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Erkaltete Liebe erwärmen: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Spätherbst 2019 in Frankfurt.

Deutsche Fußball-Nationalmannschaft

DFB-Team muss erkaltete Liebe erwärmen

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Während der DFB auf dem Spielfeld einen Aufbruch von unten organisiert, übt er sich organisatorisch an einem Umbruch von oben

Am Tag nach dem eindrucksvollen halben Dutzend beim 6:1-Sieg über Nordirland in der Frankfurter Arena ist gleich nebenan die Unruhe im hohen Hause DFB nicht zu übersehen gewesen. Nach der Trennung kürzlich von Marketingchef Denni Strich gab der Verband am Mittwochmorgen bekannt, dass auch Kommunikationsdirektor Ralf Köttker den DFB mit sofortiger Wirkung verlässt. Sportlich läuft es also schon wieder recht rund beim Deutschen Fußball-Bund, auch der Neubau der Akademie an der alten Frankfurter Galopprennbahn geht bestens voran, nur in der Führungsetage klaffen gerade zwei Löcher.

Strich hatte zwei Jahrzehnte in treuen Diensten des DFB gestanden, Köttker ein Jahrzehnt, in dem der 49-Jährige nacheinander die wenig rühmlichen Abgänge der Präsidenten Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel überstand, nicht aber jetzt den Neubeginn unter dem neuen Verbandschefs Fritz Keller. Der Freiburger, so hört man, möchte einen Neuanfang, bei dem ein DFB-Präsident nicht auf jeder nächstbesten Eisscholle gleich schmerzhaft ausrutscht. Der jetzt zu suchende Medienchef soll dem Verbandsboss als vertrauter Berater dienen und deshalb von anderen Aufgaben befreit werden. Denn zuletzt wechselten Präsidenten ja fast so schnell wie Trainer beim 1. FC Köln.

Deutschland hat sich an Löw und Bierhoff satt gesehen

Der vielgepriesene Umbruch im DFB nimmt also nicht nur bei der Nationalmannschaft Gestalt an. Dort allerdings genau andersherum: Die Häuptlinge Joachim Löw und Oliver Bierhoff haben selbst das beispiellos enttäuschende WM-Aus überstanden, stattdessen wurden viele Indianer ersetzt. Ein Aufbruch ist durch einen solchen Umbruch auch deshalb schwierig ins Land zu tragen, weil die führenden Köpfe dieselben bleiben.

Deutschland hat sich an Löw und Bierhoff sattgesehen und sattgehört, die alten Köpfe haben es in diesem Kalenderjahr schwer gehabt mit dem Neuanfang, aber man muss sagen: Es hätte schlechter laufen können mit dem Jahresabschluss, der auch ins neue Jahr hineintragen wird: 10:1 Tore in den beiden Heimspielen gegen Weißrussland und Nordirland, dazu der Qualifikations-Gruppensieg vor den Niederlanden sind Wegmarkierungen, die den Verantwortlichen Hoffnung auf mehr machen,

Am letzten Novembertag 2019 wird Löw der komplexen Auslosungszeremonie für die EM-Endrunde in Bukarest beiwohnen. Schon ist von einer möglichen „Hammergruppe“ die Rede, Deutschland aus Lostopf eins könnte mit Frankreich aus Topf zwei, Portugal aus Topf drei und Serbien aus Topf vier zusammenkommen. Der Bundestrainer gibt sich gelassen und verweist auf die EM 2012, als die Gruppengegner Niederlande, Portugal und Dänemark hießen. Diesmal ist Furcht noch weniger angebracht, denn aufgrund des auf 24 Mannschaften aufgeblähten Teilnehmerfeldes, aus dem auch die vier besten EM-Vorrundendritten noch das Achtelfinale erreichen, kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Wenngleich: Bei der WM 2018 mit Mexiko, Schweden und Südkorea in der Gruppe ist doch einiges schiefgegangen. Deutschland wurde blamabler Gruppenletzter.

2020 wird es freilich einen nicht zu unterschätzenden Heimvorteil geben. Alle drei Vorrundenspiele finden in der Münchner Arena statt. Das ist seit Dienstagabend unverrückbar, weil sich Co-Gastgeber Ungarn nicht direkt qualifiziert hat, andernfalls hätte eine Begegnung in Budapest stattfinden können. „Dreimal München - das ist überragend für uns“, sagt Mittelfeldspieler Leon Goretzka, „das ist ja fast wie eine EM zu Hause. Eine richtig coole Geschichte, die vielleicht sogar ein bisschen an 2006 erinnert. Ich freue mich total darauf.“ Löw verweist derweil etwas nüchterner auf die geringeren Reisestrapazen, Bierhoff sagte mit doppelter Akzentuierung, die noch recht unerfahrene Mannschaft werde „die Unterstützung in München brauchen müssen“.

Bierhoff: „Der gefühlte Blues ist stärker“

Die gab es auch beim 6:1 gegen Nordirland vom Frankfurter Publikum, was beileibe nicht von vorneherein als Selbstverständlichkeit angesehen werden konnte. „Es war für uns wichtig, dass wir mit einem guten Gefühl aus dem Jahr gehen“, befand der wiederum starke Joshua Kimmich, „drumherum hat man ja eher eine negativere Stimmung wahrgenommen“. Die soll vertrieben werden. Bierhoff sieht es ohnehin so: „Der gefühlte Blues ist stärker als der faktische Blues. Wir haben unsere Fans 2018 stark enttäuscht. Da braucht es Zeit, wieder Vertrauen zu gewinnen und Begeisterung. Die Fans spüren, dass da was Gutes im Gange ist.“

Er selbst spürt das auch, nachdem er vor der WM 2018 schon so ein komisches Gefühl gehabt hatte, es könnte seinerzeit an Spannung, Begeisterung und gegenseitiger Unterstützung fehlen. Ein Gefühl, das den in Fragen des innerbetrieblichen Klimas sehr kundigen Ex-Nationalspieler nicht trog. Jetzt ist Bierhoff „zuversichtlich, dass diese Mannschaft sich atmosphärisch findet“. Es handele sich um eine Truppe, „bei der der eine dem anderen helfen will“. Er spüre zudem: „Die haben Spaß und den Wunsch, mehr zu machen.“. Das große Aber: „Von der Entwicklung her muss man der Mannschaft Zeit lassen. Die EM 2020 kommt früh. Das müssen wir mit Elan und Begeisterung und der einen oder anderen persönlichen Qualität ausgleichen.“

Die „eine oder andere persönliche Qualität“ hat (unter Missachtung der verletzten Niklas Süle, Marco Reus, Kai Havertz und Leroy Sané) Namen wie Manuel Neuer, Kimmich, Goretzka, Ilkay Gündogan, Toni Kroos, vor allem aber hat sie den Namen Serge Gnabry (siehe weitere Geschichte). Aber ein stabiles Gebilde vom Torwart bis zum Mittelstürmer gibt es noch nicht. Löw und Bierhoff sind listig darum bemüht, öffentlichen Druck von den Spielern wegzuhalten. Das Credo: Im November/Dezember 2022 bei der WM in Katar, spätestens 2024 bei der EM im eigenen Land ist dieses Team soweit, Titel zu holen. Vorher muss erst noch fleißig Wiederaufbauarbeit geleistet werden.

Die beginnt im März mit einem Testländerspiel in Madrid gegen Spanien und in Nürnberg wahrscheinlich gegen Portugal oder Belgien, Löw will Gegner, die ihm und seinen Jungs zeigen, wo sie wirklich stehen.

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