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Deutscher Ordnungshüter

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Von: Frank Hellmann

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Richtet den Blick viel häufiger nach vorne als früher: Julian Weigl, Organisator im Mittelfeld bei Benfica Lissabon. afp
Richtet den Blick viel häufiger nach vorne als früher: Julian Weigl, Organisator im Mittelfeld bei Benfica Lissabon. afp © AFP

Julian Weigl spielt eine zentrale Rolle bei Benfica Lissabon fürs Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Liverpool.

Vermutlich muss das so sein, dass die Vereinshomepage von Benfica Lissabon die Fans auffordert, sich viele wichtige Termine für diese Woche zu notieren. Bei einem reichweitenstarken Mehrspartenverein mit Teams auf Topniveau im Fußball, Basketball, Volleyball, Handball oder Hockey kann schon mal ein Spiel durchrutschen. Keinen besonderen Hinweis benötigt eigentlich das Viertelfinale der Champions League von Benfica Lissabon gegen den FC Liverpool (Dienstag 21 Uhr/Amazon Prime). Ein solch großes Fußballspiel hatte der Verein seit vielen Jahren nicht mehr: Das Estadio da Luz, eines der prächtigsten Stadien in Europa, bietet einen würdigen Rahmen für dieses traditionsreiche Kräftemessen zweier stolzer Fußball-Marken. Mittendrin ein ehemaliger Bundesligaspieler, der applaudierend über der Terminleiste abgebildet wird: Julian Weigl.

Der 26-Jährige ist als deutscher Ordnungshüter im defensiven Mittelfeld bei Benfica hoch angesehen. In elf Spielen der Königsklasse – Qualifikationsspiele mitgerechnet – und 25 Ligaspielen stand die Nummer 28 bereits auf dem Platz. Sein Spiel, sagte der bis Winter 2020 bei Borussia Dortmund angestellte Mittelfeldmann kürzlich, habe er beim portugiesischen Renommierklub weiterentwickeln können. „Ich bin vom Grundsatz her immer noch der gleiche Spieler, aber ich habe ein paar Kilo draufgelegt, körperlich zugelegt, versuche auch ein aggressiver Zweikämpfer zu sein. Und ich bereite mehr Tore vor, habe mehr vorletzte Pässe.“ Auch persönlich habe er einen Schritt nach vorne gemacht, findet der junge Familienvater, „ich bin reifer und erwachsener geworden.“

Dass Benfica sich in den Achtelfinals gegen Ajax Amsterdam (2:2, 1:0) mit ein bisschen Glück durchsetzte und das erste Mal in der Vereinsgeschichte ein Champions-League-Halbfinale erreichen kann – den Europapokal der Landesmeister als Vorgängerwettbewerb gewann der Klub mit dem Ballkünstler Eusébio in grauen Vorzeiten 1961 und 1962 –, sorgte kurzfristig für Ablenkung von den unschönen Schlagzeilen, die wegen der mutmaßlichen Korruptionsdelikte des vor knapp einem Jahr gestürzten Präsidenten Luis Filipe Vieira den Klub belasteten.

Jürgen Klopp hat Respekt

Zudem trennte sich Portugals Rekordmeister zum Jahreswechsel von Trainer Jorge Jesus, der sich mit einigen Leistungsträgern überworfen hatte. Im Liga-Alltag läuft das Team mit dem ehemaligen Frankfurter Haris Seferovic zwar den eigenen Ansprüchen als Dritter hinter dem FC Porto und Lokalrivale Sporting hinterher, aber für Liverpools Kultcoach Jürgen Klopp verdient der Gegner großen Respekt: „Benfica ist extrem stark – vor allem, wenn man sie gewähren lässt.“ Was Weigl vom ersten Tag an wahrgenommen hat: „Benfica ist der größte Klub im Land. Der Druck und die Erwartungshaltung sind enorm groß.“

Nach Niederlagen, erzählte er, könne man „nicht vor die Tür gehen“. Um einigermaßen unerkannt zu bleiben, kam ihm die Maskenpflicht in der Pandemie entgegen. Der Mund-Nasen-Schutz zusammen mit Sonnenbrille und Kappe, „dann geht es“. Insgesamt schätzt Weigl das Leben in einer der lebhaftesten Hauptstädte Europas. Weil man hier nicht allein mit Englisch den Alltag meistern kann, hat er früh Portugiesisch gepaukt; er würde inzwischen „nicht fehlerfrei, aber fließend“ sprechen.

Dass ihn kürzlich Bundestrainer Hansi Flick zu den März-Länderspielen berief, erfüllte Weigl mit Freude und Stolz: „Wir sind der größte Verein Portugals: Ich habe mir erhofft, dass das in Deutschland wahrgenommen wird.“ Doch verlief sein sechster Länderspieleinsatz nach fünf Jahren Abstinenz eher unauffällig: fraglich, ob er beim Freundschaftsspiel gegen Israel (2:0) wirklich seine WM-Chancen gesteigert hat. „Ich wäre extrem gerne dabei“, versichert er mit Blick aufs Katar-Turnier. Doch das Erreichen des Champions-League-Halbfinals würde er mindestens auf derselben Stufe ansiedeln.

Weigls Vertrag läuft in Lissabon noch bis 2024. Er selbst sagt, dass die Familie meist im Frühjahr gemeinsam berät, was für die nahe Zukunft das Beste sei. Trotzdem hörte sich das nicht so an, als strebe da einer zwingend eine Luftveränderung an. Zumal ab Sommer mit Roger Schmidt ein Landsmann als neuer Cheftrainer für den derzeitigen Interimscoach Nelson Verissimo kommen soll.

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