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Der Hans-Dieter im Hansi

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Von: Jan Christian Müller

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Neu dabei: Anton Stach aus Mainz.Foto: Imago images
Neu dabei: Anton Stach aus Mainz.Foto: Imago images © IMAGO/Jan Huebner

Warum Bundestrainer Flick überraschend Anton Stach nominierte und Julian Weigl nach fünf Jahren zurückholte . Hat er keine andere Alternativen?

Neulich bei der Kader-Bekanntgabe schaute Hansi Flick triumphierend in die Runde der per Videocall zugeschalteten Reporter. „Es ist wahrscheinlich eine Überraschung für euch alle: Anton Stach.“ Ja, die Nominierung des Mittelfeldspielers von Mainz 05 war dann tatsächlich eine Überraschung, am meisten wohl für Stach selbst. Der nahm den Anruf vom Bundestrainer im Auto entgegen und verfuhr sich vor Schreck und Glück dann gleich zweimal,

Es gibt eine Vorgeschichte. Man muss Hansi Flick nur zuhören und die gestrengen Worte mit seiner Personalauswahl abgleichen. Er sagt zum Beispiel: „Wenn wir sehen, dass die Entwicklung, die wir erwarten, nicht da ist, dann werden wir das dem Spieler sagen.“

Und dann handelt der Hans-Dieter im Hansi Flick auch genauso, wie er spricht. Gerade für die Positionen im zentralen Mittelfeld, dem Herz und Hirn des deutschen Spiels, kann man aus seinen Konsequenzen ableiten, dass er unzufrieden ist mit Emre Can und auch mit Mo Dahoud.

Zwar befinden sich die Dortmunder Borussen noch immer „im Blickfeld“ - inklusive Mats Hummels, dem nun schon zum zigsten Mal laut Flick zwei Wochen ohne Zugehörigkeit zum Nationalteam „einfach noch mal gut tun“ würden. Der Bundestrainer hört sich dabei nicht so an, als bezweifle er, dass auch dem A-Team zwei Wochen ohne Hummels derzeit gut tun.

Was dessen Klubkameraden Can und Dahoud angeht: „Im Blickfeld“ aus dem Munde von Flick klingt verdächtig mehr nach Weitwinkel als nach Zoom. In Abwesenheit des unumstrittenen Bayern-Duos Leon Goretzka (wegen dessen langwieriger Knieverletzung) und Joshua Kimmich (Geburt seines bereits dritten Kindes) klafft ein ziemlich tiefes Loch auf dieser Position.

Derart bedrohlich ist dieses Loch, dass Flick den kantigen Stach nach nur 21 Bundesligaspielen nominierte. Zudem holte er Julian Weigl (Benfica Lissabon) nach fünf Jahren DFB-Abstinenz und Robin Koch nach fast einem Jahr Pause wieder in den Kader der Nationalmannschaft zurückholte.

„Wir schauen auf der Sechser-Position immer, wer da auch ein Stabilisator sein kann und uns Absicherung bietet“, begründet der Bundestrainer das unerwartete Kader-Comeback von Weigl. „Jule kann gut organisieren und coacht seine Mitspieler. Wir brauchen neben Jo Kimmich eine verlässliche Alternative.“ Zumal der Mönchengladbacher Florian Neuhaus sich in dieser durchwachsenen Saison nicht aufgedrängt hat, als zuverlässiges Backup für Kimmich stabil an dessen Top-Niveau heranzureichen, und es Ilkay Gündogan weiter nach vorn zieht.

Auffällig anerkennend fällt Flicks Urteil über den von Natur aus offensiver ausgerichteten Jamal Musiala für diese defensivere Position aus: „Ja, die Sechs traue ich ihm zu. Jamal ist schlau im Zweikampf, immer kriegt er einen Fuß dazwischen, um einen Ball zu klauen.“ Aber es sind noch immer schmale Schultern für so viel Verantwortung.

Bei der EM 2021 hatte Löw auf der Doppelsechs das Tandem Ilkay Gündogan/Toni Kroos bevorzugt. Viele Kritiker waren im Vorfeld schon skeptisch, ob mittels der beiden Passmaschinen genügend Druck ins deutsche Spiel gelangen könnte - und sahen sich nach dem Aus im Achtelfinale im Wembleystadion bestätigt.

Sieben Jahre zuvor hatte Löw noch kurz vor WM-Start den zuvor noch nicht einmal in den vorläufigen erweiterten Kader nominierten Christoph Kramer in einer Last-Minute-Aktion ins Aufgebot für Brasilien dazugeholt. Zuvor beim 0:0 im Test mit einer besseren B-Elf gegen Polen hatte Löw erkannt, dass der aufgeweckte Debütant Kramer seinen Körper gut einsetzt und neben defensiver Stabilität auch Kraft nach vorne entwickeln kann. Das erschien dem Ex-Bundestrainer als kluge Alternative für die zu WM-Beginn noch maladen Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira. Als Khedira beim Aufwärmen vorm Finale gegen Argentinien über Wadenprobleme klagte, rutschte Kramer zu dessen erst fünftem Länderspieleinsatz in die Startelf und wurde prompt Weltmeister.

Es wäre derzeit noch ein wenig verwegen, würde man Anton Stach ähnliche Perspektiven zutrauen. Der 1,94 Meter große Mittelfeldspieler hat einen Wumms vor allem in seinem rechten Fuß wie sonst kein aktueller deutscher Nationalspieler. Bei den ersten Trainings im Kreis der Eliteauswahl zeigte sich der 23-Jährige mitunter noch etwas zaghaft, was niemanden verwundern kann. Vor zwei Jahren war Stach noch Regionalligaspieler bei der zweiten Mannschaft des VfL Wolfsburg.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass der im Sommer für 3,5 Millionen Euro von Mainz 05 bei der Spielvereinigung Greuther Fürth ausgelöste U21-Europameister als seine Leitbilder den einst beim FC Chelsea einen klassischen „Box-to-Box-Spieler“ gebenden Frank Lampard sowie Leon Goretzka angibt. „Lampard war mein Idol.“ Wie Lampard und Goretzka gibt auch Stach ein Mittelding zwischen Sechser und Achter, ist immer auf der Pirsch und bereit, auch vehement mit Ball am Fuß in den gegnerischen Strafraum einzudringen: Tiefenläufer, aber auch Kombinationsfußballer. „Ich liebe es“, sagt der bei Werder Bremen in der Jugend aussortierte Stach, „wenn man mit wenigen Kontakten schöne Ballstaffetten spielt.“

In Mainz sind sie mächtig stolz auf ihren „Stachi“, den Trainer Bo Svensson unbedingt haben wollte und in kritischer Begleitung formte und förderte. Flick sagt, er wolle nun genau hinschauen, „wie viel Luft nach oben“ Stach noch hat. Bei allem berechtigtem Lob: Für die deutsche Nationalmannschaft ist die überraschende Nominierung des Spätentwicklers nach nicht einmal einer ganzen Bundesligasaison auch ein untrügliches Zeichen, dass der zweite Anzug hinter Kimmich und Goretzka noch längst nicht passt.

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