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Ein vorerst letztes Gespräch mit dem Liga-Präsident: DFL-Geschäftsführer Christian Seifert tauscht sich mit Reinhard Rauball aus. 

Deutsche Fußball-Liga

Zwergenaufstand in der DFL

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Im deutschen Profifußball verschieben sich die Machtverhältnisse zugunsten der kleineren Klubs - BVB-Chef Watzke fällt vorher durch, Bayern-Boss Rummenigge grummelt.

Am Dienstagabend bei seiner Laudatio auf den neuen Ehrenpreisträger Wolfgang Overath war Hans-Joachim Watzke in einer Berliner Eventlocation schon nicht mehr viel anzumerken gewesen. Da hatte sich der Geschäftsführer von Borussia Dortmund einigermaßen erholt davon, dass die Bundesligakollegen am Nachmittag zuvor wenig Neigung gezeigt hatten, den 60-Jährigen bei der alle drei Jahre stattfindenden Generalversammlung als einen von sieben gewählten Präsidiumsmitgliedern der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zu bestimmen– im Gegensatz zum Bayern Jan-Christian Dreesen. Watzke reagierte verärgert, verzichtete auf eine Kampfabstimmung gegen Dreesen und gleichzeitig auch auf seine Kandidatur für den DFL-Aufsichtsrat. Der BVB-Chef wies spitz darauf hin, dass ohne ihn im künftigen Präsidium nun keine Leute mit originärer Fußballkompetenz mehr zu finden seien.

Dazu muss man wissen, dass dieses Gremium eine bedeutende Machtzentrale des deutschen Profifußballs darstellt. Es wird von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert angeführt und war bislang von den finanzstarken Klubs Bayern, Dortmund und Schalke dominiert. Jetzt fallen nicht nur die Borussen weg, sondern es gibt weitere wichtige Verschiebungen hin zu mehr Macht für die kleineren Klubs. Die waren, im Gegensatz zu früheren Generalversammlungen, diesmal bestens vorbereitet und abgestimmt gewesen.

„Team Marktwert“ schon wieder aufgelöst

Es gehört zu den Besonderheiten des Fußballgeschäfts, dass die Zusammensetzungen bedeutender Gremien meist schon vor dem eigentlichen Wahltag ausbaldowert werden. Zu echten Wahlen war es deshalb am Mittwoch, dem Tag des Abschieds von Liga-Präsident Reinhard Rauball, gar nicht mehr gekommen. Die Teilversammlungen von erster und zweiter Liga hatten schon am Vortag alle wichtigen Personalien eingetütet.

Enttäuscht ging Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry aus der Probeabstimmung heraus. Er war bislang im Präsidium gewesen, konnte seine Position aber nicht verteidigen. Viele Kollegen hatten ihm zu verstehen gegeben, dass sie sein Engagement für das inzwischen wieder aufgelöste „Team Marktwert“ nicht goutierten. Die Interessensgemeinschaft der Traditionsklubs Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, Hamburger SV, Hertha BSC, 1. FC Köln und VfB Stuttgart war vor drei Jahren dafür eingetreten, die TV-Erträge nicht nur am sportlichen Erfolg, sondern auch an der Strahlkraft und dem Fanpotenzial der Vereine auszurichten.

Durchsetzen konnte sich das seinerzeit von der Eintracht angeführte „Team Marktwert“ damit nicht, machte sich dabei stattdessen einige Feinde bei all den Klubs, die unter einer solchen Neuverteilung gelitten hätten. Der Bremer Filbry bekam nun die Quittung dafür. Stattdessen gehört der Freiburger Oliver Leki nun als sogenannter zweiter Stellvertretender Sprecher hinter dem Schalker Peter Peters zum DFL-Präsidium und darf damit auch als Abgeordneter ins DFB-Präsidium ziehen. Im Deutschen Fußball-Bund ist damit die Freiburgisierung perfekt: Der neue Präsident Fritz Keller kommt aus Freiburg, der Bundestrainer Joachim Löw, sein Assistent Marcus Sorg, nun zudem Oliver Leki als Neuer im inneren Zirkel der Macht.

In der Deutschen Fußball-Liga verteidigte der Kieler Steffen Schneekloth seine Position gegen Bernd Hoffmann vom Hamburger SV, auch Alexander Wehrle (Köln), Oke Göttlich (St. Pauli) und weiterhin Rüdiger Fritsch (Darmstadt 98) gehören dem Gremium an – allesamt selbstbewusste und meinungsstarke Vertreter kleinerer Klubs, die sich künftig sicher mehr Gehör verschaffen werden.

