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Christian Seifert ist der stärkste Mann im deutschen Fußball. 

Deutsche Fußball-Liga

Die DFL übt sich an einem Reförmchen

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Der deutsche Profifußball steht vor richtungsweisenden Entscheidungen und übt sich an einem Reförmchen.

Für die Klubchefs der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga beginnt die Saison gleich mit einer anstrengenden Englischen Woche. Am  Dienstag reisen sie scharenweise nach Berlin, um die großen Weichen für die Zukunft zu stellen. Der Abschied vom langjährigen DFL-Präsidenten Reinhard Rauball und die Vorstellung des designierten DFB-Präsidenten Fritz Keller bilden den Rahmen für eine Ligareform. Eine Reform, die in Wahrheit aber nur ein Reförmchen ist und demokratischen Grundsätzen wenig gerecht wird. Das sehen zwar auch viele Bundesligamanager so, aber herrje: Irgendwie muss es ja weitergehen, nachdem man sich einig geworden war, dass es keinen DFL-Präsidenten als obersten Repräsentanten mehr geben soll.

Stattdessen ist nun Christian Seifert (50) sowohl Boss der DFL GmbH, die in der Vermarktung das große Rad dreht, als auch sogenannter „Sprecher des Präsidiums“ im DFL e.V., was bislang Rauballs Job war. Der somit noch einflussreichere Seifert hat einen 36:0-Stimmen-Rückhalt aus beiden deutschen Topligen, wenngleich es auch Kritik am Liga-Topmanager gibt: Er richte die Bundesliga zu sehr an den Themen Globalisierung und Internationalisierung und zu wenig an einem starken Wettbewerb von Platz eins bis 18 aus. Seifert hält dagegen, die Bundesliga müsse sich unbedingt auf dem Weltmarkt behaupten, um auch national groß bleiben zu können. Mit einem Dauerabomeister Bayern München geht das schwerlich. Seifert möchte deshalb strategisch mehr die potenziellen Bayern-Verfolger finanziell stärken, weniger das hintere Mittelfeld oder die zweite Liga. Die Partner vom Bezahlfernsehen wollen am liebsten beides: einen spannenden Titelkampf und einen Tabellen-18., der auch mal den Ersten schlagen kann.

Immense Unterschiede zwischen Bundesliga und Premier League

Der Einzige, der sich zuletzt hörbar zu den komplexen Themen öffentlich äußerte, ist der Mainzer kaufmännische Vorstand Jan Lehmann. Allerdings ist das schon geraume Zeit her, aktuell möchte Lehmann sich lieber zurückhalten. Grundsätzlich wies er in einem „FAZ“-Interview kritisch darauf hin, dass der Erste der Bundesliga in der TV-Tabelle das 3,9 fache des Tabellen-18. erlöse, während die englischen Permier League dem Ersten lediglich das 1,6-fache des Letzten überweise. „Der Unterschied zur Bundesliga ist frappierend und trägt zum härteren Wettbewerb bei“, so Lehmann. Den Großen sei im Grunde klar, „dass sie die Kleinen brauchen für einen funktionierenden Wettbewerb – wenn man das nicht mitbedenkt, dann finde ich das kurzsichtig“. Lehmann, vormals selbst bei der DFL angestellt, rügt zudem, dass im bisherigen DFL-Präsidium drei von sieben Vertretern von den Spitzenklubs Bayern, Dortmund und Schalke sitzen. „Das ist natürlich nicht repräsentativ für 36 Vereine der ersten und zweiten Bundesliga.“ Die kleineren Vereine hätten sich nicht ausreichend Gehör verschafft. Das soll sich ändern.

Wie geht es nun weiter? Zweitstärkster Mann im Profifußball wird nach Rauballs Abschied der Schalker Finanzvorstand Peter Peters. Der 57-Jährige ist einziger Bewerber um das Amt als Seiferts Stellvertreter im DFL-Präsidium. Gleichzeitig ist Peters damit laut Satzung Aufsichtsratsvorsitzender der DFL-GmbH und somit Seiferts Chefkontrolleur. „Das Konstrukt ist eine Farce“, sagt ein Klubvorstand, der nicht genannt werden möchte.

