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Friedrich Curtius
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Um seinen Wikipedia-Artikel geht es: DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius.

Deutscher Fußball-Bund

Nach Kritik: DFB entschuldigt sich wegen geändertem Wikipedia-Artikel

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Im Wikipedia-Eintrag des DFB-Generalsekretärs Friedrich Curtius werden Kontroversen aus dessen Lebenslauf gelöscht. Der Bund äußert sich zu seinem Vorgehen.

Update vom 23.01.2021, 08:13 Uhr: Im Streit um den Wikipedia-Eintrag des DFB-Generalsekretärs Friedrich Curtius hat sich der Deutsche Fußball-Bund öffentlich entschuldigt. In dem auf Twitter veröffentlichten Statement erklärt der DFB, ihr Dienstleister habe versäumt, „die gemachten Änderungen als ‚paid editing‘ zu kennzeichnen“. Die Überarbeitung selbst wurde allerdings nach „bestem Wissen und Gewissen“ erstellt, man sei überzeugt, bei den Angaben „neutral und belegbar gearbeitet zu haben“.

Der DFB stand in der Kritik, Kontroversen zu möglicher Vetternwirtschaft im Wikipedia-Eintrag von Friedrich Curtius so überarbeitet zu haben, dass der Artikel ihren Generalsekretär in ein besseres Licht stellt. Es sei laut dem Statement vereinbart gewesen, „dass dieser Eintrag Kritik nicht ausblenden“ dürfe. Man sehe jedoch ein, dass ihr Vorgehen den Regeln von Wikipedia widerspreche. Daher äußere der DFB „absolutes Verständnis für die Kritik und entschuldigt sich in aller Form“.

Erstmeldung vom 18.01.2021, 16:06 Uhr: Frankfurt am Main - Friedrich Curtius ist bis in den Corona-Winter hinein einer breiteren Öffentlichkeit eher unbekannt geblieben. Der vordringliche Job des hochaufgeschossenen Generalsekretärs des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist es ja auch, nach innen zu wirken und die fast 500 Mitarbeiter:innen zu betreuen.

Friedrich Curtius: Machtkampf beim DFB bringt dem Generalsekretär überregionale Aufmerksamkeit

Aber seit der Machtkampf des schon anderthalb Jahrzehnte im Verband tätigen 44-Jährigen mit dem erst seit 16 Monaten im Amt befindliche DFB-Präsidenten Fritz Keller, 63, öffentlichkeitswirksam eskaliert ist, hat Curtius mehr überregionale Aufmerksamkeit erlangt, als ihm lieb sein dürfte. Der eloquente promovierte Jurist ist jetzt kein Schattenmann mehr.

Die Schlagzeilen sind jedoch gerade wenig vorteilhaft. Unter anderem deshalb, weil dieser Tage berichtet wurde, dass der Eintrag des just von einem schweren Leitersturz und zwei Ellbogenbrüchen kurierten Fußballfunktionärs im Online-Lexikon Wikipedia im Auftrag des DFB durch einen externen bezahlten Dienstleister mehrfach bearbeitet wurde. Laut „Spiegel“ wurde eigens für diese Form der professionellen Public Relations im Juni 2019 ein Vertrag in einem finanziellen Umfang von mehr als 15 000 Euro von Curtius selbst sowie von DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge unterschrieben.

DFB lässt Wikipedia-Eintracht von Generalsekretär Friedrich Curtius für viel Geld frisieren

Tatsächlich finden sich in Curtius’ Wikipedia-Historie zwischen 22. August und 28. November 2019 insgesamt sieben durch einen gewissen Sebastian Himstedt editierte Änderungen. Die Überarbeitung am 22. August 2019 war gar mehrere Seiten lang und wurde mit drei Dutzend Weblinks versehen. Zuvor war der seit März 2016 existierende Eintrag über Curtius in der Internet-Enzyklopädie dürr auf einer viertel Seite mit lediglich drei Links zu Internetartikeln zu lesen gewesen.

Deutscher Fußball-Bund
PräsidentFritz Keller
Mitgliederca. 7.131.936
Vereineca. 24.544
FIFA-Beitritt1904

Auffällig: Unter anderem wurde am 22. August 2019 der Hinweis auf vermeintliche Vetternwirtschaft mit „einem Schulfreund“, dem Curtius laut des vorherigen Eintrags einen Exklusiv-TV-Vertrag „zuschanzte“, im Sinne des Generalsekretärs gestrichen, komplett umgeschrieben und präzisiert.

