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Der nur kicken will

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Von: Frank Hellmann, Björn Knips

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Obenauf. Mitchell Weiser.
Obenauf. Mitchell Weiser. Foto: Imago Images © dpa

Bremens Rechtsverteidiger Mitchell Weiser geht unbeschwert in das ungleiche Duell beim FC Bayern

Mitchell Weiser ist niemand, der die letzten oder nächsten Spiele auf Knopfdruck parat hat. Er hat auch keine Statistiken auswendig gelernt, die ohnehin wenig bis nichts aussagen. Manche mögen das einem Berufsfußballer als fehlende Professionalität auslegen, vielleicht ist das im speziellen Fall bei seiner Person auch nicht vollkommen abwegig, aber schlecht muss das auch nicht sein. So sagt der 28-Jährige über das Gastspiel von Werder Bremen beim FC Bayern (Dienstag 20.30 Uhr/Sky und Sat.1): „Wir sind bisher in jedes Spiel gegangen und wollten etwas mitnehmen. Das wird auch in München nicht anders sein.“

Da schert sich einer nicht um die fürchterliche Bilanz, die die Norddeutschen in einem Bundesliga-Klassiker durch ihre Verzwergung im vergangenen Jahrzehnt aufgebaut haben: Seit es am 20. September 2008 ein kaum fassbares 5:2 in München gab – Werder-Regisseur damals Mesut Özil und Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann -, trugen die Bremer aus 25 Vergleichen 21 Niederlagen und vier Unentschieden davon. Torverhältnis: 16:77. Wie günstig die Gelegenheit für die Grün-Weißen wirklich ist, die schwarze Serie zu brechen, muss sich zeigen.

Fürsprecher Bittencourt

Aber wenn die Gäste einen mitbringen, den die Vergangenheit gegen den Rekordmeister nicht kümmert und der dem einen oder anderen Gegenspieler sogar technisch auf Augenhöhe begegnet, dann ihr Rechtsverteidiger. In der Liga gibt es auf dieser Position gerade nicht viele bessere als Mitchell Weiser, der sich ja bei den Bayern ein bisschen auskennt: Der Filius des früheren Bundesligaspielers Patrick Weiser wurde zwar vom 1. FC Köln seit dem Kindesalter ausgebildet, aber seinen ersten Lizenzspielervertrag unterzeichnete er 2012 an der Säbener Straße.

Zunächst gehörte er meist zur zweiten Mannschaft, ehe ihn Starcoach Pep Guardiola häufiger zu den Profis holte. 16 Bundesligaeinsätze für die Bayern standen auf seinem Konto, als er sich 2015 zu Hertha BSC veränderte. Spielverständnis und Trickreichtum waren längst bekannt, als er 2017 mit der deutschen U 21 den Europameistertitel gewann und im Finale gegen Spanien das Siegtor schoss. Gerade erst hat Werder-Trainer Ole Werner wieder über ihn gesagt: „Er ist ein Spieler, der technisch auf engem Raum alles lösen kann.“

Belege erbrachte der Belobigte beim Aufsteigerduell gegen den FC Schalke 04 (2:1), in dem er zum Matchwinner avancierte. Seine Hackenvorlage für Niclas Füllkrug und sein Traumpass für Marvin Ducksch waren die Türöffner, um eine durchwachsene Heimvorstellung mit dem nächsten Dreier zu krönen. Der WM-Kandidat Füllkrug verriet hinterher, dass er Weiser nur „Ronaldinho“ rufe. Mehr Kompliment geht kaum. Auch dank dieser Finesse ist Werder aktuell Siebter – und schon vieler Sorgen ledig.

Weiser bekleidet in dem 3-5-2-System eine wichtige Funktion als Antreiber, denn seine defensiven Schwächen fallen in dieser Ausrichtung weit weniger aus als bei einem System mit Viererkette. Ein Grund, warum er eigentlich kein Kandidat für den WM-Kader von Bundestrainer Hansi Flick sein kann. Und als völlig pflegeleicht gilt er eben auch nicht, sonst hätte er bei Bayer Leverkusen nicht auf dem Abstellgleis gestanden.

Dort hatte Weiser ungeachtet aller Befähigungen mit Ball keine Zukunft mehr, als Ende August 2021 der Werder-Geschäftsführer Frank Baumann in eine turnusmäßige Besprechung mit dem damaligen Cheftrainer Markus Anfang, Sportdirektor Clemens Fritz und Führungsspieler Leo Bittencout kam. Baumann berichtete, dass man über kurzfristige Möglichkeit sprechen müsste, den unter dem Bayer-Kreuz überzähligen Edelreservisten auszuleihen. Anfang gab sich damals ausgesprochen skeptisch, wie die Dazn-Dokumentation über Werders Zweitligajahr verrät. Bittencourt bemerkte, dass er sich für Weiser ausspreche, weil „der Mitch kicken kann“.

Das Geschäft kam zustande – und als Werner den Impfpassfälscher Anfang ablöste, blühte Weiser auf. Diesen Sommer brauchte es zwei Anläufe, um den Schienen- und Schlüsselspieler ablösefrei zu verpflichten. Ein Glücksfall für beide Seiten. „Ich habe hier meine Freude am Fußball wiederentdeckt“, sagte der offenkundig zum seriösen Schlitzohr gereifte Weiser, der sich in seinen nunmehr 16 Monaten an der Weser auch Widerstandsgeist und Wettkampfhärte angeeignet hat. Beides braucht es als Stammspieler in der Bundesliga. Erst recht gegen die Bayern.

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