann bis zu Joachim Löw dient der Australien-Liebhaber als vertrauensvoller Ansprechpartner. Vor der WM in Südafrika 2010 empfahl er ein Teamquartier auf 1300 Meter Höhe und wurde erhört. Vor den Auswärtsspielen im kasachischen Astana 2010 und 2013 folgte der DFB seinem Rat, die fünfstündige Zeitverschiebung zu ignorieren, unter anderem, indem die Zimmer der Spieler komplett verdunkelt wurden. Vor der WM 2014 in Brasilien instruierte er den gesamten Stab, den unbekannten Erregern im Campo Bahia des abgelegenen Fischerdorfs Santo André mit besonderen Hygienemaßnahmen zu begegnen. Auch die regelmäßige Nutzung der berühmten Eistonne fußt auf seinen Studien zur schnelleren Regeneration. Aber eine Studie für die Quadratur des Kreises, die er jetzt mit seinen geschätzten Kollegen schaffen soll, gibt es nicht.

Soll bald wieder Fußball gespielt werden? Unsere Autoren Frank Hellmann und Ingo Durstewitz mit einem Kommentar dagegen und dafür.

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