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Nachdenklich: Joachim Löw.

DFB

Joachim Löw sortiert aus - und glaubt an befreiende Wirkung

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Der Abschied von Hummels, Müller und Boateng ist vor allem dem Durchlüften geschuldet.

Der betriebswirtschaftliche Begriff „Change Management“ steht im hohen Hause des Deutschen Fußball-Bundes seit geraumer Zeit weit oben auf der Agenda. Alles ist irgendwie verändert im – laut Eigenwerbung – „neuen DFB“: die Hierarchien flacher, die Strukturen schlanker, die Ehrenamtler machtloser, die Selbstbedienungsmentalität geringer. 

Der Verband mit seinen mitsamt Tochtergesellschaften inzwischen nahezu 500 Mitarbeitern hat sich mehrfach gehäutet, gerade erst ist die Direktion von Oliver Bierhoff mit rund hundert Leuten aus seiner Abteilung Elitefußball aufgrund des im zentralen Domizil am Frankfurter Stadtwald herrschenden Platzmangels in die nahe gelegene Bürostadt Niederrad umgezogen. Noch in diesem Herbst soll endlich der Grundstein für die neue Akademie an der alten Galopprennbahn gelegt werden, für die der Verband gestern die Frankfurter Firma „Groß und Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH“ als Generalunternehmer vorstellte. Es herrscht Dynamik, wohin man auch schaut.

Löw richtete sich allzu behaglich in der imaginären Hängematte ein

Dem vorangetriebenen Veränderungsprozess hatte sich Bundestrainer Joachim Löw geraume Zeit nicht anpassen müssen. Denn die Krise, die den DFB im Zuge des Sommermärchenskandals bis in die Grundfeste erschütterte, war ja bis zum Sommer 2018 nicht auf die Nationalmannschaft übergriffig geworden. Ganz im Gegenteil: 2017 holte der Bundes-Jogi sich mal eben im Vorbeigehen mit ein paar, dann mehrheitlich bald wieder ins zweite Glied verschobenen, jungen Wilden wie selbstverständlich den Confed-Cup aus Russland ab. Alles Roger also. Dachte man. Dachte auch Löw und richtete sich allzu behaglich mit eilends verlängertem Vertrag bis 2022 in der imaginären Hängematte ein.

Ein Fehler, wie man weiß.

Am kommenden Freitag wird der 59-Jährige seinen Kader für ein Testländerspiel am 20. März gegen Serbien in Wolfsburg und das EM-Qualifikationsspiel am 24. März in Amsterdam gegen die Niederlande benennen und am Montag darauf seine Auserwählten im vornehmen Ritz Carlton Hotel in der Autostadt begrüßen. Das Medienecho ist gewiss. Löw hat es sich erlaubt, auf den letzten WM-Vorrundenplatz im eigenen betulichen Tempo per Salamitaktik zu reagieren: Acht Wochen lang dauerte es, ehe er Ende August eine überschaubar tiefgängige WM-Analyse vorstellte. Mario Gomez und Sami Khedira waren da schon verabschiedet worden. Fast drei Monate nach dem letzten Länderspiel, einem 2:2 Mitte November gegen die Niederlande, brauchte es, ehe der Bundestrainer per Kurzbesuch in München die Demission der vorherigen Führungskräfte Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng hinter sich gebracht hatte.

Bislang galt vor allem die soziale Kompetenz und integrative Führungsstärke des netten Herrn Löw als stilbildend für das Miteinander im Nationalteam mit seinen flachen Hierarchien. Im Inner Circle verzieh man ihm, wenngleich kopfschüttelnd, deshalb auch die irritierende Selbstdarstellung fürs öffentliche Fotobuch an einer Laterne in Sotschi unmittelbar nach dem missglückten WM-Auftaktspiel gegen Mexiko. Spätestens seitdem weiß auch draußen jeder: Er ist eigen, dieser Jogi Löw. Er macht sein Ding.

Was ein wenig untergegangen ist: Bei der nun erfolgten Degradierung von Hummels, Müller, Boateng zu Ex-Internationalen kann es sich keinesfalls nur um eine sportliche Entscheidung gehandelt haben. Nach Khedira trennte sich Löw von drei weiteren Führungsspielern, die intern und in der Außendarstellung gleichermaßen zu absoluten Wortführern gehörten und an denen sich große Teile der Gruppendynamik ausrichteten. Wie dereinst an Michael Ballack.

Als dieser kurz vor der WM 2010 durch einen Tritt von Kevin-Prince Boateng aufs Krankenlager befördert wurde, ist schnell deutlich geworden, dass Löw das Fehlen des bei Medien und Fans gleichermaßen höher als intern geachteten Capitanos zupass kam. In Südafrika sah es dann so aus, als hätte die Mannschaft mit Ballack gar Ballast abgeworfen. Eine ähnliche befreiende Wirkung auf aufstrebende Kräfte rechnet sich Löw auch jetzt aus. Und der Abschied von Ballack, der sich seinerzeit ein volles Jahr hinzog und entsprechend genüsslich zum Nachteil des zaudernden Bundestrainers medial ausgeweidet und vom Spieler als „Hinhaltetaktik“ gewertet wurde, dürfte ihm ein warnendes Beispiel gewesen sein: lieber einen Abschied wie ein Blitz als einen mit langem Donnergrollen.

Warum nicht Neuer und Kroos?

Man kann das so machen, muss aber nicht. Der Brutalität des Konkurrenzkampfes im Profisport ist Löw im März 2019 mit einer den Usancen der Branche angemessenen Gefühlskälte begegnet. Aber er wird spätestens in Wolfsburg gefragt werden: Warum Hummels, Müller, Boateng, alle um die 30, warum aber nicht Neuer (32) und Kroos (29)? Oder auch: Warum nicht gleich Joachim Löw selbst? Warum ist dieser Weltmeistertrainer aus dem Jahr 2014 jetzt noch der Richtige, die Weltmeisterspieler aber bis auf Kroos und Neuer aber allesamt nicht mehr? Und, wenn schon: Warum dann diesen Rauswurf erst im März, zwischen Tür und Angel, nachdem die Bayernspieler die Kollegen aus Dortmund längst wieder eingeholt haben, und nicht in der Winterpause, als das Krisenhafte in München noch leichter als Erklärbausatz für den vorzeitigen Abschied verdienter Kräfte getaugt hätte?

Die Stilfragen, mit denen Löw mit seiner unbarmherzigen Radikalrotation jetzt konfrontiert wird – die „FAZ“ schrieb von „Schande“ – werden alsbald sportlich beantwortet. Die Defensivkräfte Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Niklas Süle oder Matthias Ginter sollten tunlichst unterlassen, folgenreich über den Ball zu treten. Wenn es schwerwiegend schiefgehen sollte am Sonntag in zwei Wochen in Amsterdam, könnte der Dienstag in München als vorletzte Fußnote der Ära Löw in Erinnerung bleiben. Wie sagte doch Thomas Müller in seiner Videobotschaft vom Mittwoch? „Es ist noch nicht vorbei.“ Es klang fast wie eine Drohung.

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