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Die strukturierteste und aufrüttelndste Rede inmitten einiger grotesk missglückter Beiträge des DFB-Bundestags hielt Oliver Bierhoff.

Deutscher Fußball in der Krise

Deutscher Fußball: Note 5, aufstehen

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Oliver Bierhoff und Ralf Rangnick erkennen grundsätzliche Defizite im deutschen Fußball. „Unsere Spieler agieren zu wenig individuell und kreativ.“

Es ist ein bisschen untergegangen im Trubel um den neuen Präsidenten. Die strukturierteste und aufrüttelndste Rede inmitten einiger grotesk missglückter Beiträge des DFB-Bundestags hielt Oliver Bierhoff. Der Topmanager des Verbands hielt dem deutschen Fußball den Spiegel vor, und was der deutsche Fußball in diesem Spiegel sah, war nicht schön. Es läuft im Grundsatz etwas schief.

Diese Woche werden Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Bayer Leverkusen in der Champions League sowie Eintracht Frankfurt, Borussia Mönchengladbach und der VfL Wolfsburg in der Europa League wieder auf dem internationalen Prüfstand gestellt. Die Ausbeute dieses Jahrzehnts ist mager. Während spanische Mannschaften in selben Zeitraum 15 europäische Titel holten, schaffte das für die Bundesliga nur der FC Bayern (2013 gegen den BVB).

Trainer wurden alleine gelassen

Bierhoffs in mahnendem Tonfall vorgebrachten Erkenntnisse nach Abfrage von mehr als 250 Experten stellen dem DFB und der Bundesliga ein Zeugnis aus, das der Note mangelhaft gleichkommt.

Erstens: „Die persönliche Entwicklung der Spieler steht nicht im Fokus unseres Systems.“

Zweitens: Wir haben zu viele ähnliche Trainertypen ausgebildet und die Trainer in einigen Bereichen alleingelassen.“

Die bereits absehbaren Folgen besonders für die Geburtsjahrgänge des neuen Jahrtausends: Erstens: „Unsere Spieler agieren zu wenig individuell und kreativ.“

Zweitens: „Es fehlt uns perspektivisch an durchsetzungsstarken Spielertypen.“

Die Folge: Die in der eigenen Ausbildung teils versagenden Bundesligisten importieren vermehrt Talente vor allem aus Frankreich und Trainer aus den Nachbarländen Schweiz, Österreich und den Niederlanden. Das erschreckendes Ergebnis eine aktuellen Zählung laut Bierhoff: 30 Prozent weniger deutsche Talente aus dem eigenen Nachwuchs schafften es 2018 in die Bundesliga als noch im Jahr 2006. Die Entwicklung geht also genau in die falsche Richtung.

Die Bundesliga hat an Qualität verloren

Der DFB-Direktor steuert mit dem „Projekt Zukunft“ stramm dagegen. Talente sollen individueller gefördert werden und mehr Einsatzzeiten erhalten. Bierhoff: „Es darf nicht sein, dass ein Nachwuchsspieler sechs Stunden zum Auswärtsspiel im Bus sitzt und keine Minute spielt.“ Daran, dass das nicht mehr geschieht, sollte man Klubs und Verband künftig sehr genau messen.

Kommt jetzt endlich, mit viel zu viel Verspätung, Dynamik in die Angelegenheit? Ralf Rangnicks Tonalität ist deutlich. Der „Head of Sport and Development Soccer“ bei Red Bull rügt als einer der anerkannten Vordenker modernen Fußballs die mangelhafte Ausbildung und große deutsche Traditionsklubs dafür, dass diese „sich langsamer drehen als die Queen Elisabeth im Hamburger Hafenbecken“.