Es ist eine gar nicht mal so kleine Revolution, die den deutschen Profifußball durchaus noch mehr spalten, zumindest aber ordentlich durchrütteln kann. Die sogenannten Kleinen, so viel steht fest, werden ihre zahlenmäßige Mehrheit zu einer Art Zwergenaufstand nutzen. Geschäftsführer Seifert dürfte es schwerer als bisher haben, seine auch auf den Weltmarkt ausgerichtete Strategie durchzusetzen, die darauf abzielt, für einen spannenderen Meisterkampf vor allem Verfolger der Bayern finanziell zu stärken.

Der 50-Jährige, nach Rauballs Abschied nun als „Sprecher des Präsidiums“ eigentlich in einer gestärkten Position, hat den aufkommenden Gegenwind natürlich verspürt – und am Mittwoch mit einer kühl kalkulierten und dennoch kämpferischen Rede reagiert. Es müsse sich wieder eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens entwickeln, „so, wie es in den letzten Wochen war, kann es nicht weitergehen“. Eine derart scharfe Formulierung zeugt von einem tiefen Riss.

Kleine Klubs gut abgestimmt

Ob eine Meisterschaft wieder spannend werde, hänge „von Platz zwei bis vier ab“, analysierte Seifert, nicht vom finanziellen Abstand des Ersten zum Letzten. Und er fügte hinzu: Wer den hiesigen Profifußball „mit einer nationalen Sichtweise“ betrachte, verkenne „vehement das Denken und Handeln global operierender Medienunternehmen“. Seifert appellierte daran, „die Liga als Ganzes zu sehen“. Es seien „substanzlose Parolen“, dass er die sogenannten Kleinen in seinem Denken nicht berücksichtige. Und er wies ganz sportlich und nicht minder kritisch darauf hin, dass das internationale Abschneiden der deutschen Klubs in Anbetracht des Finanzaufwandes zuletzt unbefriedigend gewesen sei.

Bayern-Boss Rummenigge äußerte blankes Unverständnis über die geheimen Vorbereitungen der Zwerge: „Was uns auf die Nerven gegangen ist, dass sich 16 oder 17 Klubs getroffen haben und das Fell des Bären schon verteilen wollten.“ Eine derartige Separierung der Interessenslage habe er „in der Geschichte der DFL noch nie erlebt“. Rummenigge bedauerte den Rückzug von Watzke ausdrücklich. Die Bayern und der BVB hätten sich immer zur Solidarität verpflichtet gefühlt. Von Drohgebärden sah er aber ab. „Wir stehen zur Bundesliga.“

Die siegreichen kleinen Klubs verzichteten in einträchtiger Disziplin auf jeglichen Anflug von Triumphgeheul. Kein böses Wort in Richtung des DFL-Chefs. Es wäre öffentlich unklug gewesen, sich kritisch zu äußern und so die Gespräche im neuen Präsidium so von vorne herein zu belasten. Kritische Debatten soll es künftig umso deutlicher intern geben. Die Zufriedenheit über ihren Coup war den Vertretern der zweiten Liga jedenfalls anzusehen.

Frankfurter Finanzchef Frankenbach gewinnt Kampfabstimmung

Reinhard Rauball wurde nach seinem Rücktritt als DFL-Präsident per Akklamation zum Ehrenpräsidenten bestimmt. Es gab stehend dargebrachte Ovationen für den 72-Jährigen und eine Laudatio von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge.
Zum Gerangel kam es um die Position des Stellvertreters im Lizenzierungsausschuss: Der Frankfurter Finanzchef Oliver Frankenbach setzte sich in der Kampfabstimmung knapp gegen den Mainzer Vorstand Jan Lehmann und den Dortmunder Thomas Treß durch. Lehmann und Treß zogen als einfache Mitglieder in das gewichtige Gremium ein. Das schaffte auch Ex-Eintracht-Finanzchef Thomas Pröckl, inzwischen in Diensten des SV Wehen Wiesbaden.
In einer weiteren Kampfabstimmung schafften es der Berliner Ingo Schiller und HSV-Boss Bernd Hoffmann in den Aufsichtsrat der DFL. Der Wolfsburger Michael Meeske scheiterte.
Bestätigt wurde Prof. Udo Steiner als Vorsitzender des Schiedsgerichtes. Allerdings gab es eine Gegenstimme von Hannover 96. Der Chef der Niedersachsen, Martin Kind, hatte gerügt, dass das Schiedsgericht sich bei seinem Antrag auf Übernahme des Klubs keine schnelle Entscheidung herbeigeführt hätte.

Von Jan-Christian Müller

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