Sein Wohnzimmer: Fritz Walter 1995 im zehn Jahre zuvor nach ihm benannten Fritz-Walter-Stadion.
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Sein Wohnzimmer: Fritz Walter 1995 im zehn Jahre zuvor nach ihm benannten Fritz-Walter-Stadion.

Fritz Walter

Der treue Fritz

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Fritz Walter war schon zu Lebzeiten eine Legende - an diesem Samstag wäre der Kapitän der 54er-Weltmeister 100 geworden.

Es ist Konsens, dass Fritz Walter einer der größten deutschen Fußballer war. Keine „Hall of Fame“, keine Elf des Jahrhunderts ohne ihn. Doch wer hat ihn wirklich noch spielen sehen? 90 Minuten lang, das Auge analytisch auf ihn gerichtet? Und falls es diese Zeitzeugen noch gibt: Verblasst nicht die Erinnerung irgendwann – und setzt Verklärung ein?

Es werden diesen Samstag 100 Jahre, dass Fritz Walter geboren wurde. Seine Blütezeit waren die 50er-Jahre, die 40er nahm ihm der Zweite Weltkrieg. Selbst von Fritz Walters größtem Erfolg, dem Sieg im Weltmeisterschaftsendspiel 1954 in Bern, gibt es keine vollständige Dokumentation, sondern nur Minutenschnipsel. Und sein wohl spektakulärstes Tor, das 1956 im Zentralstadion in Leipzig 120 000 Zuschauer sahen, wurde lediglich in grobkörnigen Fotografien festgehalten und in Erzählungen überliefert: Fritz Walter vom 1. FC Kaiserslautern hechtete in eine Flanke, lag waagerecht in der Luft, nahm den Ball mit der Hacke – ein Jahrhunderttor, lange bevor es das Tor des Monats gab.

Der Pfälzer Fritz Walter galt als Deutschlands bester Fußballer – bis der Münchner Franz Beckenbauer kam, mit Uwe Seeler vom Hamburger SV der erste Star des Fernsehzeitalters. Fritz Walter war vor allem eine mythische Figur – verankert in seiner Zeit und unantastbar wie im Langstreckenlauf Paavo Nurmi und Emil Zatopek, im Sprint Jesse Owens oder im Boxen Joe Louis und Max Schmeling. Kurz gesagt: eine Legende.

Wie er nun als Spieler war? Fußball war vor 70, 80 Jahren noch kein sonderlich dynamischer Sport, gelaufen wurden nicht 12 oder 13 km, sondern drei bis vier. Erst mit dem Brasilianer Pelé erfuhr die Welt 1958 die Anmutung dessen, wohin das Spiel sich entwickeln kann. Dass Fritz Walter in seiner Ära weit über anderen Akteuren stand, verdeutlichen einige Zahlen: Für Kaiserslautern erzielte er 327 Tore in 384 Partien, für die Nationalmannschaft 33 in 61 Länderspielen. Außergewöhnliche Quoten für einen, der ja gar kein Stürmer war, sondern der Stratege im Mittelfeld, über den man schrieb, er helfe auch in der Defensive am eigenen Strafraum mit. Heutzutage würde man Fritz Walter einen Box-to-box-player nennen.

Populär blieb Fritz Walter, weil man bei ihm Charaktereigenschaften ausmachte, die einem Deutschland im Wiederaufbau gut zu Gesicht standen. Er blieb in seiner Heimat verwurzelt, ging auf lukrative Profiangebote aus dem Ausland nicht ein, er war durch und durch loyal, engagierte sich sozial. Er war ein Deutscher, den auch die schätzten, die unter Deutschland ein paar Jahre zuvor noch gelitten hatten.

Symbolfigur des „Wir sind wieder wer“: Fritz Walter nach dem WM-Sieg im Berner Wankdorfstadion.

Auch wenn er Fußballer mit Amateurstatus und Monatsgehalt von 320 Mark blieb – er verstand es, sich zu vermarkten. Seine Bücher, die von den großen Spielen erzählten, gehörten zur Standardausstattung deutscher Eichenschrankwände. Fritz Walter lebte gut. Und seine Berühmtheit half ihm auch, heimatnah das ersehnte Grundstück für einen Bungalow mit Swimmingpool im Garten zu finden. In Alsenborn ließ der Gemeinderat ihn im Naturschutzgebiet bauen. Dafür musste Fritz Walter den Dorfklub SV Alsenborn ein bisschen managen, der in den 60er-Jahren dann fast in die Bundesliga aufgestiegen wäre.

Fritz Walter wurde zum ersten Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, nach ihm wurde dieser Status nur noch Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus und Philipp Lahm zuteil. Spieler, die in den 2000er-Jahren in die DFB-Auswahl berufen wurden, konnten mit dem Namen Fritz Walter nicht mehr viel anfangen. Walter starb, während seine Nachfolger sich 2002 bei der WM in Südkorea aufs Viertelfinale vorbereiteten. Einen persönlichen Bezug hatte nur Miroslav Klose, damals Kaiserslauterer. Er war eng mit Fritz Walter gewesen. Wie der Autor Ronald Reng in seiner Klose-Biografie „Miro“ schildert, habe Walter einige seiner Wesenszüge – Bescheidenheit, Mannschaftsdienlichkeit – im jungen Klose entdeckt. Klose war nach den Spielen des FCK im VIP-Raum am Tisch der 54er-Weltmeister, die noch lebten (übrig geblieben ist nur Horst Eckel), willkommen. Klose freute sich auf die Treffen genauso wie auf das Spiel: „Die Bescheidenheit, die Fritz Walter trotz seiner Erfolge ausstrahlte, zog mich regelrecht in seinen Bann. Er hatte so viel zu erzählen, und ich hatte so viele Fragen.“

Eckel, inzwischen 88 und 1954 der jüngste Deutsche auf dem Feld, sagt, Fritz Walter sei „ein besonderer Mensch gewesen: Großherzig, bescheiden und hilfsbereit“. Er habe sich nie „für etwas Besseres gehalten“. Typisch für den großen Mann des deutschen Fußballs: Wenn er gesiezt wurde, dauerte es nicht lange, ehe er klarmachte: „Ich bin der Fritz.“ Er war, schreibt der DFB, „ein Vorbild für Millionen“. DFB-Präsident Fritz Keller ist Patenkind von Walter, dessen Vater Franz mit dem WM-Helden befreundet war. Er sei, sagt Keller, von seinem Patenonkel und dessen „sympathischer, ehrlicher und bescheidener Art tief beeindruckt“, sie habe ihn geprägt.

Inzwischen sorgt der Verband dafür, dass Nachwuchsspieler sich mit dem Namen Fritz Walter beschäftigen. Für die Jahrgangsbesten gibt es die „Fritz-Walter-Medaille“. Auch in anderen Kontexten ist der Name präsent. Auf dem Kaiserslauterer Betzenberg steht das Fritz-Walter-Stadion, und es wäre ein Frevel, würden die Namensrechte an einen Sponsor verscherbelt. Und wenn’s nieselt, dann sprechen ältere Kommentatoren in Radio und TV in Anlehnung an Sepp Herberger („Dem Fritz sein Wetter“) vom Fritz-Walter-Wetter.

Welcher Fußballer hat sonst schon eine eigene Wetterlage?

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