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Champions League

Thomas Tuchel: Der Stolz des Lehrlings

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Mit Mainz 05 reiste er einst nach Barcelona, um den Geist Guardiolas zu inhalieren. Dass Tuchel sein Vorbild im Champions-League-Finale übertrumpft hat, ist kein Zufall.

Vor zehn Jahren überkam Thomas Tuchel eine Idee, die vor ihm noch kein deutscher Trainer seinem Klub vorgetragen hatte. Und also trainierte Mainz 05, angeleitet von einem schlaksigen Burschen, der aussah wie ein Sportstudent, im Januar 2011 fünf Tage lang im Schatten des Camp Nou in Barcelona. Tuchel wollte seinen Spielern den Geist der legendären Spielstätte näherbringen. Vor allem aber wollte auch er selbst den Geist von Pep Guardiola inhalieren, seinerzeit Trainer der damals weltbesten Klubmannschaft FC Barcelona. Von dessen Idee, ein hochkomplexes Spiel einfach aussehen zu lassen, war Tuchel fasziniert. Der Trip nach Katalonien gehörte zu seiner Strategie des „Ausbruchs aus Routinen“, die der Perfektionist eindrucksvoll in einem nach wie vor auf Youtube zu besichtigenden Vortrag erläutert.

Jetzt hat der einstige Lehrling seinen großen Meister im bedeutendsten Spiel europäischer Klubmannschaften mit kühlem Kalkül ausgecoacht und geschlagen. Tuchel versteht es, Gegner auszulesen wie ein Computerprogramm. Der Sieg hätte für ihn nicht monumentaler ausfallen können im Duell zweier Genies in der Coaching Zone. Nichts hätte ihn stolzer machen können als dieses 1:0, das nur als Ergebnis minimalistisch anmutet.

Thomas Tuchel denkt über Fußball ähnlich detailversessen wie Guardiola

Dass der dürre Deutsche hinterher alle Gefühle präsentierte, die man ihm gar nicht zugetraut hatte, demonstrierte den besonderen Moment: Tuchel eng umschlungen mit den beiden Töchtern, Tuchel im Interview, der seiner Frau dankte, auch den Eltern, der die 90-jährige Oma in der Heimat vorm Fernseher nicht vergaß und auch nicht Volker Kersting, den Mainzer Nachwuchschef, der ihn einst nach Mainz geholt hatte, wo der Triumphzug nach Europa begann.

Thomas Tuchel hat mit Chelsea zum ersten Mal die Champions League gewonnen.

Thomas Tuchel denkt über Fußball ähnlich detailversessen wie Guardiola, er hat es dabei stets besser als sein Vorbild verstanden, einen nüchternen Zugang zu komplizierten Aufgaben zu finden. Nach dem Triumph von Porto präsentierte er das lyrische Bild dazu: „Wir waren der Stein im Schuh von City.“

Es gehört zu den Spezialitäten des getriebenen Bessermachers, das Spiel eines individuell stärkeren Gegners zu betäuben. Tuchels Ansatz basiert zu allererst konsequent in perfekt organisierter Gruppenarbeit auf Fehlerminimierung als Basis für offensive Aktionen. Das ist ihm einst mit Mainz 05 im A-Jugend-Finale gegen Mario Götzes talentierteres Borussia Dortmund gelungen, das hat er in der Bundesliga mit den Mainzern gegen den FC Bayern oft genug geschafft, das hat er jetzt eindrucksvoll mit dem FC Chelsea gegen Meister Manchester City wiederholt. City, kein Zufall, blieb in einem hochklassigen Endspiel nahezu chancenlos.

Fußballintelligenz von Thomas Tuchel übertrifft Durchschnitt um Längen

Tuchel, inzwischen 47 und etwas schütterer im Haaransatz geworden, hat den FC Chelsea von Platz neun in der Premier League auf Rang vier und zum Titel in der Königsklasse navigiert. Das wäre als eine Sensation zu werten, wäre diese Präzisionarbeit nicht Tuchel, dem Maniac, gelungen. Wer ihn kennt, der wusste: Nicht weniger als genau das war ihm zuzutrauen gewesen. Seine Fußballintelligenz übertrifft den Branchendurchschnitt um Längen, und nun sogar mit einem Tor Vorsprung die von Pep Guardiola.

Thomas Tuchel
Geboren29. August 1973, Krumbach
EhepartnerinSissi Tuchel (verh. 2009)
TrainerstationenFSV Mainz 05 (2009 bis 2014)
Borussia Dortmund (2015 bis 2017)
Paris Saint-Germain (2018 bis 2020)
FC Chelsea (seit Januar 2021)

Es ist aus der Ferne schwer zu beurteilen, es gab schon immer weniger in Dortmund, dann weder in Paris, wo er zur Jahreswende gehen musste, noch seit Januar in London auch nur annähernd so engen Zugang zu Tuchel wie einstmals in Mainz – aber es ist davon auszugehen: Er dürfte wohl nicht mehr so unnachgiebig im persönlichen Umgang mit Spielern sein, nicht mehr so nervend auf seinen Lebensentwurf und persönliche Ernährungsvorlieben bestehend, mehr Freiheiten gewährend, die Gelassenheit der Erfahrung nutzend, um sich nicht zu sehr in Kleinigkeiten zu verheddern.

Der Nerd ist nach Jürgen Klopp der zweite deutsche Trainer, der beim FSV Mainz 05 zum international geachteten Fußballlehrer wuchs und binnen zwei Jahren mit einem englischen Klub die Champions League gewann. Niemand kann behaupten, dass es sich dabei um Zufall handelt. Es ist die stolze Errungenschaft eines Nischenklubs, deren Abkömmlinge den europäischen Fußball eroberten. (Jan Christian Müller)

Rubriklistenbild: © SUSANA VERA/AFP

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