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Joachim Löw und Oliver Bierhoff schauen sich das Spiel an, mit dem sich der FC Bayern aus der Champions League verabschiedet.

Deutscher Fußball

Ein harter Dexit

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Nach der Nationalmannschaft spielen auch die deutschen Spitzenklubs nur die zweite Geige.

Es ist erst anderthalb Monate her, als Matthias Sammer auf einem hell ausgeleuchteten Podium der Düsseldorfer Messe saß. Der Chefkritiker des deutschen Fußballs trug damals einen knallblauen Pullover über einem blau-weiß gestreiften Hemd, was einen schönen Kontrast zu seinem rot-grauen Bart bildete. Der ehemalige Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Sportvorstand des FC Bayern skizzierte ein alarmierendes Bild vom deutschen Fußball. „Wir laufen aktuell der Musik hinterher, sowohl in der Nationalmannschaft als auch zum Teil bei den Klubs, wenn man höchste Ansprüche hat“, sagte einer, den die Öffentlichkeit aus seinen aktiven Zeiten als „Feuerkopf“ kannte.

Aktuell scheint es, als sei bei wichtigen Protagonisten das Feuer erloschen. Wer Manuel Neuer, Kapitän der Nationalmannschaft und den Bayern, bei seinem Statement zum Ausscheiden in der Champions League gegen den FC Liverpool zuhörte, der erschrak regelrecht über den resignativen, fast fatalistischen Unterton.

Der in doppelter Hinsicht verletzlich wirkende Torhüter skizzierte am besten den Verlust einstiger deutscher Urtugenden. Wo sind die kratzbürstigen Elemente hin, wenn es spielerisch nicht läuft? Das deutsche Trio ist gegen die englische Troika in der Königsklasse krachend gescheitert. Eine Nullnummer, fünf Niederlagen. Bei einem Torverhältnis von 3:17. Ein harter Dexit. Borussia Dortmund blieb rat- und torlos auf der Strecke, der FC Schalke 04 wehr- und hilflos. Und der FC Bayern, der sonst noch immer die Kohlen für die Bundesliga aus dem Feuer holte, hat schmerzhaft die Dringlichkeit der Erneuerung erfahren. Im wichtigsten Vereinswettbewerb schaut Fußball-Deutschland in der entscheidenden K.-o.-Phase genau wie bei der WM in Russland nur zu. Das tut verdammt weh.

Wer legt jetzt den Finger in die offene Wunde? Bundestrainer Joachim Löw, der sich mit einer in Stil und Form arg misslungenen Ausbootung von drei Münchner Weltmeistern angreifbar gemacht hat? Präsident Reinhard Grindel, der als Quereinsteiger aus dem Politbetrieb immer noch vielen Profivertretern fremd vorkommt? Vier Tage nach Sammers aufrüttelnden Worten ging Grindel auf einer Talkrunde in Frankfurt nicht auf dessen Kardinalkritik ein. Tenor: alles halb so schlimm. Bald darauf sollte die Deutsche Fußball Liga (DFL) erstmals einen Sportreport vorstellen. Botschaft: In der Bundesliga wird am häufigsten aufs Tor geschossen, es fallen die meisten Tore, kommen die meisten Zuschauer und gibt es die wenigsten Roten Karten in den fünf europäischen Topligen. Fakt ist aber auch: Erstmals seit 2006 fehlt nun ein deutscher Klub im Champions-League-Viertelfinale. Dabei hatte DFL-Chef Christian Seifert beim eigenen Neujahrsempfang noch konstatiert, dass der deutsche Profifußball andere Ambitionen habe, als Mittelmäßigkeit zur neuen Höchstleistung zu erklären. Dieser Anspruch ist bei Gesamterlösen von rekordreifen 4,42 Milliarden Euro folgerichtig.

Viel zu kurz greift daher die Argumentation, der Fußball auf der Insel sei finanziell so viel bessergestellt. Trotzdem stehen auch der FC Porto oder Ajax Amsterdam in der Runde der letzten Acht. DFB und DFL müssen sich schnell darauf verständigen, wie sie Erfolg definieren und organisieren wollen. Vieles geschieht aus Frankfurt nicht nur räumlich getrennt voneinander. Der DFB hat alle Hände voll zu tun, dass ihm die mit Alltagsproblemen belastete Basis nicht entgleitet. Die Kluft zwischen den fast 25 000 Amateur- und den 36 Lizenzvereinen wächst immer weiter: Die einen sollen den Mangel an Ehrenamtlichen auffangen und gleichzeitig Flüchtlinge eingliedern, die anderen wollen Toptalente züchten und international den Anschluss halten.

Trainer sind ein Thema

DFB-Direktor Oliver Bierhoff will spätestens in „fünf, sechs Jahren“ die A-Nationalmannschaft wieder in der Weltspitze sehen. Nur mit welchen Spielern? Revolutionäre Konzepte helfen wenig, wenn die Bolzplatzmentalität verloren geht und die Nachwuchsleistungszentren gleichförmige Systemspieler ausspucken. Bayern hat den Nationalstürmer Timo Werner auf dem Zettel, Dortmund die künftigen Nationalspieler Maximilian Eggestein (Werder Bremen) und Philipp Max (FC Augsburg). Aber solche Akteure machen bestimmt nicht den Unterschied, wenn es das nächste Mal gegen Liverpool und Tottenham geht.

Von den Spielern zu den Trainern: Es mutet wie ein Treppenwitz an, dass mit Thomas Tuchel – ungeachtet dessen unglücklichen Ausscheidens mit Paris St. Germain – und Jürgen Klopp zwei Fußballlehrer im Ausland höchste Anerkennung genießen, die einst beim FSV Mainz 05 ein gewisser Christian Heidel ins Profigeschäft hievte. Jener Entdecker hat unlängst auf Schalke das Handtuch geworfen, weil ihm eine katastrophale Kaderplanung angelastet wurde. Aber Heidel konnte nichts dafür, dass es den besten Kicker aus der Knappenschmiede, Leroy Sané, zu Manchester City zog. Löw war wiederum so unfassbar überheblich, bei der WM 2018 auf dieses zum besten Jungprofi der Premier League gekürte Ausnahmetalent aus erzieherischen Maßnahmen zu verzichten.

Vielleicht sollte zuerst eine Frage geklärt werden, die Sammer bereits gestellt hat: Was ist der Anspruch?

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