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Der Unruhestifter

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Von: Frank Hellmann

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Immer mittendrin, wenn es heikel wird: Granit Xhaka (links), hier bedrängt von Serbiens Nikola Milenkovic.
Immer mittendrin, wenn es heikel wird: Granit Xhaka (links), hier bedrängt von Serbiens Nikola Milenkovic. © AFP

Granit Xhaka, Schweizer Anführer mit kosovarischen Wurzeln, spielt in der Partie gegen Serbien mal wieder den Provokateur und sorgt für mächtig Wirbel.

Vordergründig schien am Sonntag wieder alles in Ordnung auf dem Trainingsgelände der Schweizer Nationalmannschaft. Die Zufahrt zum riesigen Universitätskomplex von Doha zum „Team Swiss“ kontrollierten die Wachleute penibel, selbst an den blickdichten Planen war Aufsichtspersonal postiert. Dahinter trainierten die Akteure, die im WM-Achtelfinale gegen Portugal (Dienstag 20 Uhr) zum ersten Male seit der WM 1954 im eigenen Land wieder die Tür zu einem Viertelfinale aufstoßen können. Fürwahr historische Perspektiven, die allemal ein Geheimtraining in Katar rechtfertigen. Aber hintergründig brennt schon wieder ein Störfeuer, das eigentlich niemand braucht.

Angezündet hat es erneut Granit Xhaka; und das wieder bei einem WM-Spiel gegen Serbien (3:2). Ausgerechnet der Kapitän, der zu Turnierstart verkündet hatte, dass er ruhiger geworden sei, spielte den Unruhestifter. Haben die bis in höchste Regierungskreise reichenden Verwerfungen mit der Doppeladler-Gestik, die er zusammen mit Xherdan Shaqiri bei der WM 2018 gegen Serbien (2:1) zeigte, nicht genügt? Im Anschluss verloren die Eidgenossen prompt das Achtelfinale gegen Schweden (0:1) – die Bürde der Debatten tat ihnen nicht gut.

Am Freitagabend bekamen die meisten Zuschauer gar nicht mit, wie sich der 30-Jährige in der zweiten Halbzeit einmal vor der serbischen Bank in den Schritt griff – und damit tumultartigen Reaktionen auslöste. Dessen Cheftrainer Dragan Stojkovic soll sich zuvor bei der zwischenzeitlichen 2:1-Führung böse Beleidigungen erlaubt haben. Hat der 110-fache Nationalspieler Xhaka mit seinen kosovarischen Wurzeln das gehört?

Der 30-Jährige zog sich nach einem starken Spiel demonstrativ das Trikot seines Teamkollegen Ardon Jashari über. Der Name des Ersatzspielers prangte auf Xhakas Brust. Der 20-Jährige hat denselben Nachnamen wie ein Unabhängigkeitskämpfer, der als Mitbegründer der kosovarischen Befreiungsarmee UÇK und als Symbolfigur des militärischen Widerstands gegen die Serben gilt. Er und seine Familie kam bei einer Operation serbischer Spezialeinheiten 1998 ums Leben.

Xhakas Vater wurde in den 80er Jahren im damaligen Jugoslawien festgenommen und monatelang gefoltert, ehe er in die Schweiz floh. Arbeitet sich der Stratege vom FC Arsenal immer noch an der eigenen Familiengeschichte ab?

Gräben reißen auf

Er hat sehr bewusst eine Grauzone betreten, die vom Weltverband Fifa eigentlich nicht belangt werden kann. Bislang sind auch keine Ermittlungen eingeleitet. Anders als bei der „One-Love“-Binde ist das Tragen eines Mitspielertrikots nicht verboten. Auf seine nächste Provokation angesprochen, betonte Xhaka, dass Jashari ein junger Spieler sei, mit dem er sich sehr gut verstehe: „Ich habe ihm vor dem Spiel gesagt, dass ich sein Trikot anziehe, wenn ich ein Tor schieße oder wir gewinnen.“

Ein Schelm, der Böses dabei denkt? Der Schweizer Anführer nimmt billigend in Kauf, dass er schon wieder die nächsten Gräben aufreißt. In Serbien und im Kosovo wurde seine Aktion natürlich völlig unterschiedlich gewertet. Es ehrt insofern den Schweizer Fußball-Verband, dass er am Sonntag den vor vier Jahren in die Affäre involvierten Shaqiri in eine überfüllte Mixed Zone am Rande des Trainingsplatzes entsandte. „Ihr macht das größer als es ist“, sagte der 31-Jährige. „Granit weiß selbst, was er gemacht hat. Ich denke nicht, dass er einen Extra-Gruß an jemand schicken wollte.“ Er selbst hatte sich bei seinem Führungstor darauf beschränkt, den Finger demonstrativ auf seine Lippen zu legen. Kollege Xhaka reichte diese Gesten nicht.

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