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Der Torschütze vom Frankfurter Berg

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Von: Thomas Kilchenstein

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Seht alle her, ich war es: Abdelhamid Sabiri. afp
Seht alle her, ich war es: Abdelhamid Sabiri. afp © Manan Vatsyayana/afp

In der Mainmetropole groß geworden, könnte der Marokkaner Abelhamid Sabiri in einem möglichen Achtelfinale auf die DFB-Auswahl treffen.

Abdelhamid Sabiri, der am Sonntag mit einem frechen Freistoßtor aus spitzem Winkel den belgischen Weltklassetorhüter Thibaut Courtois so alt aussehen ließ wie die ganze belgische Mannschaft wirkte, Abelhamid Sabiri also ist ein Profi, den man, freundlich gesagt, als wenig glatt gebügelt, mit Ecken und Kanten umschreiben kann. Einer, der nie den leichten, vorgezeichneten Weg gegangen ist, sondern immer seinen eigenen, und der war oft genug nicht gerade, eher steinig und holprig. Und häufig stand sich Sabiri, ein Filou, ein Entfant terrible, selbst im Weg. Denn der 25-Jährige hat selbst einiges dafür getan, dass ihm in der Vergangenheit das Image des „Bad Boys“ übergestülpt worden ist.

Nach dem Überraschungscoup der Marokkaner, möglicher Achtelfinalgegner der deutschen Elf, sprang er über ein Absperrseil und flüchtete vor den wartenden Journalisten. Mit der deutschen Presse wollte der neue marokkanische Fußballheld nicht sprechen. Zu viel Negatives hatte der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler, den einst Stefan Kuntz nominiert hatte, schon lesen müssen. Mitten im Jubel über den ersten WM-Sieg seit 1998 wollte der einst schwer Erziehbare nicht an seine bewegte Vergangenheit erinnert werden.

Sabiri, im marokkanischen Goulmima geboren, kam im Alter von drei Jahren nach Frankfurt, die Familie lebte am Frankfurter Berg, einem sozialen Brennpunkt der Mainmetropole, aber Abelhamid war eh meist auf den Bolzplätzen im Kiez zu finden, wo er mit seinem Bruder, Freunden, auch älteren, stundenlang kickte. Ganz in der Nähe, in der Frankfurter Nordweststadt, lebte auch sein Kumpel, Aymen Barkok, auch er war viel auf den Bolzplätzen unterwegs, auch er schaffte den Sprung nach ganz oben, wurde Bundesligaspieler bei Eintracht Frankfurt und Mainz 05. Er gehörte lange ebenfalls zum Kader der marokkanischen Nationalmannschaft, wurde aber von Trainer Walid Regragui nicht in den WM-Kader berufen.

Abdelhamid kickte ab der C-Jugend beim Stadtteilklub TSG Frankfurter Berg, dann bei RotWeiss Frankfurt, beim FV Bad Vilbel. Er fiel auf, sein Tempo, sein Ballverliebtheit, seine Dribblings waren bemerkenswert, sein eigener Kopf auch. An seiner fußballerische Klasse gab es nie Zweifel, an seiner Teamfähigkeit zuweilen schon. Er wechselte regelmäßig, weiter zu TuS Koblenz, dann zum SV Darmstadt 98, stürmte dort in der U19, ging dann zu Sportfreunde Siegen und schließlich zum 1. FC Nürnberg, erst zweite Mannschaft, dann 2017, bei den Profis. Es ließ sich nicht schlecht an, fünf Tore machte er in der zweiten Liga, und auf einmal flatterte ihm ein Angebot aus der Premier League, vom FC Huddersfield, auf den Tisch, dort war David Wagner Trainer, das war „der Traum meines Lebens“, sagte Sabiri einst, da wollte er hin - einerlei, dass er noch Vertrag beim Club hatte. Er ließ sich krank schreiben, streikte sich weg, der Club ließ ihn zähneknirschend ziehen. Sabiri, gerade 21, rief seinen Kollegen noch bitterböse hinterher: „Ich entschuldige mich bei niemanden.“

Er wollte seinen Traum leben, doch in Huddersfield kam er in zwei Jahren nur zu mickrigen sieben Einsätzen, 2019 kehrte er nach Deutschland zurück, zum SC Paderborn. Dort überwarf er sich relativ schnell mit Trainer Steffen Baumgart, nach dem Abstieg hatte Sabiri gesagt, eigentlich hätten die Spieler die Qualität, um in der Liga zu bleiben. Baumgart wurde deutlich: „Er arbeitet für keine Mannschaft, er arbeitet nur für sich.“ Im Nachhinein, so Baumgart, sei es ein Fehler gewesen, den Deutsch-Marokkaner zu holen. Sabiri war es pikanterweise auch, der Ende Dezember 2019 beim 2:1-Erfolg des SC über Eintracht Frankfurt das 1:0 erzielt hatte.

Nach der Episode in Ostwestfalen ließ er sich nach Italien transferieren, zu Ascoli Calcio, zweite Liga. Dort scheint er sich gefunden zu haben, er ist zur Ruhe gekommen, reifer, vielleicht auch einfach nur älter. In 43 Spielen markierte er elf Tore, seit diesem Sommer spielt er für Sampdoria Genua, erzielte im Stadtderby gegen den FC gleich den 1:0-Siegtreffer - und ist jetzt auf der größten Bühne grell ausgeleuchtet.

Plötzlich ist das Achtelfinale ganz nahe – und das Spiel der Spiele für Sabiri gegen das Land, in dem er aufwuchs. Ein Spiel, das es vor 36 Jahren bei der WM 1986 in Mexiko schon mal gab. Lothar Matthäus schoss den 1:0-Siegtreffer für die DFB-Auswahl. mit sid

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