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Blickt einem EM-Jahr mit vielen Ungewissheiten entgegen: Bundestrainer Joachim Löw. 

Deutscher Fußball-Bund

Ein Umbruch und kein Ende

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Der DFB und seine Nationalmannschaft hat bewegte Zeiten hinter sich. Die Hoffnung, dass die Zwanzigerjahre etwas ruhiger werden könnten, ist äußerst vage. Eine Analyse.

Der Deutsche Fußball-Bund und die Nationalmannschaft haben im vergangenen Jahrzehnt einige Achterbahnfahrten erlebt, die von freudiger Erregung bis heftigem Unwohlsein alle gängigen Gemütslagen erfasste: drei Rücktritte amtierender Präsidenten mit entsprechenden Nebenwirkungen, eine mit mehr als zehn Jahren Verspätung bekanntgewordene schwerwiegende mutmaßliche Betrugsaffäre um die WM-Bewerbung 2006, Steuerfahndung als Hausbesuch, höchst überflüssige Ausscheiden bei den Europameisterschaften 2012 und 2016 in den Halbfinals, zwischendurch der orgiastisch gefeierte WM-Titel 2014, dann das brutale sportliche Desaster als Vorrunden-Tabellenletzter bei der Weltmeisterschaft 2018. Und schließlich: Spatenstich und Grundsteinlegung zum 150-Millionen-Euro-Neubau in Frankfurt, Umbau der gesamten Verbandsstruktur auf Druck der Finanzbehörden, angespannte Kassenlage nach anhaltenden Verlusten in den Jahresbilanzen, sowie: Entfremdung von der Basis und frühzeitiges Scheitern vieler Nachwuchsteams (mit Ausnahme der bis zum vergangenen Sommer stabil starken U21) und der Frauen-Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren. Dazu die vorzeitige Trennung von zwei Personalchefs, einem Generalsekretär, zwei Mediendirektoren sowie einem Marketing-Geschäftsführer. Ergo: Ein Verband (und sein Vorzeigeteam) im größten Umbruch seiner Geschichte.

Wie geht es nun in den Zwanzigern weiter? Werden sie golden? Tendenz: eher nicht!

Der Bundestrainer:heißt nach wie vor seit 13,5 Jahren Joachim Löw, zum Vergleich: In diesem Zeitraum gab es neun argentinische Nationaltrainer, sieben italienische, sechs englische und ebenso viele brasilianische, selbst vier spanische. Löw, ab 3. Februar 60 Jahre alt, wirkt wieder kämpferischer als in der Ausruh- und Arroganzphase zwischen 2014 und 2018. Hat öffentlich in 2018/19 aber an Kredit verloren, wird von einflussreichen Bundesligabossen (noch) gestützt, weil er 1.) ein feiner Kerl ist und 2.) aus der inneren Emigration herausgekommen ist und den von ihm entwickelten Schöngeistfußball einem pragmatischeren Ansatz weichen ließ: Er entsprach damit der Forderung (und eigener Einsicht) von mehr Tempo, Körperlichkeit und Kampf. Will freilich kein „Deutscher-Tugend-Trainer“ werden, damit würde er sich selbst verraten. Muss aber bei der EM im Sommer 2020 liefern. Ein nochmaliges persönlich folgenloses Vorrundenaus wäre, trotz großer Gegnerschaft (Frankreich, Portugal), schlicht undenkbar. Joachim Löw weiß das.

Die Mannschaft:Zugespitzt formuliert: Vorne hui, hinten pfui. Die Auswahl an begabten, flinken Offensivleuten wäre nach einer zu erwartenden Genesung von Leroy Sané fast großartig. Serge Gnabry klopft mitunter an die Weltklasse, Timo Werner spielt auf höherem Niveau denn je, von hinten drücken Leon Goretzka, Kai Havertz und Julian Brandt feste, fehlt bloß ein klassischer Mittelstürmer. Das defensive Mittelfeld ist mit Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Joshua Kimmich zumindest spielerisch blendend ausgestattet. Vor dem mit den beiden Weltklasseleuten Neuer und ter Stegen besetzten Tor fehlt allerdings absolute Topqualität. Sowohl zentral (Tah, Ginter, Koch, Can) als auch außen (Halstenberg, Schulz, Klostermann, Hector). Löw muss abwägen, ob er Mats Hummels zurückruft, sollte Abwehrchef Niklas Süle nicht rechtzeitig fit werden, Das droht, knifflig zu werden.