PR-Mann des DFB wird von Wikipedia-Administrator gesperrt

Himstedt, bei dem es sich offenbar um einen PR-Mann handelt, wurde am vergangenen Freitag um 19.25 Uhr von einem Wikipedia-Administrator gesperrt. Zudem heißt es auf Curtius’ Wikipedia-Seite in der Dachzeile: „Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten.“

Bei Wikipedia ist man schwerwiegend irritiert über das Vorgehen des DFB. „Wikipedia lebt vom Engagement ehrenamtlicher Autor*innen. Das Paid Editing, also die bezahlte Erstellung oder Überarbeitung von Artikeln, steht im Widerspruch zur Idee ehrenamtlicher Mitarbeit und ist nur unter Einhaltung strenger Auflagen geduldet“, sagt Abraham Taherivand der Frankfurter Rundschau verärgert.

Im Fokus: DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius.

Wikipedia übt scharfe Kritik am Verhalten des DFB

Der Geschäftsführende Vorstand von Wikimedia Deutschland spricht von einem „schwerwiegenden Verstoß gegen die Richtlinien von Wikipedia“ denn: „Insbesondere wurde eine mögliche bezahlte Überarbeitung des betreffenden Artikels nicht transparent gemacht.“ Taherivand macht deshalb Druck: „Mit fairem Sportsgeist hat das nichts zu tun. Der DFB muss jetzt klar Stellung beziehen, ob und wie es zu der Beauftragung kommen konnte.“

Auf FR-Nachfrage, ob aus dem Fall Konsequenzen gezogen würden, weist der DFB darauf hin, dass der Auftrag „bereits im Oktober 2020“ beendet worden sei. Ob der beauftragte Dienstleister - laut „Spiegel“ das Berliner Beratungsunternehmen Esecon - die bezahlte Überarbeitung transparent gemacht habe, „können wir auf Grund der heutigen Erkenntnislage weder beurteilen noch konkret beantworten“, so der DFB. Auch den Namen Sebastian Himstedt kann der Verband weder bestätigen noch dementieren. „Wer bei unserem Dienstleister persönlich einzelne Teilprojekte bearbeitet hat, entzieht sich in der Regel und auch in diesem Fall unserer Kenntnis.“

PR-Mann des DFB ist bei Wikipedia bereits bekannt

Das ist angesichts der umfangreichen Bearbeitung durch Himstedt dann schon bemerkenswert: Laut eines Wikipedia-Administrators hat Himstedt jedenfalls „so gut wie ausschließlich in diesem Themenkreis (deutscher Fußballbund, Fußballer) geschrieben“.

Der Fall Friedrich Curtius hat jedenfalls Aufsehen erregt: Allein in den vergangenen paar Tagen ist die Wikipedia-Seite des DFB-Generalsekretärs fünfmal so oft angeschaut worden wie zuvor im ganzen Jahr 2020 zusammen.

Wikipedia reagiert sensibel auf Frisierversuche seitens des DFB

Die Sensibilität, mit der Wikipedia auf die Angelegenheit reagiert, ist nachvollziehbar. Unter Manipulationen von Artikeln über Personen oder Firmen leidet die Glaubwürdigkeit des Online-Lexikons ganz grundsätzlich. Inhalte von bezahlten Agenturen oder Beratern sind nicht verboten, müssen aber gekennzeichnet werden. Professionell organisierte Schleichwerbung oder Schummeleien können so einfacher von den Administratoren erkannt und gelöscht, diskutiert, kritisiert oder abgeändert werden.

Der Vorteil des basisdemokratischen Wissensprojekts Wikipedia ist auch die größte Gefahr: Jeder kann an Beiträgen mitschreiben, Abertausende ehrenamtliche Editoren tun das vorbildlich fleißig und unabhängig, Unternehmen, Verbände oder Lobbyisten können sich das Prinzip aber auch listig zunutze machen, indem sie selbst im eigenen Interesse Änderungen vornehmen oder Experten dafür teuer beauftragen - wie im Fall Curtius geschehen und lange unerkannt geblieben.

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