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Im Kreise seiner Mannschaft: Holland-Coach Roland Koeman. 

DFB-Gegner Holland

Deutschland - Niederlande: Relikte der Vergangenheit

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Wenn sich Deutschland und Holland in der EM-Qualifikation in Hamburg begegnen, spielen die unappetitlichen Vorfälle von vor 31 Jahren im Volksparkstadion kaum noch eine Rolle.

Wenige Tage dauerte es im Frühjahr, da war das Hamburger Volksparkstadion für das EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Niederlande am heutigen Freitag ausverkauft. Was anderes hätte auch verwundert. Kaum eine andere Konstellation der Länderspiel-Geschichte hat solch emotionale Ausschläge geliefert. Für die hässlichen Momente dieses Klassikers steht dabei das EM-Halbfinale vom 21. Juni 1988 an selber Stelle. Das alte Stadion mit seinen ungeschützten Stehplatztribünen war mit offiziell 56 110 Zuschauern besetzt, als zunächst Lothar Matthäus einen umstrittenen Foulelfmeter verwandelte. Dann glich der heutige Bondscoach Ronald Koeman mit einem noch fragwürdigeren Strafstoß aus. Die Entscheidung besorgte eine Minute vor Schluss der Weltklassestürmer Marco van Basten, der eine Fußspitze vor Jürgen Kohler am Ball war. Der Meilenstein zum späteren Europameistertitel.

Ausgerechnet Koeman sorgte danach im Innenbereich noch für den Eklat, als der holländische Libero das von Olaf Thon überreichte deutsche Trikot dazu benutzte, sich feixend den Hintern abzuwischen. Vater Martin tadelte seinen Sohn dafür, dass er sich auf ein derart tiefes Niveau herabgelassen habe. Sein Filius zeigte zunächst keinen Anflug von Reue. Dass im WM-Achtelfinale 1990 bei einigen Akteuren die Sicherungen durchbrannten und Frank Rijkaard sich die berühmte Spuckattacke gegen Rudi Völler leistete, hatte viel mit dieser Vorgeschichte zu tun. Es brauchte viele, viele Jahre, um die Gräben wieder zu schließen.

Bei den Duellen Deutschland - Holland überwiegt inzwischen die Wertschätzung

Inzwischen will Koeman über die alten Zeiten gar nicht mehr viel reden. Seine Replik: „Ich war jung und voller Emotionen. Das ist doch lange her.“ Relikte der Vergangenheit. Lieber spricht der 56-Jährige über die neue Umgangsform. „Ich erkenne sehr, sehr viel Respekt voreinander, und zwar zwischen den Spielern und den Fanlagern. Bei aller Rivalität ist ein sauberer, gesunder Konkurrenzkampf entstanden.“ So wie heutzutage deutsche Touristen sich bei ihren Ausflügen nach Groningen oder Amsterdam beim Nachbarn willkommen fühlen, haben die Fußball-Nationalmannschaften ihre Animositäten weitgehend abgelegt.

Die jüngsten drei Vergleiche in der Nations League und in der EM-Qualifikation waren geprägt von einem Rahmen gegenseitiger Wertschätzung. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und Königliche Niederländischer Fußballbund (KNVB) kooperieren in einem Projekt, um beispielhaft eine datenbasierte Analyse der Begegnung vorzunehmen. Bundestrainer Joachim Löw lobt den Erneuerungsprozess, der im Februar 2018 mit Amtsantritt des neuen Bondscoach begann: „Koeman ist Ajax- und Barça-Schule. Holland hat sich fußballerisch seitdem enorm entwickelt und verbessert.“

Ronald Koeman will das Spiel nicht überbewerten

Während die DFB-Auswahl aus der Nations League abstieg, hätte die Elftal das neue Format im Juni (0:1 gegen Portugal) fast gewonnen. Spätstarter Virgil van Dijk (28 Jahre/28 Länderspiele) kann die Wahl zum Weltfußballer gewinnen. Und Frenkie de Jong (22) und Matthijs de Ligt (20) gelten als Hoffnungsträger, um mal wieder einem Turnier einen Stempel aufzusetzen, nachdem die WM 2018 in Russland als auch die EM 2016 in Frankreich ohne die Oranjes stattgefunden haben.

„Ich glaube, Talent tritt immer in Zyklen auf. Kleineren Ländern muss klar sein, dass es immer auch magere Zeiten geben wird“, erklärt Koeman. „Momentan habe ich das Gefühl, dass es generell wieder aufwärts geht.“ Sportchef Nico-Jan Hoogma preist ein Trainerteam, das mit den entwicklungsfähigen Spielern einen überragenden Job mache: „Das alles ist ein Glücksfall für den niederländischen Fußball.“ Auffällig ist die gute Mischung der Auswahl, die inzwischen weniger abhängig von Individualisten wie vorher Arjen Robben wirkt. Gegen Deutschland liefen vor allem der unberechenbare Memphis Depay (25) und der unverwüstliche Ryan Babel (32) zur Hochform auf, „sie schaffen es, den Gegner zu verwirren“, sagt Löw.

Für den bislang nur vom DFB-Team bezwungenen Kollegen Koeman steht eine ungefährdete Qualifikation für die paneuropäische EM 2020 (mit dem festen Spielort Amsterdam) im Vordergrund. „Gegen Estland und Weißrussland müssen wir zwölf Punkte holen. Und gegen Nordirland müssen wir besser sein.“ Dem Duell gegen Deutschland will der Trainer jetzt bitte nicht mehr Bedeutung beimessen als unbedingt nötig: „Wenn wir hier nicht gewinnen, werde ich nicht in Panik geraten.“ Und ausfällig wird er garantiert auch nicht mehr.

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