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Der Tim-Walter-Spin

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Von: Jan Christian Müller

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Auf Betriebstemperatur: Hamburgs Trainer Tim Walter.
Auf Betriebstemperatur: Hamburgs Trainer Tim Walter. © dpa

Der Trainer des Hamburger SV hat die Skepsis vertrieben. Sonntag kommt es zum Nordderby gegen Werder Bremen.

Am Freitagnachmittag musste Tim Walter pikante Fanfragen beantworten. Anlässlich des bevorstehenden Spitzenspiels Zweiter, Hamburger SV, gegen Erster, Werder Bremen, am Sonntag (13.30 Uhr/Sky) in der Zweiten Fußball-Bundesliga sollte der HSV-Trainer sagen, welche Legende er gern im eigenen Team hätte. Walter musste breit lächeln und entschied sich für die Vereinsikonen Uwe Seeler und Horst Hrubesch, ohne dabei zu vergessen, den Bogen zur Gegenwart zu schlagen. Auch sein Offensivmann Sonny Kittel habe die Perspektive, eine HSV-Legende zu werden.

Ganz so weit ist es natürlich noch nicht, Aber Walter schickt sich nach einer etwas rumpeligen Startphase mit der jüngsten Mannschaft der zweiten Liga an, den verblichenen Bundesliga-Dino im vierten Jahr nach dem Abstieg erstmals höher als auf Rang vier zu führen. Nach dem mit Hochspannung erwarteten Traditionsderby gegen den Spitzenreiter aus Bremen sind die Hamburger die einzige der derzeit sechs Aufstiegsanwärter, die danach kein einziges Spiel gegen die Top-Fünf-Gegner mehr bestreiten müssen. Ob das ein Vorteil ist, erscheint freilich zweifelhaft. Zuletzt mühte sich der HSV zu einem 1:1 beim SV Sandhausen. Der Verdacht liegt nahe: Der Aufstieg wird nicht über dieses große Spiel gegen Werder entschieden, sondern gegen kommende kleinere Gegner.

Kein Trainer vor ihm sei beim HSV in der zweiten Liga beim Amtsantritt mit vergleichbar viel Skepsis empfangen worden wie der gebürtige Badener Walter, hat das „Hamburger Abendblatt“ rückblickend festgestellt. Dass der Walter-Fußball in den ersten Monaten mit einer allzu offensiven Unwucht daherkam, die dem HSV mehrfach spät Punkte kostete, wurde in den ansässigen Medien entsprechend kritisch vermerkt. „Öfter fehlte die nötige Balance zwischen notwendigem Mut und tollkühnen Wagemut“, urteilte das „Abendblatt“.

Tim Walter justierte die Konterabsicherung, auch nach Rücksprache mit der Mannschaft - und siehe da: Inzwischen verfügt der HSV mit weitem Abstand über die sicherste Defensive (weniger als ein Gegentor pro Spiel) und hat erst zweimal verloren, so selten wie sonst niemand in Liga zwei. Hinzu kommt das Erreichen des Pokal-Viertelfinals nächste Woche gegen den Karlsruher SC.

Druck als Privileg

Verraten hat Walter sich mit seiner extrem mutigen Herangehensweise, mit der er einst beim VfB Stuttgart scheiterte, keineswegs. Das käme für ihn niemals in Frage. „Ich lasse mich nicht verbiegen“, sagte er dieser Tage im Sport1-Podcast „Leadertalk“. Walter, der bei ihm nicht genehmen Journalistenfragen auch mal unzweideutig deutlich in Tonalität und Habitus werden kann, genießt die extrem enge Situation im Rattenrennen um den Bundesligaaufstieg geradezu: „Druck ist für mich ein Privileg.“ Die gerade wieder aufkommende, in einer umfangreichen „Abendblatt“-Recherche dokumentierte Betriebsamkeit im notorisch unruhigen HSV-Gebilde schiebt er von sich - und bleibt sich dabei treu.

Kein anderes Team im deutschen Lizenzfußball bis auf den FC Bayern spielt auch bei starkem Gegnerdruck derart konsequent im Kombinationsspiel flach von hinten heraus. HSV-Fans stockt dabei regelmäßig der Atem. Walter möchte, dass seine Spieler „keine Angst haben“, genauso so zu agieren und das Spiel mit dem Ball zu pflegen. Im spielstarken Torwart Daniel Heuer Fernandes hat er einen geeigneten ersten Aufbauspieler in letzter Reihe, den typischen Walter-Spin einzuleiten.

Tim Walter orientiert sich in seiner Trainerarbeit am Vorbild Pep Guardiola. Den Katalanen lernte er seinerzeit beim FC Bayern kennen, wo Walter die zweite Mannschaft coachte, ehe er bei Holstein Kiel seinen ersten Zweitligajob antrat. Er war dort Vorgänger von Ole Werner, den aktuellen Werder-Trainer, auf den er am Sonntag trifft.

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