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Torwart Jasper Cillessen (links) aus den Niederlanden kann den Treffer zum 0:2 nicht verhindern. Vor dem Tor steht Leroy Sane aus Deutschland.

EM-Qualifikation

Deutschland gelingt Coup in letzter Minute

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Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft siegt in Amsterdam mit 3:2 – weil Verteidiger Nico Schulz kurz vor Schluss im Sturm zur Stelle ist.

Der Auftakt in die Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 ist der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein erstaunlicher Coup gelungen. Die DFB-Elf agierte gegen die zuvor favorisierte und am Ende konsternierte Niederlande in Amsterdam eine Halbzeit lang wie eine abgezockte Routiniertruppe und eine Halbzeit lang wie ein Perspektivteam und schaffte am Ende durch den späten Treffer von Nico Schulz einen überraschenden 3:2 (2:0)-Sieg. Die nächste Möglichkeit, in ihrer Vorrundengruppe zu punkten, bietet sich der Mannschaft am 8. und 11. Juni auswärts in Weißrussland und daheim in Mainz gegen Estland. Bis dahin kann Joachim Löw zunächst mal noch entspannter nächtigen, als er das selbst in Extremsituationen eines höchstrangigen deutschen Fußballlehrers ohnehin zu tun pflegt.

Der Bundestrainer hatte für die Hochdruckpartie in der eine Halbzeit lang gar nicht mal so stimmungsvollen Johan-Cruyff-Arena, in der nur der deutsche Fanblock nahezu halbleer blieb, im Vergleich zum Test vom Mittwoch gegen Serbien mächtig rotiert. Sieben Männer raus, sieben andere rein, zudem die mit den drei gelernten Innenverteidigern Matthias Ginter, Antonio Rüdiger und Niklas Süle defensivere Dreier- statt der Viererkette als vorletzte Instanz vor Torwart Manuel Neuer. Somit gehörten nur drei ausgewiesene Offensivexperten in der Startaufstellung an: Leon Goretzka, Leroy Sané und der zuvor einige Tage lang grippegeschwächte Serge Gnabry. Marco Reus, den der Bundestrainer unter der Woche noch ausgiebig gelobt hatte, schaffte es ebenso wenig in die erste Elf wie Stürmer Timo Werner, der zuletzt regelmäßig Stammkraft gewesen war, laut Löw wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel, wo der 29-Jährige „seit zwei Tagen ein bisschen Schmerzen“ verspüre. Reus bleibt offenbar gesundheitlich mehr Frage- als Ausrufezeichen. Wie dem auch sei: Das sah personell und taktisch verdächtig danach aus, als wolle man gegen den niederländischen Presslufthammer-Fußball schnell trocknenden Beton anrühren.

EM-Quali: Niederländer machen nach der Pause Druck

Aber die Realität sah dann anders aus. Denn die Gastgeber agierten merkwürdig zurückhaltend, als lägen sie gemeinsam unter einer imaginären Rheumadecke, die Gäste dagegen verrichteten ihre Job doch recht mutig. Goretzka, Sané und Gnabry liefen die gegnerischen Aufbauspieler früh an, die deutsche Dreierkette stand mutig hoch, die Niederländer schienen anfangs recht überrascht über so viel deutsche Chuzpe, die nach 15 Minuten in der 1:0-Führung durch Sané mündete. Toni Kroos und Nico Schulz hatten ebenso kluge wie präzise Vorarbeit geleistet. Sané, nachlässig alleingelassen, vollendete im Stile eines Topstürmers, der weiß, was im Strafraum zu tun ist.

In ähnlich perfekter Manier schloss, diesmal so ziemlich aus dem Nichts, auch Serge Gnabry in der 34. Minute ab. Der Schlenzer des 23-Jährigen schlug am verdutzten Torwart Jasper Cillessen vorbei im rechten Winkel ein. Die seltsam uninspirierten Niederländer hatten den Deutschen zuvor freundlich eskortiert. Die deutsche Führung war zu diesem Zeitpunkt schon von Kapitän Neuer geradezu heroisch stabilisiert worden. Zweimal binnen zwei Minuten brachte der bald 33-Jährige den Ex-Hoffenheimer Ryan Babel in den Gemütszustand purer Verzweiflung. Beide Male hatte Neuer Babels fast perfekte Torabschlüsse im Stile eines Weltklassekeepers entschärft.

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Aber auch die Deutschen hätten ihrerseits noch vor der Pause nochmals treffen können, Cillessen zeigte sich beim Kopfball von Thilo Kehrer ebenso auf der Höhe der Zeit wie beim Schuss des von Gnabry gekonnt in Szene gesetzten Sané mit dessen allerdings schwächerem rechten Fuß. Ansonsten machten Joshua Kimmich und Kroos einen ordentlichen Job im defensiven Mittelfeld, hinten fiel vor allem Niklas Süle in der zentralen Verteidigerposition durch konsequente Zweikampfführung auf. Ginter und Rüdiger fielen da insgesamt kaum ab.

Wenig überraschend erhöhten die Oranjes nach dem Wechsel den Druck – und wurden schnell belohnt. Beim Kopfball von Verteidiger Matthijs de Ligt war Neuer machtlos, viel zu einfach hatte Memphis Depay zuvor flanken können, da fehlte es am deutschen Gegnerdruck. Jetzt war Stimmung in der Arena, die Gäste mussten sich erst einmal sammeln und taten das auch zunächst tapfer und nicht ungeschickt.

Aber die zusehends klüger agierenden Niederländer ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie wussten ja, wer vorne nicht nur rumsteht und äußerst ökonomisch agiert. Wuchtbrumme Depay sollte man im Strafraum besser nicht an den Ball kommen lassen. Schon unter der Woche hatte der Angreifer beim 4:0 in Weißrussland zwei Tore erzielt und zwei vorgelegt. Diese Form konnte er konservieren. Bei seinem 2:2-Ausgleich nach einer guten Stunde zeigte der 25-Jährige zum Verdruss von Neuer alles, was einen Strafraumstürmer ausmacht.

Löw reagierte, brachte den defensiveren Ilkay Gündogan für Goretzka, später noch Reus für den starken, aber erschöpften Gnabry. Mutig wie Eishockeyspieler warfen sich die deutschen Abwehrspieler in der Schlussphase in die holländischen Schüsse, fleißig liefen sie viele Lücken zu, und kamen vorne völlig überraschend noch zu einem entscheidenden Zug. Nico Schulz tauchte plötzlich und unerwartet im Zentrum auf, die kluge Vorarbeit von Reus verwertete der Linksverteidiger in der 90. Minute eiskalt lächelnd zum umjubelten 3:2-Sieg.

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