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Joachim Löw schwört die Nationalmannschaft auf das EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande ein.

EM-Qualifikation

Deutschland-Niederlande: Vorerst kein Platz für Kai Havertz

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Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande erklärt Joachim Löw seine Doktrin und wird dabei von Toni Kroos unterstützt.

Joachim Löw hat seinen Wortschatz erweitert. Er benutzt jetzt regelmäßig das Adjektiv „echt“, was er früher nie getan hat. Der 59-Jährige hört sich dann echt jugendlich an, und möglicherweise ist das neue Bundestrainer-Vokabular dem geschuldet, dass der Mann mit der angehenden Häuptling-Winnetou-Mähne in den vergangenen Tagen in erster Linie mit jungen Kerlen zwischen 20 und 24 zu tun hatte und nicht mehr mit so vielen alten Knackern um die 30. 

Die Verjüngungskur, die Löw der Fußball-Nationalmannschaft nach erfolgter Diagnose des erfolglosen WM-Teams (hier: fußballerischer Altersstarrsinn) verordnet hat, scheint auch den Mann im besten Opa-Alter zurück in einen Jungbrunnen bugsiert zu haben. 

Deutschland-Niederlande EM-Qualifikation 2019 am Freitag, 06.09.2019, 20:45 bei RTL 

So kraftvoll und stark wie bei der Pressekonferenz im Zweitligaheim des Hamburger SV vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande am heutigen Freitagabend (20.45 Uhr, RTL) hat man diesen fast schon ewigen Bundestrainer lange nicht mehr gesehen und gehört. Es ist zu spüren: Löw ist mit sich im Reinen, dass das bestens klappen dürfte mit der von einer konsequenten Verjüngung begleiteten Spielreform.

Den nächsten Gegner hat sich Löw dabei als eine Art Benchmark ausgeguckt. Die Niederländer findet er deshalb gut, weil sie den Ball sauber von hinten rausspielen, weil sie ständig die Positionen wechseln und weil sie nach Balleroberung echt schnell nach vorne rennen. Genau diese Schwerpunkte lehrt auch Löw, und zwar tut er das offenbar derart gut, dass sein langjährigster Feldarbeiter Toni Kroos keine erkennbaren Zweifel lässt, wenn er sagt: „Ich finde, dass wir deutlich besser unterwegs sind als im Vorfeld der WM.“ Kroos erklärt dann auch noch gerne, was geblieben und was anders geworden ist. Es sei ja sicher nicht so, „dass wir den Ball nicht mehr haben wollen, aber wir machen das jetzt direkter als zuvor. Es sind ein paar Pässe weniger, mit denen wir vors Tor kommen wollen. Das ist der Weg, dem Gegner wehzutun.“

Deutschland-Niederlande EM-Qualifikation 2019: Löw gibt Gnabry Garantie

Löw selbst hätte es kaum besser formulieren können. Er würde sich und seine Idee eines ebenso attraktiven wie erfolgreichen Fußballs schlichtweg verraten, wenn er aus dem WM-Desaster die Konsequenz gezogen hätte, komplett auf Konterfußball, neudeutsch: Umschaltspiel, zu setzen. Sauberes Passspiel, gepaart mit Draufgängertum und Mut zum Dribbeln, dazu eine konsequente Konterabsicherung, sind die Merkmale, die er sehen will. Auch nach dem Ausfall von Leroy Sané bleibt der Bundesvorwärtstrainer dabei, auf drei Angreifer zu setzen, „die Tiefe suchen und finden“ sollen. 

Und er stellt breit grinsend klar: „Serge Gnabry spielt immer.“ Da macht es auch nichts, dass der Münchner zuletzt ein paar kleinere muskuläre Probleme mit sich herumschleppte. Weil auch Marco Reus, wenn er denn tatsächlich so fit ist wie im Moment, immer spielt, gibt es dort vorn nur eine Personalie zu lösen. Julian Brandt oder Timo Werner werden Sané ersetzen, einer von beiden muss auf die Bank. Für Werner sprechen dessen fünf Saisontore, für Brandt dessen Auftreten in den Trainingseinheiten in Hamburg. Löw hat das seismografisch präzise registriert.

Deutschland-Niederlande EM-Qualifikation 2019: Es wird eng für Kai Havertz

Glaubt man ihm, dann wird er aktuell für das seit Jahrzehnten anerkannt größte deutsche Fußballtalent Kai Havertz keinen Platz im Team finden. Dabei musste sich Leon Goretzka wegen einer Einblutung im Oberschenkel verletzt abmelden, es wäre eigentlich also Platz für Havertz. Löw lobt den Jungen, gerade erst 20 geworden und schon im dritten Jahr Bundesligaspieler, aber eher perspektivisch: „Für den finden wir einen Platz in den nächsten Jahren.“ 

Ohnehin bleibt Löw bei aller Bereitschaft zu Reformen dabei, sein Team unter die Überschrift „mannschaftliche Geschlossenheit“ zu stellen. „Davon und von der Raumaufteilung leben wir seit Jahren, das ist unsere Lösung, daran müssen sich alle richten.“ Neulich zur Copa America hatte er seinen persönlichen Lieblingsscout Urs Siegenthaler geschickt. Der Schweizer hat vor Ort herausgefunden, dass die Süd- und Mittelamerikaner vor allem auf individuelle Stärke setzen.

Kroos als zentraler Faktor im System Löw - auch im Spiel gegen die Niederlande

Gegen individuelle Stärke hat natürlich auch Löw nichts, aber sie soll immer in ein systematisches Spiel mit eingespielten Abläufen eingebettet sein. Eine moderne Form der Maxime „Der Star ist die Mannschaft“. Daran werkeln sie mit dem gebotenen Fleiß, das sollen heute Abend im ausverkauften Volksparkstadion auch die Niederländer erfahren. 

Löw glaubt, festgestellt zu haben, dass die jungen Recken schon ein Gefühl dafür entwickelt haben, was gemeinsam möglich ist mit dieser vermutlich letzten Generation hochtalentierter deutscher Fußballspieler, die sich „2024 vielleicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere“ befänden. Genau dann, wenn in Deutschland das nächste Sommermärchen, diesmal ehrlich erworben und als Europameisterschaft verkleidet, stattfinden soll.

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Löw: Mannschaft am Anfang ihrer Entwicklung

Noch sieht Löw die Seinen „am Anfang“ einer Entwicklung, und weil das so ist, „ist der Umgang mit Fehlern ein zentrales Thema bei uns“ sowie „Stabilität und Widerstandsfähigkeit“. Dabei ist Toni Kroos ein zentraler Faktor. Der 29-Jährige von Real Madrid hatte im vergangenen Juni pausiert, um sich nach vielen anstrengenden Spieljahren ein wenig zu erholen.

Jetzt sieht es der Mittelfeldspieler „schon so, dass ich im EM-Jahr konstant dabei sein will und muss“. Seine Führungsaufgaben wird Kroos ausbauen müssen, mal schauen, ob das klappt. Er erwartet gegen die Niederlande ein „schwieriges Spiel auf hohem fußballerischen Niveau“. Und ja, der Bundestrainer habe sich „inhaltlich extrem entwickelt“, ganz unabhängig vom erweiterten Wortschatz. Und auch davon, dass er sich erfolgreich das Rauchen abgewöhnt hat.

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