Ähnlich denken weitere führende Funktionäre, wollen aber allesamt keine öffentliche Kritik üben. Der Tenor: Es dürfe jetzt nicht darum gehen, Gräben zu schaffen, sondern Kräfte zu bündeln, vor allem auch, um die künftige Generation potenzieller Fans nicht zu verlieren. Seifert benötige dafür seriöse Unterstützung, „wir können ihm nicht alles aufbürden“, zumal dem Schalker Peters nicht im selben Maß zugetraut wird, „wie Rauball die Gruppe zusammenzuhalten“.

Keine Nähe zu Fanthemen

Zwischenzeitlich war deshalb auch darüber nachgedacht worden, den vormaligen Frankfurter und Hamburger Vorstand Heribert Bruchhagen (70) für eine Rückkehr zur DFL zu bewegen, aber die Idee fand letztlich nicht ausreichend Widerhall. Der Dortmunder Hans-Joachim Watzke seinerseits wollte dem Vernehmen nach nicht, er hat genug mit der Borussia zu tun. Blieb am Ende Peter Peters, der mit Christian Seifert ein gutes Verhältnis pflegt. Es gibt Fanvertreter, die das kritisch sehen. „Alle Gespräche mit Seifert liefen eher ernüchternd ab“, auch Peters falle „nicht unbedingt durch Nähe zu Fanthemen auf“, heißt es in einem aktuellen Beitrag auf der Seite schwatzgelb.de unter der Überschrift „Die DFL - eine ehrenwerte Familie“.

Die am Mittwoch anstehenden Wahlen zu weiteren DFL-Präsidiumsmitgliedern werden als richtungsweisend angesehen, ob die größeren Klubs weiter den Ton angeben oder die Kleineren mehr Mitsprache erhalten - so es denn überhaupt zu Kampfabstimmungen kommt. Nicht auszuschließen, dass statt dem bisschen Demokratie echter Wahlen schon am Vorabend vorm Get Together in den Bolle-Festsälen in Alt-Moabit Hinterzimmergespräche geführt werden. Der Bremer Klaus Filbry tritt als zweiter Stellvertreter gegen den Freiburger Oliver Leki an, der Hamburger Bernd Hoffmann als dritter Stellvertreter gegen den Kieler Steffen Schneekloth. Um die verbleibenden vier Präsidiumsplätze bewerben sich acht Männer, unter anderem Bayern-Finanzmann Jan-Christian Dreesen und BVB-Chef Watzke, für die zweite Liga der Darmstädter Rüdiger Fritsch und St. Paulis Präsident Oke Göttlich, der einen weniger kommerz- und mehr wertebezogenen Ansatz verfolgt.

Die Gewählten sind dann diejenigen, die gemeinsam mit Seifert und Peters sowie DFL-Geschäftsführer Ansgar Schwenken (49) das Wohl und Wehe der gesamten Liga im Auge behalten sollten. Es sind knifflige Fragen zu beantworten: Wie viel mehr als zuletzt rund 1,2 Milliarden Euro pro Saison gibt es im neuen nationalen TV-Vertrag ab 2021? Wie wird das viele Geld dann verteilt? Nimmt man den Bayern was weg und verteilt es nach unten? Und: Wie wird ab 2023 der neue Grundlagenvertrag - das Grundgesetz des deutschen Fußballs – mit dem DFB und seinen angeschlossenen Landesverbänden aussehen?

Die Amateure wollen mehr vom großen Kuchen. Zuletzt blieben aufgrund einer umstrittenen Vertragsklausel nur sechs Millionen Euro bei ihnen hängen. Einige Amateurvertreter finden, es müsste tatsächlich das Zehnfache, nämlich 60 Millionen Euro, vom Profifußball zu ihnen abfließen. Es ist, sagt einer, der es wissen muss, „ein nicht gerade inkomplexes Gesamtkunstwerk“.

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