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DEB-Chef Reinhard Grindel hat ein unbequemes TV-Interview abgebrochen.

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Raus aus den Pantoffeln

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Ein dünnhäutiger DFB-Präsident, ein lange schweigender Bundestrainer und anhaltender Misserfolg. Im deutschen Fußball gibt es viel zu tun. 

Es ist einiges aus den Fugen geraten im deutschen Fußball. Die Bundesliga blamiert sich auf europäischem Terrain bis auf die Knochen, der deutsche Dachverband düpiert sich parallel dazu in Eigenregie, als sei die Selbstkasteiung eine wahre Freude. Die Nerven liegen blank, der Kompass funktioniert nicht mehr: DFB-Chef Reinhard Grindel bricht mitten im Gespräch ein unbequemes TV-Interview ab und fügt sich dabei den größtmöglichen Imageschaden zu, dabei ist sein Ruf im Land ohnehin schon ramponiert genug. Superminister Oliver Bierhoff, der DFB-Direktor aller Eliteteams und gedankliche Baumeister der neuen, 150 Millionen Euro teuren Akademie, setzt sich ungeschickt parteiisch mit einem Bayernschal auf die Tribüne der Münchner Arena. Und Bundestrainer Joachim Löw braucht nicht weniger als anderthalb Wochen, ehe er auf sanften Druck der lieben Kollegen im Verband aus den Pantoffeln kommt und sich aufmacht nach Frankfurt, wo er mit angemessener Verspätung eintrifft, um der interessierten Öffentlichkeit den Bannstrahl für die Spieler Hummels, Müller und Boateng zu erklären und sich über den „Interpretations-Journalismus“ zu wundern, dem er zehn Tage lang stumm Tür und Tor geöffnet hat. Es könnte kaum mehr verquer gehen im Profifußball und seinem Dachverband, wo sie offenbar auch untereinander nicht vertrauensvoll kommunizieren, sondern lieber erstmal ihr Ding machen.

Grindels Dünnhäutigkeit

Grindel, der in diesem September seine dritte Amtszeit als DFB-Präsident antreten will, ist als ehemaliger TV-Journalist und Bundestagsabgeordneter eigentlich ein ausgewiesener Medienprofi. Dass er dennoch vor laufender Kamera die Contenance verliert, sich seines Mikrofons entledigt und sich selbst einen Charakterspiegel vorhält, lässt sich auch mit dem eminenten Druck erklären, den der 57-Jährige derzeit auszuhalten hat: vom Bundestrainer Löw und dem Elitedirektor Bierhoff erst am selben Morgen über die Demission von drei Führungsspielern informiert; vom übermächtigen Fifa-Chef Gianni Infantino nicht nur dieser Tage beim Elefantentreffen in Miami am Nasenring durch die Manege geführt; dazu die unangenehme Sandwichposition zwischen der hartnäckig nörgelnden Amateurbasis, die ihre Interessen vom DFB nicht hinreichend berücksichtigt fühlt, und der Deutschen Fußball-Liga als Lobbyvereinigung des Profifußballs, die von Fifa-Regierungsmitglied Grindel mehr Schutz für ihren nationalen Wettbewerb vor zunehmenden internationalen Interessen erwartet. Das alles ist ein bisschen viel für einen Mann. Grindel strampelt sich ab und fühlt sich mitunter alleingelassen.

Joachim Löw hat es dagegen vergleichsweise gemütlicher angehen lassen. Aus einer ausgedehnten Winterruhe ist der Vorgesetzte der besten deutschen Fußballspieler offenbar ebenso spät wie jäh erwacht und hat sich aus dem gefühlten Dämmerzustand heraus in einer unvorhersehbaren Radikalität zur Unzeit als Basta-Instanz geriert; eine in der wechselvollen Geschichte des Verbandes beispiellose Hauruckaktion mit der Verabschiedung von drei altgedienten Spielern mitten in der Saison binnen einer Viertelstunde. Terminlich unglücklich, langfristig perspektivisch nachvollziehbar, mittelfristig sportlich diskutabel.

Unterstützung für Löw

Aber diskutable Entscheidungen gehören nun einmal zum Berufsbild eines Bundestrainers, der allerdings ausreichend entlohnt wird, um sodann auch in einem angemessenen Zeitfenster über seine Beweggründe zu referieren. Das gehört zum Jobprofil dazu, auch wenn diese Öffentlichkeitsarbeit mitsamt Bummelzugfahrt vom Refugium in Freiburg nach Frankfurt lästig sein mag.

Löw hat gestern noch einmal ausdrücklich erklärt, er hätte unbedingt vermeiden wollen, dass der Abschied von Hummels, Boateng und Müller bereits im Vorfeld durchsickert, ohne dass die Drei es von ihm selbst erfahren hätten. Das ist ehrenwert, aber dann hätte er auch einen klügeren Zeitpunkt in der Winterpause wählen können, zumal es sich laut Selbstauskunft nicht um eine Entscheidung gehandelt hätte, „die man von heute auf morgen trifft“. Dass Löw und Bierhoff erst kurz vor ihrer folgenreichen Unterredung die zuständigen Stellen im Verband (Präsident, Marketing- und Medienabteilung) informierten, mag jeder für sich selbst interpretieren.

Beide sind nur mitverantwortlich für das aktuelle sportliche Desaster: Vorrundenaus als Gruppenletzter bei der WM 2018, letzter Platz in der Nations-League-Vorrunde 2018, kollektives Scheitern der Bundesligisten in der Champions League. Das kann keine isolierte Schuld Einzelner sein, die Probleme liegen viel tiefer. Tiefer auch, als dass sie durch eine Personalrotation kurzfristig abgestellt werden könnten. Bierhoff hat die Versäumnisse in der Ausbildung zeitig erkannt und schon seit Jahren fast gebetsmühlenartig wiederholt.

Es deutet vieles darauf hin, dass Grindel und sein Präsidium weiterhin stabil zu Trainer Löw halten und weitere Rückschläge bei den Umbaumaßnahmen akzeptieren, ohne weiteren Druck aufzubauen. Niederlagen kommende Woche im Test gegen Serbien und in der EM-Qualifikation in den Niederlanden sind deshalb schlimmstenfalls eingepreist. Auch der Bundestrainer erweckt nicht den Eindruck, als mangele es ihm an Kraft, Ausdauer, Autorität und Lust zum Weitermachen, so unbequem die Lage der Fußballnation und damit auch seine persönliche Situation auch sein mag. Der DFB und seine prominentesten Vertreter müssen gerade einiges aushalten.

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