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Spiele „ohne innere Beteiligung“: Die Freiburger Profis Alexander Iashvili (rechts) und Ibrahim Tanko (Mitte) beim Uefa-Cup-Spiel am 11. September 2001 in Puchov.
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Spiele „ohne innere Beteiligung“: Die Freiburger Profis Alexander Iashvili (rechts) und Ibrahim Tanko (Mitte) beim Uefa-Cup-Spiel am 11. September 2001 in Puchov.

9/11

Der SC Freiburg und die Gespenster von Puchov

  • Jakob Böllhoff
    VonJakob Böllhoff
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Der frühere Trainer Volker Finke erinnert sich an ein absurdes Spiel vor 20 Jahren am Tag des Terrors in der Slowakei.

Wir waren zu Gast in der Slowakei damals, an diesem 11. September 2001, in den Ausläufern der weißen Karpaten. Puchov. Erste Runde im Uefa-Cup mit dem SC Freiburg, das Hinspiel. Wie immer bei Auswärtsspielen war ich früh aufgestanden für einen Spaziergang, um mir ein Bild von dem Ort zu machen, an dem wir uns befanden. Puchov war eine alte Industriestadt, nicht sehr einladend zu dieser Zeit. Als ich einen Kanal entlang spazierte, kamen mir ein paar düstere Gestalten entgegen, in Militärklamotten und mit Kampfhunden an der Leine, und ich dachte kurz: Huch. Vielleicht doch besser umkehren. Auch diese Bilder habe ich noch im Kopf, wenn ich an den 11. September denke.

Von den Anschlägen in den USA erfuhr ich dann auf meinem Hotelzimmer. In der Mittagsruhe, zwischen dem Anschwitzen mit der Mannschaft und der Abfahrt zum Stadion, hatte ich den Fernseher laufen, RTL. Hinter dem Nachrichtsprecher – Peter Kloeppel hieß er, glaube ich – flimmerten wieder und wieder die Aufnahmen des zweiten Flugzeugs über den Bildschirm, das in New York in einen der Twin Tower raste. Man sah den Rauch, der über Manhattan lag. Ich war schockiert und gleichzeitig gebannt.

Ab da war auch für uns nichts mehr normal an diesem Tag. Es ging nicht mehr um die Aufstellung oder um die Taktik für das Spiel. Es ging nur noch um die Frage, ob man unter diesen Umständen, vor dem Hintergrund dieses einschneidenden Ereignisses, das ja zu Recht als grundsätzlicher Angriff auf die westlichen Demokratien gesehen wurde, überhaupt ein Fußballspiel veranstalten kann. Oder will. Früher als geplant riefen wir die Spieler zusammen, ein paar Stunden vor dem Anpfiff. Und irgendwann kam dann eine Ansage von höherer Stelle, wir wurden aufgefordert, das Programm fortzusetzen und ins Stadion zu fahren. Auch dort war es eine Zeit lang unsicher, ob gespielt würde, die schrecklichen Nachrichten aus den USA nahmen ja kein Ende. In den Katakomben liefen Anzugträger von der Uefa herum und redeten aufgeregt in ihre Walkie-Talkies. Mit dem Trainer von Puchov einigten wir uns darauf, dass wir spielen würden, wenn die Uefa es anordnen würde. So kam es dann.

Zur Person

Volker Finke , 73, trainierte den SC Freiburg zwischen 1991 und 2007 16 Jahre lang ohne Unterbrechung und ist damit Rekordhalter im deutschen Profifußball. Der Studienrat für Sport, Gemeinschaftskunde und Geschichte, bis 1990 an der Albert-Schweitzer-Schule in seiner Geburtstadt Nienburg/Weser tätig, führte die Freiburger 1992 erstmals in die Erste Fußball-Bundesliga. Finke, der es in seiner aktiven Zeit als Mittelfeldspieler nie über den Amateurbereich hinaus schaffte, hat mit seinen fußballerischen und infrastrukturellen Impulsen wesentlichen Anteil daran, dass sich der SC Freiburg über die Jahre im deutschen Spitzenfußball etablieren konnte.

Für die Saison 2001/2002 hatten die Freiburger sich zum zweiten Mal in der Klubgeschichte für den Uefa-Cup qualifiziert. Die Auslosung führte sie am Schicksalstag 11. September 2001 nach Puchov. Nach dem 0:0 in der Slowakei setzte sich der Sport-Club im Rückspiel dramatisch knapp durch, kurz vor Schluss erzielte Ibrahim Tanko das entscheidende 2:1. Letztlich scheiterte das Team von Trainer Finke in der dritten Runde des Uefa-Cups an Feyenoord Rotterdam. Die Bundesligasaison endete 2002 mit dem Abstieg in Liga zwei.

Finke hatte nach seiner Freiburger Zeit Engagements in Japan bei Urawa Red Diamonds (2009 - 10) und beim 1. FC Köln (2010 - 2012). Von 2013 bis 2015 war er zudem Nationaltrainer von Kamerun. Er ist verheiratet und hat seinen Lebensmittelpunkt nach wie vor in Freiburg. böl

Die Atmosphäre im Stadion von Puchov war gespenstisch, wie gelähmt. Niemand war mit dem Kopf beim Fußball, nicht die Spieler, nicht die Trainer, nicht die Zuschauer. Auch als direkt Beteiligter erlebte man das Spiel aus einer seltsamen Distanz. Wie etwas, das man abspult. Eine innere Begleitung gab es nicht. Das, was da in den USA passiert ist, diese Angriffe auf die westliche Zivilgesellschaft, hat natürlich den Fußball total überlagert. Ich glaube, ich saß zu 90 Prozent während der Partie regungslos auf meinem Stuhl, auch auf dem Platz war es extrem ruhig. Kein Wunder, dass das Spiel 0:0 ausging, und wenn ich mich richtig erinnere, fiel die Pressekonferenz nach dem Spiel aus. Wir wollten schnell zurück ins Hotel, Sachen packen, ab zum Flughafen. Nur noch weg.

Ich glaube, es hat danach zwei bis drei Wochen gedauert, bis echte Normalität einkehrte in der Mannschaft. Unterm Strich haben wir es mit unserer Multi-Kulti-Truppe beim SC Freiburg, die auch von den Religionen her sehr durchmischt war, gut hingekriegt, im Miteinander mit den schockierenden Ereignissen umzugehen. Das empfinde ich auch heute noch als ermutigend. Darin liegt für mich die Botschaft, die über den 11. September 2001 und seine schrecklichen, bis heute anhaltenden Folgen hinausragt.

Aufgezeichnet von Jakob Böllhoff

Volker Finke prägte den SC Freiburg entscheidend.

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