1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Der WM-Kader und die 26 Katzen

Erstellt:

Von: Thomas Kilchenstein

Kommentare

Einst in Rio de Janeiro: Mario Götze bei der WM 2014 mit dem Pokal in der Hand.
Einst in Rio de Janeiro: Mario Götze bei der WM 2014 mit dem Pokal in der Hand. © dpa/(Archivbild)

Am Donnerstag lüftet Bundestrainer Hansi Flick sein WM-Geheimnis. Es gibt eine Reihe von Gründe, warum Weltmeister Götze vermutlich kein Wüstensohn sein wird

Auf dem Gelände einer ehemaligen Pferderennbahn lässt Bundestrainer Hansi Flick am heutigen Donnerstag, Schlag 12 Uhr, in Frankfurt die 26 Katzen aus dem Sack, die in der Wüste eine Weltmeisterschaft spielen sollen. Endlich, möchte man dazufügen, die Spannung war zuletzt künstlich arg aufgebaut worden. Dabei ist das Gros der Namen doch längst bekannt, etwa 18 sind es, die eh das Korsett der Nationalmannschaft bilden, gibt es nur bei dem einen oder anderen für den großen Kader ein Fragezeichen. Und dabei handelt es sich um die Nummer 19 bis 26, also nicht gerade die, die strahlend vorneweg gehen werden. Es dreht sich darum, ob Flick nun den Rekonvaleszenten Marco Reus mitnimmt (eher nicht), oder Youssoufa Moukoko ausbildungshalber (denkbar), Niclas Füllkrug (sicher) oder Julian Brandt, Rani Khedira oder Anton Stach aufbietet, das macht keinen Sommer und keinen Winter.

Kniffliger liegt der Fall da schon bei der Frage: Mario Götze! Ja oder Nein? Rudi Völler, Vor-Vor-Vor-Vorgänger von Flick, hat da eine klare Haltung: „Wäre Mario Götze zwei Köpfe größer und Mittelstürmer, wäre es ein bisschen einfacher“, kalauerte der frühere Weltklassestürmer bei der Schlappekicker-Veranstaltung der FR am Montag. Mario Götze ist leider nur 1,76 Meter groß und ein Mittelfeldspieler, ein Raumdeuter, wie das so schön heißt.

Götze hat nichts verlernt

Unstrittig ist, dass der 30-Jährige derzeit in Bestform ist, sicher einer der Gründe, warum sein aktueller Klub Eintracht Frankfurt momentan derart erfolgreich spielt. Alex Meier, Eintracht-Ikone, hat es auf den Punkt gebracht. Götze sei „ein Jahrhunderttalent, der für alle Situationen Lösungen findet“.

Und der im Herbst seiner langen, spektakulären Karrieren mit Hochs und Tiefs und seiner Spielintelligenz haarklein weiß, wie dieses Spiel funktioniert. Ein Götze, der aktuell fünf der sechs Frankfurter Champions League-Partien und alle 13 Bundesligaspiele absolviert hat, würde sicher auch der Nationalelf Impulse verleihen, den Blick für den Raum hat er sich bewahrt, die Bälle kommen punktgenau, der erste Kontakt ist weiterhin sensationell.

Aber: Wird er auch spielen? Wird ihn Hansi Flick für die erste Elf nominieren? Denn nur dann macht es für den gebürtigen Allgäuer mit 245 Bundesligaspielen, 67 Champions League-Partien und 63 Länderspielen Sinn. Mal in den letzten zehn Minuten eingewechselt zu werden, wenn der Karren verfahren ist, dürfte sich Götze nicht antun. Warum auch er? Er kann doch nur verlieren. Und Weltmeister, noch dazu der Schütze des entscheidenden Tores, ist er ohnehin. Aber kein Trainer, auch nicht Flick, gibt einem eine Stammplatzgarantie.

Und noch ein Aspekt hat jüngst Eintracht-Vorstand Axel Hellmann in die Diskussion eingebracht. „Wenn du aber nicht vorhast, Götze von Anfang an zu bringen, wirst du in eine permanenten Diskussion geraten, ob nicht Götze bei einem 1:1 gegen Japan den Unterschied gemacht hätte.“ Der öffentliche Druck wäre groß, Diskussionen würden nicht abreißen. Zudem könnte es, käme Götze zum Einsatz, zu Verwerfungen mit dem Bayern-Block kommen. Und jeder ahnt doch: Diese WM kann aus deutscher Sicht nur halbwegs erfolgreich sein, wenn der Bayern-Block funktioniert.

Im Endeffekt muss Mario Götze für sich entscheiden (und wird es längst getan haben), ob er sich dieses ungewisse Abenteuer antut. Für welchen Preis? Für ein paar Minuten Spielzeit? Für das Erreichen des Achtelfinales? Wird er sein seelisches Gleichgewicht riskieren, das er, nach allerlei Wirrungen in der Folge seines Jahrhunderttores 2014, erst in Eindhoven, vor allem jetzt in Frankfurt gefunden hat? Schwer zu glauben.

In Frankfurt ist er akzeptiert, anerkannt, hier kann er seinen Fußball spielen, ohne der allein selig machende Heilsbringer zu sein. Hier liegt die Verantwortung auf mehreren Schultern. Hellmann hat ihm eh geraten: „Bleib hier, bleib gesund - bereite dich auf die Rückrunde vor“, die die Hessen in die Champions League katapultieren soll.

Auch interessant

Kommentare