Und er bedauert den Abgang der Toptrainer Jürgen Klopp, Pep Guardiola und Thomas Tuchel. „Topspieler werden von Toptrainern entwickelt. dadurch, dass wir solche Leute nicht mehr in der Bundesliga haben, ist das Spiel langsamer geworden.“ Die Bundesliga habe spürbar an Qualität eingebüßt. Beispiel Klopp, so Rangnick in der „FAZ“: „Wenn man sich Jordan Henderson oder James Millner anschaut, die waren vor Klopp absoluter Durchschnitt. Dass sie zu solchen Spielern geworden sind, liegt ausschließlich an ihrem Trainer.“ Und: „Sadio Mané, Mohamed Salah und Roberto Firmino waren bis vor drei, vier Jahren alles andere als typische Pressingstürmer. Die wollten nur den Ball haben und kicken. Dass das in Liverpool so zusammengewachsen ist, hat nur mit Jürgen Klopp zu tun.“

Ajax Amsterdam als Beispiel

Trainer dieser Güteklasse finden sich in der Bundesliga derzeit nicht, auch wenn Rangnick glaubt: „Julian Nagelsmann ist das größte deutsche Trainertalent. Er ist für sein Alter sehr reif und kann, wenn er sich so weiterentwickelt, auf eine Stufe kommen mit Klopp und Guardiola.“

Die sechs englischen Topklubs haben allesamt ausländische Chefcoaches. Es sind durchweg Männer, die dem körperbetonten Fußball, der auf der Insel seit Jahr und Tag geboten wird, zusätzlichen Esprit, Taktik und Individualität verleihen. Ähnliche Kompetenzen deuten in der Bundesliga zumindest Peter Bosz (Niederlande, Leverkusen), Adi Hütter (Schweiz, Frankfurt) und Oliver Glasner (Österreich, Wolfsburg) an.

Dortmunds Sportchef Michael Zorc macht sich im „Kicker“-Interview nichts vor: „In den vergangenen sechs Jahren hatten wir eine klare Dominanz der spanischen und englischen Liga. Diese beiden Ligen sind uns mehr als nur einen Schritt voraus.“ Das Beispiel Ajax Amsterdam, aber auch jenes von Champions-League-Finalist Tottenham Hotspur mit seinem argentinischen Trainer Mauricio Pochettino, zeigt, dass das nicht nur mit Geld zu tun haben kann. Sondern mit einer stabilen Entwicklung, Klugheit, Mut und Konsequenz in der Nachwuchsarbeit, entsprechendem Expertenwissen und einer dahingehend ausgerichteten Personalauswahl. Zorc räumt ein, die englischen Klubs hätten sich „extrem professionalisiert“. Die englische Nationalmannschaft profitiert davon sichtbar.

Entwicklung braucht Zeit

Oliver Bierhoff glaubt, das DFB-Team könne bis zur EM 2024 im eigenen Land vom vorhandenen Talentepool gerade noch ausreichend Kraft saugen. Danach sieht es indes vergleichsweise düster aus. Rangnick: „In spätestens acht bis zehn Jahren bekommen wir ein Qualitätsproblem in Deutschland.“ Bierhoffs Masterplan ist deshalb auf einen Zeitraum von 15 Jahren angesetzt. DFB-Vizepräsident Rainer Koch hat sicherheitshalber den nächsten Weltmeistertitel lieber erst für 2034 ins Visier genommen.

Die sechs deutschen Mannschaften präsentieren mutmaßlich in dieser Woche auf internationalem Terrain von 66 möglichen Startelfspielern lediglich neun oder zehn deutsche Talente bis zum Alter von 24 Lebensjahren: Niklas Süle, Joschua Kimmich, Serge Gnabry (Bayern), Kai Havertz. Nadiem Amiri und Jonathan Tah (Leverkusen), eventuell Julian Brandt (Dortmund), Lukas Klostermann, Timo Werner (Leipzig) sowie Florian Neuhaus (Gladbach). Eintracht Frankfurt (Kevin Trapp, 29) und der VfL Wolfsburg (Maxi Arnold, 25) bleiben gar gänzlich ohne Beitrag zum deutschen Talentepool unter 25.

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