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Zwei Torschützen: Kai Havertz (re.) und Timo Werner.

Kai Havertz

Der stille Dirigent

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Im zehnten Länderspiel unterstreicht der Neu-Londoner Kai Havertz endlich auch in der Nationalmannschaft seine besonderen Qualitäten.

Die aktuellen Einschränkungen sind auch für Nationalspieler nicht so ganz einfach. Unter normalen Umständen hätte Kai Havertz wohl mehrere Dutzend Freikarten verteilen können, wenn Zuschauer in Köln zugelassen worden wären. Familie, Freunde und Bekannte des gebürtigen Aacheners wohnen nicht weit weg – und waren ein Grund, dass sich der nach London verzogene 21-Jährige auf die Länderspiele in „der alten Heimat riesig gefreut“ hatte. Aber auch ein leeres Stadion ohne Angehörige kann offenbar inspirieren, denn dem 3:3 gegen die Schweiz drückte das Ausnahmetalent des deutschen Fußballs endlich seinen Stempel auf.

„Man sieht seine Fähigkeiten am Ball, seine manchmal sehr guten Pässe in die Spitze“, lobte Bundestrainer Joachim Löw den bislang besten Havertz-Auftritt in der DFB-Auswahl. Neben dem beherztem Solo zum 2:2 gab er beim Anschlusstreffer von Timo Werner die Vorlage und leitete das Ausgleichstor von Serge Gnabry ein. „Er war ein Spieler, der anspielbar war, der die Bälle gut verteidigt hat. Es war ein wirklich gutes Spiel vom Kai“, fasste Löw zusammen, dem die fußballerische Begabung Havertz‘ naturgemäß seit längerem bekannt ist.

Acht Millionen sehen zu

Die deutsche Nummer 21 redete lieber über das Team: „Wir befinden uns in einem Prozess, wir haben eine junge Mannschaft. Wir lassen uns nicht von unserem Weg abbringen.“ Er ist ja ohnehin der Meinung, „noch viele Jahre vor sich zu haben“. Einerseits. Andererseits ist es für überzeugende Leistungen nie zu früh.

Dass der Ausnahmekönner nach seinem Debüt vor zwei Jahren in der Nationalmannschaft vergleichsweise wenig Spielzeit erhielt, war oft genug Löws bevorzugtem System mit Dreierkette geschuldet.

Dann fehlte im offensiven Mittelfeld oder an den Flügeln genau jener Platz, den ein Freigeist wie Havertz braucht, der sich mit Vorliebe als stiller Dirigent zwischen den Linien tummelt. Vor der Corona-Krise hatte er bei sieben Einsätzen unter Löw nur ein einziges Mal durchspielen dürfen. Dabei hatte der Bundestrainer ja mal gesagt: „Kai Havertz kann für die Nationalmannschaft ein prägender Spieler sein. Für ihn finden wir einen Platz.“ Danach hat Löw lange vergeblich gesucht. Nun konnten sich 8,19 Millionen Fernsehzuschauer in der ARD ein Bild machen, was das Ausnahmetalent der DFB-Elf alles geben kann.

Es fiel auf, dass sich Havertz in vielen Zweikämpfen standfest zeigte – und nicht mehr alles über seine elegante Ballbehandlung regelte. Eine Folge eines Reifeprozesses im Rekordtempo? Nach seinem Wechsel zum FC Chelsea, der bis zu 100 Millionen Euro für das „German Wunderkind“ (BBC) an Bayer Leverkusen bezahlt, hat er schnell gemerkt, dass er sich umstellen muss. In der Premier League kommt es ihm nämlich so vor, „dass es keine durchschnittlichen oder schlechten Spieler gibt.“ Alles muss in höchster Geschwindigkeit und Intensität erledigt werden. „Die Zweikämpfe sind härter und schneller“, hat der Filigrantechniker festgestellt.

Den Fußball auf der Insel empfindet er als „ganz anders als in Deutschland“. Havertz sagte vergangene Woche: „Für mich war es ein großer Schritt, meine Familie, mein Umfeld zu verlassen.“ Die Blues erwarten viel von ihm. Angeblich will Teamchef Frank Lampard sogar das System für den teuren Neuzugang umstellen. Sein Dreierpack im Ligapokal gegen den FC Barnsley kann daher nur der Anfang gewesen sein. Am Samstag könnte das Heimspiel gegen den FC Southampton eine gute Gelegenheit sein, mit dem Premier-League-Premierentor nachzulegen.

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