Der Manager:Oliver Bierhoff ist seit geraumer Zeit auch DFB-Direktor für alle Elitefragen. Heißt: Der 51-Jährige hat sich nicht nur um 23 Nationalspieler und die Befindlichkeiten im Trainerteam und dem sogenannten „Team hinter dem Team“ zu kümmern, sondern vor allem um die Perspektive. Das von ihm aufgelegte „Projekt Zukunft“ ist ebenso ambitioniert wie aufrüttelnd. Bierhoff hat als einer der ersten schon vor Jahren kapiert, dass der deutsche Fußball droht, mit seinen einst gefeierten Nachwuchskonzepten abgehängt zu werden. Anfangs wurde er als notorischer Besserwisser belächelt, mittlerweile hört man ihm zu.

Der Präsident:Fritz Keller macht nicht den dicken Maxe, sondern versucht sich als „Everybodys Darling“. Der 62-Jährige hat sich durch freundliche Umgangformen und die Bereitschaft zum Zuhören bislang recht beliebt gemacht. Will nochmal Geld in die Hand nehmen, um die (gerade erst für mehrere Millionen gecheckte) Verbandsstruktur abermals von Unternehmensberatern überprüfen zu lassen. Ist öffentlich vor allem durch je einen Gastbeitrag in der „Welt“ und im „Kicker“ mäßig aufgefallen. Will sich offenbar nicht zu sehr persönlich in den Vordergrund schieben oder in Interviews aufs Glatteis führen lassen. Kann man so machen, muss man aber nicht. Probiert zu punkten, indem er Stehplätze wieder für Länderspiele durchsetzen will und den Frauenfußball anständig fördert.

Der Generalsekretär:Friedrich Curtius ist emsig dabei, den komplizierten Laden in den Griff zu kriegen, inklusive der bereits von Kellers Vorgänger Reinhard Grindel angegangenen und von den Steuerbehörden unmissverständlich verlangten klaren Trennung in gemeinnützigen Verband und unternehmerisch ausgerichteter GmbH. Ein schwieriges Projekt, das fast alle der rund 400 Mitarbeiter betrifft. Curtius, ein sozialkompetenter und jugendlich daherkommender Mann, muss dabei auch hart sein, was seinem Naturell nicht unbedingt entspricht.

Der Außenminister:Der Bayer Rainer Koch hat gerade wohl oder übel darauf verzichtet, eine Kampfkandidatur um einen Platz im Council der Fifa gegen den bereits 78 Jahre alten Franzosen Noël Le Graët anzustellen. Ursprünglich hatte der DFB den umtriebigen Koch ins höchste Fifa-Gremium bugsieren wollen, um dort den Platz von Reinhard Grindel zu besetzen. Aber dafür hätte die Uefa Koch als einen der europäischen Vertreter entsenden müssen. Das tut sie lieber für den Franzosen Le Graët. Koch beugt sich mit seinem Rückzug der Macht des Faktischen. Es darf angenommen werden, dass Kochs Schmusekurs mit Fifa-Boss Gianni Infantino als störend empfunden wurde, der sich mit der Uefa im offenen Streit befindet. Für einen Platz in der Uefa-Exekutive, für die sich der ehrgeizige, pfiffige und extrem fleißige 61-Jährige am 3. März beim Kongress in Amsterdam bemüht, dürfte es indes reichen.

Der Ex-Chef:Reinhard Grindel besuchte nach seinem Rücktritt Anfang April weiterhin als Ehrengast regelmäßig die Länderspiele, war im Herbst auch beim Wahl-Bundestag seines Nachfolgers vor Ort in Frankfurt, wird von manchen DFB-Vertretern gegrüßt, von anderen geschnitten. Der 58-Jährige pflegt noch Kontakte zu internationalen Fußballfunktionären und kümmert sich in der Heimat in Rotenburg an der Wümme nun mehr um seinen zehnjährigen Sohn. Ein Platz im Kuratorium der Sepp-Herberger-Stiftung wurde ihm laut „Bild“ in einer geheimen Abstimmung des DFB-Präsidiums Ende Oktober versagt. Hat dem Vernehmen nach noch keinen neuen Job gefunden. Lehnt öffentliche Statements zu seiner persönlichen und der Situation des Verbandes konsequent ab.

Nun steht die EM an. Wir haben für Sie alle Infos zum Spielplan, den Gruppen und der TV-Übertragung zur EM 2020 zusammengestellt.

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