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Am Kopf hat das Knie nichts verloren, lieber Alexander Nübel. Und wieder gab´s Elfmeter.

U21-EM

Deutsche U21: Stresstest zur richtigen Zeit

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Nach dem Dämpfer gegen Österreich fehlen der deutschen U21 nur noch zwei Siege zum EM-Titel.

Für Stefan Kuntz ist der Schlüssel zum Glück harte Arbeit. Nach dem überzeugenden Auftritt gegen Dänemark (3:1) und der Gala gegen Serbien (6:1) musste die deutsche U21-Nationalmannschaft am Sonntag in Udine schwer schuften, um gegen gute Österreicher ein 1:1 und damit den Einzug ins EM-Halbfinale und die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele im nächsten Jahr in Tokio zu schaffen. Trainer Kuntz sagte nach dem Kraftakt: „Die Jungs haben gesehen, dass es nicht immer bergauf geht.“

Und dann wurde Kuntz kurz vor Mitternacht grundsätzlich: „Du musst deinen Schweinehund überwinden, noch mal einen Sprint zu machen, obwohl du deine Beine am Paketschalter abgeben kannst – wenn man das macht, dann erarbeitet man sich eine Form von Glück.“ Kuntz stellte zufrieden fest, dass seine Spieler ihren Schweinehund an diesem heißen Abend gegen aufsässige Österreicher mehrfach überwunden hatten. Die Hoffnung ist, dass dieser kleine Dämpfer die Spieler stärkt auf dem Weg zur angestrebten Titelverteidigung.

Kleine Lehrstunde von den Österreichern

Vor dem Halbfinale am Donnerstag wertete Stefan Kuntz die erste schwächere EM-Partie seiner Elf als kleine Lehrstunde. In solchen Spiele zeige sich, wie „stressresistent“ Spieler seien, sagte er. Kuntz lobte in diesem Zusammenhang besonders seinen Torwart Alexander Nübel. Der Schalker hatte erst einen Elfmeter verursacht, der zum Ausgleich durch Kevin Danso führte (24.). Und später, nachdem er sich bei einer Flanke verschätzt hatte, war Nübel im Glück, als der Ball nach einem Kopfball von Sasa Kalajdzic (45.) nur am Pfosten landete. Allerdings rettete der 22-Jährige auch zweimal stark (34., 57.). Nübel, dem ungewohnt viele schwache Abspiele unterliefen, riss sich nach dem Abpfiff gefrustet die Handschuhe von den Händen – ganz so, als sei seine Elf ausgeschieden. Kuntz erzählte, schon in der Halbzeit hätten die Ersatztorhüter Florian Müller und Markus Schubert sowie Torwarttrainer Klaus Thomforde versucht, aufbauend auf Nübel einzuwirken, nach dem Abpfiff übernahm das der Trainer auf dem Rasen.

Nübel gilt als außergewöhnliches Torwarttalent, das in dieser Saison in Schalke Ralf Fährmann als Nummer eins verdrängt hat, seit Wochen wird er mit einem Wechsel zum FC Bayern in Verbindung gebracht, sein Vertrag in Schalke läuft nur noch ein Jahr. Vor der EM hatte er in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung (Überschrift: „Nübel, Kampfansage an ter Stegen“) Ambitionen für die A-Nationalmannschaft von Joachim Löw angemeldet. Das hat nicht jedem gefallen, Sonntagnacht in Udine wollte Nübel sich dann nicht mit der schreibenden Presse unterhalten.

Froh über vier Tage Pause

Bei einem Großturnier machen Spieler unterschiedliche Erfahrungen. Luca Waldschmidt beispielsweise gelang mit einem Schuss aus dem Stand und aus 25 Metern sein fünftes EM-Tor (14.). Der Stürmer vom SC Freiburg schwimmt weiter auf der Welle des Glücksgefühls, während der zuvor so spritzige Marco Richter vom FC Augsburg diesmal kraftlos wirkte.

Kuntz ist froh, dass seine Spieler nun vier Tage Erholung haben, bisher wechselte er kaum durch. Das wird sich im Halbfinale gezwungenermaßen ändern, Linksverteidiger Benjamin Henrichs ist wegen seiner zweiten Gelben Karte, die er gegen Österreich sah, gesperrt. Für ihn dürfte der Berliner Maximilian Mittelstädt auflaufen. „Das ist extrem bitter, aber das muss ich annehmen“, sagte Henrichs, der die Karte sah, weil er sich beim Einwurf ein bisschen zu viel Zeit ließ: „Maxi Mittelstädt ist bereit, er wird mich gut vertreten.“

„Dankbar“ für dieses schwere Spiel war Oliver Bierhoff, weil die Mannschaft nun sehe, dass die Titelverteidigung kein Selbstläufer sei, so der DFB-Direktor Nationalmannschaften und Akademie. In seiner aktive Zeit kickte Bierhoff einst auch für Udinese Calcio. Er sei 20 Jahre nicht mehr im Friaul gewesen, erzählte Bierhoff launig und habe nun auch ehemalige Mannschaftskameraden wieder gesehen. Auch wurde er nach dem Spiel noch grundsätzlich und kündigte „Richtungsänderungen“ in der Talente-Ausbildung an.

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„Wir haben vielleicht zu viele gleichförmige Spieler und Trainer hervorgebracht. Wir werden daran arbeiten, mehr Kreativität und Individualität zuzulassen“, sagte Bierhoff. Auf diesem Weg setzt der Manager weiter auf Stefan Kuntz, dessen Vertrag im nächsten Jahr allerdings ausläuft. Kuntz will sich aktuell nicht zu seiner Vertragssituation äußern, er hatte in der Vergangenheit aber bereits Angebote von Vereinsmannschaften. Nach der EM ist ein „Zukunftsgespräch“ zwischen Kuntz, Bierhoff und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius vereinbart. Bierhoff sagt: „Stefan wollen wir nicht abgeben, ich hoffe, dass er die Stärken des DFB sieht und wir ihm interessante Angebote schaffen, auch außerhalb der Mannschaft.“

Beim DFB schätzen sie nicht nur die Überzeugungskraft von Kuntz als ehemaliger Nationalspieler, sondern vor allem auch dessen kommunikative Stärke, die „Bild“-Zeitung verglich ihn in diesem Bereich jüngst mit Jürgen Klopp. Der Erfolgstrainer des FC Liverpool definierte Glück übrigens einmal als „Überwindungsprämie“.

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