Hohe Herren im Arbeitsoutfit: Die DFB-Delegation auf der Baustelle.
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Hohe Herren im Arbeitsoutfit: Die DFB-Delegation auf der Baustelle.

DFB-Akademie

DFB-Akademie in Frankfurt: Bierhoffs Baby wächst

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Der DFB führt stolz über seine Baustelle auf der alten Frankfurter Galopprennbahn und pocht trotz Terminhatz auf die Länderspiele.

  • 2021 soll die DFB-Akademie in Frankfurt fertig gestellt sein
  • DFB-Manager Oliver Bierhoff besichtigt die Baustelle
  • Bierhoff nimmt Stellung zu den Terminen der Nationalmannschaft

Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig: Der smarte Fußballmanager Oliver Bierhoff im perfekt sitzenden Jacket unter der Warnweste, mit Bauhelm auf dem Kopf, Mund- und Nasenschutz im Gesicht und klumpigen Schutzschuhen an den Füßen. Zum Rundgang auf der vor einem Jahr eröffneten Baustelle der neuen DFB-Akademie auf der alten Frankfurter Galopprennbahn musste auch der DFB-Direktor die Sicherheits- und Hygieneerfordernisse entsprechen - und tat dies mit höchster Disziplin.

Im Spätherbst kommenden Jahres soll das voll im Zeit- und Finanzplan liegende 150-Millionen-Euro-Projekt fertiggestellt sein. Es ist Bierhoffs Baby, das da so gedeihlich wächst. Der 52-Jährige hat es im Verband gegen anfangs harte Widerstände durchgesetzt. Bald soll das „Jahrhundertbauwerk“ (DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius) mit seiner voluminösen Großspielfeld-Halle, dreieinhalb Außenplätzen, 428 Arbeitsplätzen für DFB-Mitarbeiter, Technologie-Labor und 33 Athletenzimmern dem deutschen Fußball einen „Riesenanschub“ (Bierhoff) geben.

So oder so ähnlich wird sie mal aussehen, die neue DFB-Akademie.

Sogar der Corona-Krise kann der DFB-Direktor bei aller Unbill noch etwas Gutes abgewinnen. Bierhoff glaubt, dass viele Vereine aufgrund der eingeschränkten finanziellen Mittel nun „kreativer werden und mehr Wert auf die Talentförderung setzen“. Das findet er gut, das ist auch ein Ziel der neuen Akademie, „ich denke, dass wir im DFB sogar gestärkt aus der Krise rausgehen“.

Für die Zukunft kann er sich auf dem 15-Hektar-Gelände neben der Eliteförderung auch hin und wieder Basisarbeit vorstellen, ein Jugendcamp im Sommer unter Anleitung der DFB-Trainer beispielsweise. Grundsätzlich sollen die Nationalmannschaften aber abgeschottet dort trainieren. Zustände, wie sie Bierhoff aus England beschreibt, will er in Frankfurt nicht erleben. Im 2012 eröffneten St. Georges Park National Football Centre mit seinen 14 Spielfeldern gäbe es inzwischen einen wahren Fußball-Tourismus. „Da wollen Trainer und Spieler schon gar nicht mehr hin, weil sie sich wie im Zoo fühlen.“

Das nächste Zusammensein der Nationalmannschaft wird es ohnehin nicht in Frankfurt geben, wo aber durchaus das Teamquartier für die EM 2024 aufgeschlagen werden könnte, wie Curtius berichtet. Alles andere würde die riesige Investition in die DFB-Akademie ja auch weitgehend ad absurdum führen. Ohnehin dürfte sich das DFB-Team künftig wieder regelmäßiger in Frankfurt treffen, weil die Bedingungen auf dem neuen Gelände an der Kennedyallee so vortrefflich sind: „Wir haben hier dann perfekt programmierte Fitnessgeräte, die wir nicht jedes Mal mühevoll ankarren müssen, Top-Rasenplätze, medizinische Versorgung, Datenbank und Analysebereiche, so dass wir überlegen, ob wir uns zumindest vor Auswärtsspielen stets hier treffen, möglicherweise aber auch vor Heimspielen in anderen Städten“, blickt Bierhoff im Gespräch mit der FR voraus. Ob die Athletenzimmer den Ansprüchen der Topstars entsprechen, muss sich dann noch zeigen, Hotels in unmittelbarer Umgebung gibt es ohnehin ausreichend.

Zunächst wird sich Joachim Löws A-Team aber wohl in Stuttgart treffen, wo am 3. September gegen Spanien das erste Länderspiel seit dem 6:1 gegen Nordirland aus dem November 2019 in Frankfurt stattfinden soll. Am 6. September folgt dann ein Spiel der Nations League in der Schweiz. Medial nachhallende Kritik von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge an der Uefa-Terminierung zwischen Ende der Champions League und Beginn der Bundesliga hat Bierhoff vernommen, zu einem persönlichen Gespräch sei es aus terminlichen Gründen noch nicht gekommen.

Viel Raum für Werte

Bierhoff reagiert öffentlich auf Rummenigges Anwürfe ganz geschickt mit einer Einerseits-Andererseits-Argumentation. Einerseits sei man im DFB ohnehin bestrebt, gemeinsam in Gesprächen mit den Klubs die Belastungssteuerung der Nationalspieler nicht nur von Spiel zu Spiel zu justieren, sondern sensibel mittelfristig. Andererseits habe die Nationalmannschaft zuletzt „in vielen Punkten zurückgesteckt“, indem sie den Spielbetrieb schlicht eingestellt habe (vier Länderspiele fielen bisher aus). „Jogi Löw muss da jetzt eine sehr junge Mannschaft formen, das bedeutet, dass die häufig zusammen sein sollte. Wir verfolgen da klar unser Ziel.“ Ein Ziel, das gerade in einem derart komplizierten Corona-Jahr und einem entsprechend eng getakteten Terminplan vor der EM im Juni/Juli 2021 und der WM im November/Dezember 2022 umso mehr zu Zielkonflikten mit den Topklubs der Bundesliga führen dürfte.

Die derzeitige DFB-Zentrale am Rand des Frankfurter Stadtwalds dürfte nach dem Auszug der Mitarbeiter dann schnurstracks dem gemeinsam Organisationskomitee von Uefa und DFB für die EM 2024 zur Verfügung gestellt werden. Es läuft wahrlich nicht alles immer rund beim DFB, aber an dieser Stelle könnte ein Rädchen perfekt ins andere greifen. Im gläsern ummantelten Boulevard des neuen Gebäudes sollen an den Wänden dann übrigens die Werte des DFB zu betrachten sein. Der Boulevard ist fast so lang wie das gesamte, stolze 307 Meter lange Gebäude. Viel Raum für wenige überzeugend vorgelebte Werte.

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