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Der Initiator der USA-Reise: Oliver Bierhoff, Direktor Nationalmannschaften und Akademie.

Reise in die USA

Die deutschen Fußball-Bosse: Blick über den Tellerrand

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Die Bundesliga-Manager holen sich vier Tage im Silicon Valley neuen Input ab. Großes Lob von US-Fan Fredi Bobic.

San Francisco strotzt nur so vor Sehenswürdigkeiten. Die Golden Gate Bridge, die Viertel Union Square, Fisherman’s Wharf oder die Gefängnisinsel Alcatraz sind automatisch erste Anlaufstellen. Mehr als ein Dutzend Manager aus der Fußball-Bundesliga folgen nur gerade anderen Wegen, denn die Leadership-Reise der DFB-Akademie ist nicht an den touristischen Höhepunkten ausgerichtet. Statt dessen sollen wichtige Entscheider vier Tage lang im 40 Meilen entfernten Silicon Valley sehr zielgerichtet einen Blick in die Zukunft werfen.

Am Montag hatte die 19-köpfige Delegation das Unternehmen Facebook besucht, um sich über moderne Unternehmensstrukturen und Digitalisierung zu informieren. Am Dienstag stand eine Stippvisite beim NFL-Giganten San Francisco 49ers und einem NHL-Match der San José Sharks an, am Mittwoch war die Stanford University an der Reihe, ehe am Donnerstag die 14 Manager, Sportchefs, Sportvorstände aus erster und zweiter Liga, U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz, Joachim Löws Assistenztrainer Marcus Sorg oder Joti Chatzialexiou als Sportlicher Leiter Nationalmannschaften zurückfliegen. Mit möglichst viel Anwendungsbezug im Hinterkopf.

„Digitale Technologien werden inzwischen überall beim Fußball eingesetzt. Ich bin neugierig, was wir vom amerikanischen Profisport lernen können“, sagte vorab Hasan Salihamidzic, Sportdirektor vom FC Bayern, der zudem „den Team-Spirit-Charakter“ der Reise heraushebt. Auf ersten Schnappschüssen sind Dortmunds Lizenzspielerleiter Sebastian Kehl, HSV-Präsident Marcell Jansen oder Bremens Scoutingleiter Clemens Fritz jedenfalls bester Laune.

Gemeinsam neue Wege gehen, um die letzten fehlenden Prozent für den deutschen Fußball herauszukitzeln – so nennt der für Nationalmannschaften und Akademie zuständige DFB-Direktor Oliver Bierhoff den übergeordneten Auftrag. „Wir müssen den nächsten Schritt machen. Die Liga ist der Treiber“, sagte der 51-Jährige kürzlich bei einem Workshop in Berlin. Auch wenn die Akademie in Frankfurt frühestens Ende 2021 fertig ist, soll Leiter Tobias Haupt bereits Denkanstöße über Topexperten transportieren. Und die finden sich offenbar vermehrt bei den rigoros an den Gesetzen der Marktwirtschaft ausgerichteten Franchise-Unternehmen des US-Sports.

Lustige Reisegruppe im Stadion der 49ers.

Man wolle sich „neueste Impulse von den erfolgreichsten Klubs der Welt“ abholen, erklärt der 35-Jährige, „und von den Strategien der weltweit führenden Tech-Unternehmen lernen“. Der Input durch die Akademie als Brückenbauer und Netzwerker zeigt sich auch, wenn am Montag Dirk Nowitzki beim Leadership-Festival im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt sein wird. Die Basketball-Ikone wird dort als Vorbild präsentiert. Nun sollen Journalisten nicht gleich in der Bundesliga in der Umkleide solche Interviews führen, wie sie Nowitzki bei den Dallas Mavericks gewöhnt war, aber es würde schon helfen, wenn DFB und DFL sich mal genauer ansehen, wie transparent der Videobeweis im US-Sport eingesetzt wird.

Auch wenn es dauert, bis sich neue Ideen im Liga-Alltag abbilden, findet Bierhoff Interesse und Aufgeschlossenheit der Klubs beeindruckend. Es sei doch ein Zeichen, „dass sich die Entscheidungsträger der Vereine mitten in der Saison den Freiraum für eine solche Reise nehmen.“ Max Eberl hätte sich vor dem Spitzenspiel von Borussia Mönchengladbach gegen den FC Bayern vermutlich in unzähligen Interviews für die Entwicklung der Fohlenelf abfeiern lassen können, nun ist ihm daran gelegen, „im Kreis meiner Kollegen andere Themen zu diskutieren“. Markus Krösche erhofft sich „einige Anregungen für meine Tätigkeit bei RB Leipzig“, Marcel Schäfer will als Hospitant der Tampa Bay Rowdies gesammelte Erfahrungen vertiefen, „um unser Spektrum beim VfL Wolfsburg noch weiter zu fächern.“ Dieser Tenor ist bei allen herauszuhören: einmal über den Tellerrand blicken.

Während Rouven Schröder vom FSV Mainz 05 wegen des Montagsspiels gegen Eintracht Frankfurt und Michael Preetz von Hertha BSC aufgrund der Verpflichtung von Jürgen Klinsmann kurzfristig verzichteten, soll die Reisegruppe von den Eindrücken angetan sein. Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic hat für diese Weiterbildung sogar das Nachbarschaftsduell in Mainz ausgelassen. „Es ist auch im Tagesgeschäft wichtig, von anderen Sportarten und Institutionen zu lernen und uns auszutauschen“, teilte der ausgewiesene USA-Fan mit. „Die kurze Wissensreise ist eine Chance für uns, Mehrwert für jeden einzelnen und den deutschen Fußball zu gewinnen.“ Der 48-Jährige unternimmt gleich nach dem Jahreswechsel den nächsten Trip über den großen Teich, weil die Eintracht erneut ihr Wintertrainingslager in den USA abhält, wo gleichzeitig noch großes Vermarktungspotenzial schlummert.

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