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Joachim Löw und sein Assistent Marcus Sorg (2. von links) haben die DFB-Bruchstücke zusammengefügt, so dass eine stabile Mannschaft daraus werden kann.

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Ein Gefühl für den Winter

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Das 6:1 gegen Nordirland trägt das nationalmannschaftsmüde Deutschland emotional durch den Winter. Doch die Defensive bleibt eine Baustelle Der FR-Kommentar. 

Mal rein theoretisch angenommen, der Vertrag mit Joachim Löw wäre nicht unmittelbar vor der WM 2018 bis 2022 verlängert worden und Jürgen Klopp hätte nach der vermurksten WM 2018 bereitgestanden. Dann wäre mutmaßlich eine Welle der Begeisterung durchs nationalmannschaftsmüde Land gerauscht und die Menschen hätten dem DFB die Karten aus der imaginären Hand gerissen, nur, um dem großen Blonden mit der ganz besonderen Aura und der frisch gebleachten Kauleiste zuzujubeln. Für „Kloppo“ wäre es ein Leichtes gewesen, erstens Begeisterung zu schüren und zweitens alles auf null zu stellen und eine neue Mannschaft zu formen.

Diesen Startvorteil hatte der angeschlagen und belastet aus Russland zurückgekehrte Joachim Löw natürlich nicht, insofern war es eine komplett schwierige Zeit, sowohl persönlich gesundheitlich als auch aufgrund der vielen Verletzungen aufstrebender Spieler und komplexen Entscheidungen, die im unvergnüglichen unangekündigten Besuch bei den Bayernprofis Hummels, Müller und Boateng gipfelten.

Der Qualifikationsspielplan und die Entwicklung der Mannschaft meinten es dann zum Jahresultimo 2019 so gut mit allen Beteiligten, dass am Ende nicht ein demütigendes 2:4 wie im September gegen die Niederlande steht, sondern ein allseits gefeiertes 6:1 gegen Nordirland im November. Fühlt sich viel besser an, sowas, und hält den ganzen Winter über.

Die deutsche Defensive bleibt eine Baustelle

Löw hat es also gemeinsam mit seinem im Juni wegen seines Klinikaufenthalts verantwortlichen Assistenten Marcus Sorg immerhin geschafft, die Bruchstücke so zusammenzufügen, dass daraus wieder etwas stabiles werden kann. Die individuelle Qualität der Jahrgangsbesten 1995/96 ist - im Gegensatz zu den viel schwächeren um die Jahrtausendwende geborenen Nachwuchsspielern - noch gut genug, um genügend Potenzial für die Weltspitze erkennen zu können.

Aber bei aller ersichtlichen Qualität im Spiel nach vorn bleibt die Defensive eine Baustelle, die tunlichst zugeschüttet gehört. Zuletzt hatten Weißrussen und Nordiren mitunter viel zu freies Geleit zum deutschen Tor. Am Dienstagabend gegen Nordirland musste, nicht zu vergessen, eine Monstergrätsche von Joshua Kimmich in allerhöchster Not herhalten, um das mögliche 0:2 zu verhindern.

Im kommenden März, wenn es gegen Spanien und einen weiteren Gegner der Topkategorie gehen soll, sollte der Bundestrainer gerade in der Abwehr die Zeit der Experimente beenden, was einen gesunden Antonio Rüdiger oder die Bereitschaft zur Rückholaktion von Mats Hummels voraussetzt. Das Risiko, auf Niklas Süle nach dessen zweiten Kreuzbandriss im selben Knie zu setzen, ist zu hoch, auch mit Rücksicht auf den Spieler selbst. Außerdem erscheint die Festlegung auf zwei statt drei Innenverteidigern zugunsten eines weiteren Mittelfeldspielers ratsam, um im Herzen des Spiels die Kontrolle zu behalten.

Klopp kann 2023 kommen

Was übrigens die Personalie Jürgen Klopp angeht. Dessen Vertrag beim FC Liverpool, wo er längst wie zuvor bei Mainz 05 und Borussia Dortmund zur Kultfigur geworden ist, läuft bis zum Juni 2022. Klopp hat schon angekündigt, dass er dann eine Auszeit zu nehmen gedenkt. Der Kontrakt mit Joachim Löw läuft bis Dezember 2022, dem Ende der Winter-WM in Katar. Das würde also perfekt passen mit der Auszeit für Klopp und einem neuen Job als Bundestrainer ab 1. Januar 2023.

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