1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Der mit der Hacke geht

Erstellt:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Hacke, Spitze, Tor: Adam Szalai trifft entscheidend. Foto: dpa
Hacke, Spitze, Tor: Adam Szalai trifft entscheidend. Foto: dpa © dpa

Adam Szalai will nach seinem Traumtor gegen die DFB-Auswahl nun mit Ungarn zum Abschied am Montag auch den Gruppensieg feiern

Ohne Pathos geht es nicht. Sich mit stolzgeschwellter Brust vor dem schwarz gekleideten Fanblock aufzustellen, um auch nach Abpfiff noch gemeinsam die Nationalhymne zu schmettern: Diese Prozedur ist bei den ungarischen Nationalspielern fast in Fleisch und Blut übergangen, seit diese Auswahl mit Ansage den Topnationen die Stirn bietet. In vorderer Reihe, gerne mit dem Finger auf dem Wappen oder der Hand auf dem Herz, steht der Mann, der das Haar streng nach hinten gescheitelt und die Nummer neun auf dem Rücken hat: Adam Szalai. Der Kapitän taugt als bestes Sinnbild einer Tugend, über sich hinauszuwachsen, wenn er ins rot-weiße Trikot schlüpft.

Am Montag wird die vollbesetzte Puskas-Arena dieser Mannschaft im Heimspiel gegen Italien wieder jedwede Rückendeckung geben, so viel steht fest. Die Magyaren sind nicht zufällig Tabellenführer der mit den Weltmeistern Deutschland, England und Italien vollgepackten Gruppe 3. Dem Außenseiter reicht ein Remis, um sensationell ins Final Four einzuziehen. Wenn Nationaltrainer Marco Rossi sagt, dass „das ein besonderes Spiel für mich sein wird“, dann stimmt das ja, weil der 58-Jährige selbst Italiener ist. Doch die eigentliche Besonderheit in Budapest wird der stimmungsvolle Abschied des ehemaligen Bundesligaprofis Szalai sein, der mit dem 86. Länderspiel seine Nationalmannschaftskarriere beendet.

Seinen Entschluss verkündete der Mittelstürmer vergangene Woche aus dem Trainingszentrum in Telki. „Mehrere Monate, vielleicht sogar fast ein Jahr lang habe ich überlegt“, sagte der 34-Jährige. Der richtige Zeitpunkt sei gekommen, wenn im März die Qualifikation für die EM 2024 in Deutschland starte. Er möchte den Weg für Jüngere freimachen – und findet beim FC Basel noch genug Herausforderungen vor. Sein Abschiedsgeschenk für die Heimat hätte spektakulärer nicht ausfallen können: Sein Hackentreffer gegen Deutschland, sein 26. Länderspieltor, hatte alle Qualitätsmerkmale für ein „Tor des Monats“: Nach Ecke von Dominik Szoboszlai auf den kurzen Pfosten gelaufen, rasch die Ferse ausgefahren – das hatte was.

Beim FC Basel noch am Ball

Wer hätte das dem 1,93-Meter-Hünen noch zugetraut? Gerne wurde ihm vorgehalten, er sei inzwischen zu ungelenk und zu langsam. Aber wenn er solch ein schlechter Fußballer wäre, hätte er für FSV Mainz, TSG Hoffenheim und Hannover nicht 276 Spiele im deutschen Oberhaus gemacht und 54 Tore geschossen. „Bei Adam ist genau das eingetreten, was ich mir vor dem Spiel erhofft habe: Ich habe den Spielern gesagt, dass die letzten beiden Spiele für immer in ihrem Gedächtnis bleiben werden“, sagte Rossi. Szalais Zaubertor passt perfekt in die Symbiose der beiden: Der empathische Nationalcoach hat auf seinen oft einsamen Stoßstürmer nie etwas kommen lassen, selbst wenn er Bankdrücker in der Bundesliga war. Er schätzte dessen Fähigkeiten, sich am Gegner abzuarbeiten, sich für Mitspieler aufzuopfern – und auch ohne Torerfolg ans große Ganze zu denken.

„Unterstützung und Kritik haben mir geholfen, erwachsen zu werden, eine echte Persönlichkeit“, erklärte Szalai vergangene Woche. Er schämte sich auch nicht zu betonen, „dass die Art von Zusammengehörigkeit, die Liebe zur Mannschaft und den Patriotismus, den ich erfahren habe, so wage ich zu behaupten, einzigartig auf der ganzen Welt ist.“ Fußball ist im politisch gespaltenen Reich des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban ein Lagerfeuer, von dem viele Wärme wollen. Szalai sei ein Spieler, ergänzte Rossi am Freitagabend, „der im Laufe seiner Karriere im Ausland ein viel höheres Ansehen genossen hat als ins Ungarn. Leider verlässt er uns.“

Auch interessant

Kommentare