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Bedient. Frank de Boer.Foto: dpa
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Bedient. Frank de Boer.Foto: dpa

K.o. für die Niederlande

Der Kater von Budapest

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Der niederländische Turnierfavorit erlebt beim Aus gegen Tschechien eine Blamage erster Güte, die Bondscoach Frank de Boer wohl nur noch den Rücktritt lässt.

Nicht mal eine ordentliche Danksagung vor dem eigenen Anhang wollte an diesem verstörenden Abend gelingen. Die meisten der mehr als 7000 Oranje-Fans blieben noch artig auf ihren Plätzen, als die Blamage von Budapest für die niederländische Nationalmannschaft feststand. Sie warteten, was Georginio Wijnaldum und Weggefährten nach dem 0:2 im Achtelfinale gegen Tschechien wohl tun würden. Doch nur mit großem Sicherheitsabstand bedankten sich die Spieler vorsichtig für die Unterstützung ihrer Landsleute – Pfiffe hallten durch die Arena. Wenig später, als Patrik Schick sich mit seinen euphorisierten Kollegen auf eine Ehrenrunde machten, prasselte aus den holländischen Blöcken warmer Applaus auf den tapferen Außenseiter herab. Fußball-Anhänger besitzen ein feines Gespür, wer mit heißem Herzen an diesem Sommerabend wirklich EM-Geschichte schreiben wollte.

52 834 Besucher bekamen im abermals fast vollbesetzten ungarischen Nationalstadion das Lehrstück aufgeführt, wie sich die individuell bessere Mannschaft selbst schlug. Die saft- und kraftlose Vorstellung erinnerte an so manches Trauma bei den verspielten Teilnahmen an der EM 2016 und WM 2018. Noch bevor in der Nacht der Charter aus Budapest zurück nach Amsterdam ging, deutete Bondscoach Frank de Boer an, dass persönliche Konsequenzen folgen könnten. „Wir haben unser Level nicht erreicht. Wir haben alle einen großen Kater.“ Er habe eine andere Route im Kopf gehabt, fügte der 51-Jährige noch an. Über Baku sollte es nach London zur Finalwoche gehen – sogar vom Gewinn des Endspiels hatte de Boer gesprochen.

Dem erst im September vergangenen Jahres installierten Nationaltrainer könnte dieses Turnier nun böse auf die Füße fallen. Dem 112-fachen Nationalspieler war der virtuellen Pressekonferenz anzusehen, wie sehr ihn auch die Debatten am vermeintlichen Verrat des angeblich heiligen 4-3-3-Systems zermürbt hatten. Gut möglich, dass der vertraglich eigentlich bis 2022 gebundene Coach hinwirft.

So schnell geht das also; aus dem Hochgefühl ins Stimmungstief. Es war eine verhängnisvolle Mixtur, die zum frühen Ausscheiden führte – letztlich leistete sich die Fußball-Nation eben doch Anflüge jener Überheblichkeit, die schon bei der EM 2008 nach einer famosen Vorrunde mit drei Siegen einst im ersten K.o.-Duell gegen Russland das Weiterkommen gekostet hatte. Eigentlich hätte sich der von de Boer auch öffentlich vorgeschickte Assistenzcoach Ruud van Nistelrooy alle Warnungen vor den Versäumnissen der Vergangenheit sparen können, wenn die Akteure darauf so gut hören, wie Stadionbesucher in Budapest auf die Aufforderung des Stadionsprechers, eine Maske zu tragen.

„Es war fast so, als ob wir müde wären, obwohl ich keine Ahnung habe, warum. Für einige der Jungs war es das größte Spiel ihrer bisherigen Karriere. Wir haben einfach unser Spiel nicht auf die Reihe gekriegt“, rätselte Frenkie de Jong. Neben dem Mittelfeldspieler vom FC Barcelona versagte ähnlich eklatant auch der zu Paris St. Germain wechselnde Kapitän Wijnaldum, der zwar eine „OneLove“-Armbinde trug, aber ansonsten komplett blass blieb. Wenn der zentrale Mann nur 22 Ballkontakte hat und in 90 Minuten plus Nachspielzeit karge zehn (!) Pässe spielt, sagt das alles. „Das tut sehr weh, es ist schwer zu verkraften. Wir hatten einen kompletten Offday. Wir haben zu wenig geleistet“, gestand der abgemeldete Anführer einer Mannschaft, die sich den Luxus leistete, mehr als zwölf Kilometer weniger zu laufen als der Gegner.

Ohne richtige Bewegung gelang es logischerweise nie, eine echte Dominanz aufbauen; der Doppelsturm mit den schnellen Memphis Depay und Donyell Malen wartete vergeblich auf Zulieferung, zumal die Tschechen die Außenbahnen für die nachrückenden Verteidiger Denzel Dumfries und Patrick van Aanholt doppelt- und dreifach abriegelten. Nur einmal, als Malen mutterseelenallein am tschechischen Torhüter Tomas Vaclik hängen blieb, lag die Führung in der Luft, doch fast im Gegenzug stoppte der stolpernde Matthijs de Ligt den Ball mit der Hand – der nach VAR-Intervention verhängte Platzverweis war schon der Anfang vom Ende (52.). „Das fühlt sich schrecklich an, natürlich. Denn wir haben am Ende nur wegen dem verloren, was ich getan habe, nahm der Verteidiger von Juventus Turin alle Schuld auf sich. „Das sind entscheidende Momente. In einer Minute hat sich das Blatt gegen uns gewendet“, sagte de Boer, der allerdings am besten wissen müssten, dass die seit dem Triumph 1988 unerfüllte EM-Geschichte der Oranjes weniger an individuellen Aussetzern liegt, sondern eher mit kollektivem Versagen zusammenhängt.

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