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Der nächste Schritt im Lebenswerk des Christian Streich

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Von: Jan Christian Müller

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Angespannte Freude: Christian Streich vor der Freiburger Fankurve im Hamburger Volksparkstadion.
Angespannte Freude: Christian Streich vor der Freiburger Fankurve im Hamburger Volksparkstadion. © dpa

Für Trainer Christian Streich schließt sich mit der Rückkehr zu einem Pokalfinale der ganz anderen Art in Berlin auch ein Kreis mit dem SC Freiburg

Dies ist die Geschichte eines Trainers und seine Vereins, für die sich am 21. Mai ein Kreis schließt. Seine Pokalsiege hat Christian Streich bislang allesamt im Großraum Berlin erlebt. Aber noch niemals im voluminösen Olympiastadion. Dreimal war er mit dem SC Freiburg schon DFB-Pokalsieger, eine Nummer kleiner zwar, jeweils mit der A-Jugend. Was ihm dennoch viel bedeutet und was noch mehr sagt über Christian Streich und seinen treuen Arbeitgeber, die gemeinsam so dermaßen vorbildlich nachhaltig arbeiten, als wäre das ganz einfach. Dabei ist es derart schwierig, das niemand es schafft, Streichs Freiburg zu kopieren. Schon gar nicht der verzwergte Hamburger SV, über den der Sport-Club am Dienstagabend hinwegrauschte wie eine Monsterwelle.

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Der SC Freiburg als Pokalprimus

Der SC Freiburg stellt, sicher kein Zufall, mit sechs Siegen republikweit den Pokalprimus im U19-Jugendbereich. Das ist die grundsolide, geduldig, strategisch klug, stabil und hartnäckig erarbeitete Basis für den Erfolg ganz oben. Sechs Spieler aus eigener Herstellung (inklusive der U23) gehörten jetzt im Halbfinale dazu.

Streich gewann mit Freiburg den Pokal 2006 im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im alten Berliner Osten, 2009 dann im Karl-Liebknecht-Stadion zu Potsdam, 2011 im Stadion auf dem Wurfplatz im Schatten des Olympiastadions im Westen der Metropole. Nun folgt, nach einem souverän herausgepressten 3:1 (3:0) in Hamburg, dem nächsten Schritt im Lebenswerk, erstmals das „echte“ Endspiel.

Christian Streich stützt den SC Freiburg und andersherum

Das eine hat mit den anderen viel zu tun: Streich hat den SC Freiburg gestützt, und der SC Freiburg hat Streich gestützt. Er ist jetzt zehn Jahre lang Cheftrainer dort, der mit Abstand dienstälteste im Oberhaus. Im selben Zeitraum beschäftigte der HSV 15 Übungsleiter.

Zum Schlusspfiff im Volksparkstadion lag sich Streich, 56, prompt in den Armen mit Klemens Hartenbach, 57, gebürtig in Freiburg, Sportdirektor, seit Ewigkeiten zuständig für die Suche nach Rohdiamanten, und Sportvorstand Jochen Saier, 44, wie Hartenbach und Streich selbst ein Kind der Freiburger Fußballschule. Die ist Legende. Das Vertrauen ist tief. Die Macken des anderen werden toleriert, die Stärken genutzt. Ex-Keeper Hartenbach etwa tourt unablässig durchs Land und hält heimlich nach Verstärkungen Ausschau. Er verlässt sich lieber nicht auf Videobilder. Er muss das Talent eines Spielers auch erspüren. Das geht nur vor Ort, findet Hartenbach.

Mineralwasserdusche für Christian Streich

Die Feierlichkeiten in der Kurve ließen sich auch Hartenbach und Saier nicht entgehen. Etwas später - Streich hatte gerade sein ARD-Interview beendet, die Kamera war noch auf ihn gerichtet - stürmte eine Handvoll Freiburger Profis heran und übergoss den Trainer mit Mineralwasser aus mitgebrachten Flaschen. Stilles Wasser, kein Bier und erst recht kein Schampus. Ganz nach Art des bescheidenen Hauses SC Freiburg. „So gefällt mir das“, sagte Streich.

Er wirkte heruntergedimmt, er brauchte Zeit, ehe er sich so freuen konnte, wie es dem Ereignis angemessen erschien. Er sorgte sich darum, dass die Erwartungen nun steigen, zumal ja auch das Erreichen der Champions ein realistisches Szenario ist. Und er lobte:: „Meine Mannschaft hat eine hohe Sozialkompetenz. Das ist gerade in der heutigen Zeit schön zu sehen.“ Er selbst lebt diese Sozialkompetenz vor - ausdrücklich ausgenommen sein mitunter ungnädiges Gebaren in der Coachingzone.

Können die Breisgauer mit ihrer ansonsten latenten Sucht zur Ruhe und Besonnenheit ein Vorbild für den unterlegenen Gegner Hamburger SV sein? Der war schon ein Jahr lang Europapokalsieger der Pokalsieger, als der SC Freiburg 1978 zuletzt einen Pokal holte: den des Landesverbands Südbaden im Endspiel gegen den Offenburger FV.

Haben Jonas Boldt und Tim Walter eine Zukunft beim Hamburger SV?

Noch hat der HSV eine Rest-Chance, an den letzten vier Spieltagen in der zweiten Liga zumindest noch die Relegation zu erreichen. Es drohen ansonsten die schon die reflexartig üblichen Szenarien: Cheftrainer Tim Walter - von Streich mit konsequentem Pressing gegen das mutige, aber vorhersehbar risikobehaftete Hamburger Flachpassspiel klassisch ausgecoacht - droht das vorzeitige Ende. Wie ebenfalls Sportvorstand Jonas Boldt. Der hält zu Walter, der nach der Niederlage dünnhäutig wirkte, und zu sich selbst natürlich auch. Boldt sagt: „Freiburg macht es uns vor: Geduld haben, Kontinuität wahren und an ein paar Stellschrauben drehen. Dann wird es uns auch gelingen, erfolgreich zu arbeiten. In Freiburg ist das auch nicht über Nacht gekommen.“

Kluge Worte zwar. Aber bei den Rothosen sind die Verhältnisse längst nicht so klar und das Vertrauen so verlässlich wie in Freiburg. Der erst seit Jahresbeginn amtierende neue Vorstand Thomas Wüstefeld ist mit immerhin fünf Prozent der Aktien auch Anteilseigner der HSV Fußball-AG und führt zeitgleich ein weltweit operierendes Unternehmen der Medizintechnik. Er sagt: „Wenn wir den Aufstieg nicht schaffen, werden wir alles dafür tun, das Projekt direkt wieder zu starten.“ Es wäre keine Sensation, wenn dies ohne Boldt geschähe. Und somit dann auch ohne die schützende Hand über Tim Walter, was wiederum die Perspektive des Cheftrainers in Hamburg minimieren würde. Ob das klug wäre, darf getrost bezweifelt werden. Man muss nur 750 Kilometer gen Süden schauen. In die tiefenentspannte Stadt des Pokalfinalisten.

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