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Der Kruse-Effekt beim VfL Wolfsburg

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Von: Thomas Kilchenstein

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Zwei, die gut harmonieren: Maximilian Arnold (links) holt sich Anweisungen von Trainer Niko Kovac.
Zwei, die gut harmonieren: Maximilian Arnold (links) holt sich Anweisungen von Trainer Niko Kovac. © IMAGO/Jan Huebner

Niko Kovac hat den VfL Wolfsburg aus der Komfortzone und damit zum Erfolg gedrängt, am blauen Pullover liegt das weniger.

Dieser Tage hat Max Kruse bei einem bestens dotierten Pokerturnier in Tschechien die Rekordsumme von knapp 135 000 Euro gewonnen, ein goldenes Glitzer-Armband „Bracelet“ gab es dazu. Es war sein größter Erfolg am Spieltisch, weswegen er noch weniger Hemmungen hat, Schlüpfriges bei seinem Trash-Podcast zum Besten zu geben. Max Kruse also. Hat der nicht irgendwann mal Fußball gespielt? Beim VfL Wolfsburg? Die Älteren werden sich erinnern.

Und irgendwie muss man diesem strammen Max am Mittellandkanal dankbar sein. Dankbar, dass er da war, dankbar, dass er so ist wie er ist, ein unangepasster, meinungsstarker Profi mit eigenem Kopf und eigener Auffassung von Fitness. Denn wenn Max Kruse nicht wie Max Kruse wäre, hätte ihn Niko Kovac nie aus der Mannschaft schmeißen können - womöglich war das der Schlüssel zum momentanen Leistungshoch des VfL Wolfsburg, der die letzten neun Spiele nicht verloren und die letzten vier gewonnen hat, darunter am Samstag bei der TSG Hoffenheim (2:1).

Es war Anfang September, als Niko Kovac, der so ist wie Niko Kovac ist, sein Enfant terrible freistellte. In der Woche vor der Partie gegen Eintracht Frankfurt hatte der Coach die knifflige Entscheidung getroffen. Kruse und Kovac - das war wie Feuer und Wasser, zwei Pole, gegensätzlicher geht es gar nicht. Hier der zuweilen geniale, aber trainingsfaule Spieler, dort der akribisch arbeitende Trainer, der der festen Auffassung ist, dass Erfolg auf Disziplin und Fleiß fußt. Und ein wenig auch auf lauwarmen Wasser ohne Kohlensäure.

Seit Kruse nicht mehr dabei ist, läuft es in Wolfsburg. In Frankfurt gewann der VfL glücklich 1:0, noch heute wissen sie nicht, wieso eigentlich, danach folgte ein 0:2 gegen Union Berlin. Danach wurde keine Partie mehr verloren. Vor dem Frankfurt-Spiel am sechsten Spieltag dümpelte der bestens vom VW-Werk alimentierte VfL mit zwei Punkten auf Abstiegsplatz 17, inzwischen haben die Wölfe 23 Zähler und heulen von Rang sieben

Es hat eine Weile gedauert, ehe Niko Kovac und der VfL warm miteinander wurden. Der 51-Jährige, der sich seine Trainersporen einst mit dem Pokalgewinn mit Eintracht Frankfurt verdiente, ist ein harter Hund, zuweilen schroff in der Ansprache, er verlangt viel von seinen Profis. Er sei ein Trainer, „der sehr deutlich ist“, umschrieb ihn Verteidiger Micky van de Ven passend.

Kovac selbst war anfangs konsterniert über die Arbeitsauffassung der Spieler, sie seien emotionslos, pomadig, behäbig. Kovac musste sie aufwecken, musste an sie herankommen. Er tat das, wie er das immer tut, mit Maloche: Er fluchte und motzte, machte ihnen Beine und drängte sie aus ihrer Komfortzone. Der VfL hat sich, wie das unter Kovac so ist, im wahrsten Sinne des Wortes in diese Saison hineingearbeitet. So gut, dass Kapitän Maximilian Arnold, erster VfL-Profi mit 300 Bundesligaspielen, allen Ernstes sagen kann: „Derzeit hat man das Gefühl, dass nicht viel schiefgehen kann,“ Arnold erzählte auch, dass sich Mannschaft und Trainer nach dem 0:2 gegen Union Berlin zusammengesetzt hätten und „wir uns ein paar Wahrheiten an den Kopfe gehauen haben“.

Und Niko Kovac, abergläubisch wie alle Fußballer, trägt seit Wochen, wie einst Uli Lattek beim 1. FC Köln, einen blauen Pulli bei den Spielen. Er bringe ihm Glück, habe Kashmir-Anteile, sei flauschig und werde regelmäßig gewaschen, sagt Kovac. Daran wird es liegen.

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