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Der Härtefall der Eintrachtlerin Sjoeke Nüsken

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Von: Frank Hellmann

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Aus der Traum von der WEM: Sjoeke Nüsken muss zu Hause bleiben. Foto: Imago images
Aus der Traum von der WEM: Sjoeke Nüsken muss zu Hause bleiben. Foto: Imago images © IMAGO/Beautiful Sports

Die Frankfurter Mittelfeldspielerin fliegt überraschend aus dem EM-Kader. Und Torhüterin Almuth Schult wirkt überrumpelt.

Erst kürzlich haben 27 deutsche Fußballerinnen bei strahlendem Sonnenschein im Adi-Dassler-Stadion von Herzogenaurach unverdrossen in die Kamera gegrinst. Beim Medientag wurden ja nicht nur Interviews gegeben, sondern auch das Mannschaftsfoto und die Einzelporträts angefertigt. Hinten in der dritten Reihe stand an jenem Donnerstagvormittag mittig platziert auch noch Sjoeke Nüsken. Jene vielseitige Mittelfeldspielerin von Eintracht Frankfurt, die im Frühjahr auf der Wunschliste des FC Chelsea gestanden hatte, dann aber ihren Vertrag verlängerte, wozu sogar Männercoach Oliver Glasner öffentlich gratulierte. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hatte die Entwicklung der 21-Jährigen zuletzt ausdrücklich gelobt und die aus Hamm stammende Allrounderin häufiger als Linksverteidigerin eingesetzt. Doch hat es die neunfache Nationalspielerin Nüsken nun genau wie Maximiliane Rall (Bayern München), Jana Feldkamp und Torhüterin Martina Tufekovic (beide TSG Hoffenheim) nicht in den finalen 23er-Kader der deutschen Frauen-Nationalmannschaft für die EM in England (6. bis 31. Juli) geschafft.

„Wir haben in den vergangenen Wochen viele Eindrücke gesammelt und uns intensiv im Trainer*innenteam ausgetauscht. Am Ende haben nur Nuancen entschieden, denn die Leistungsdichte in unserem Kader ist sehr hoch“, erklärte Voss-Tecklenburg nach dem ersten Lehrgang auf dem „Home Ground“ des DFB-Ausrüsters. In das am Dienstag beginnende dritte und letzte Trainingslager an selber Stelle reist in Chantal Hagel (TSG Hoffenheim) vorsorglich eine 24. Spielerin, die aber – wenn der Rest gesund und fit bleibt – ebenfalls nicht am 3. Juli mit auf die Insel fliegen soll. Nüsken hatte im Gegensatz zu ihren Klubkolleginnen Sara Doorsoun, Nicole Anyomi oder Sophia Kleinherne eigentlich gar nicht so sehr um ihren Platz gezittert, da mit Dzsenifer Marozsan (Kreuzbandriss) und Melanie Leupolz (Schwangerschaft) zwei zentrale Mittelfeldspielerinnen ausfallen. Voss-Tecklenburg wäre der Härtefall erspart geblieben, wenn die Uefa ihrer Forderung nachgegeben hätte, wie im Vorjahr bei der EM der Männer 26 Akteure zu erlauben. Doch bei den Frauen gilt trotz der zulässigen fünf Auswechslungen wieder die alte Regel mit dem 23-er Aufgebot. Mit dem VfL Wolfsburg (acht Spielerinnen), FC Bayern (sieben) und Eintracht Frankfurt (fünf) stellen die drei stärksten Bundesligateams auch die größten Blöcke. Die zuletzt an Corona erkrankte Kapitänin Alexandra Popp ist mit ihren 113 Länderspielen die mit Abstand erfahrenste Akteurin.

Merle Frohms unter Druck

Vor ihrer Isolation hatte die 31-Jährige angemerkt, dass ihr beim Nationalteam über das Torwartduell zwischen Merle Frohms und Almuth Schult „zu viel geredet und zu viel Trara gemacht“ werde. Die Noch-Frankfurterin Frohms habe sich den Status als Nummer eins „in drei Jahren hart erarbeitet“, sie könne aber die Ambitionen ihrer Wolfsburger Kollegin Schult verstehen. „Irgendwie hat es jeder verdient. Ich bin froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen muss.“

Trainerin Voss-Tecklenburg hatte bereits bei der ersten Kaderbekanntgabe am 31. Mai überraschend früh die Hierarchie geklärt – und damit offenbar Schult überrumpelt, die beim Medientag ihren Frust nur mühsam überspielte. „Ich hätte unglaublich gerne gespielt. Es wäre auch etwas Besonderes gewesen, überhaupt als Mama mal wieder ein Länderspiel zu machen, weil das immer das große Ziel war“, sagte die 31-Jährige. Wegen Schulteroperation, Babypause und Covid-Infektion hatte die meinungsfreudige Zwillingsmutter zwar seit der WM 2019 kein Länderspiel mehr gemacht, aber trotzdem gehofft, für die EM wieder ihren Stammplatz im DFB-Team zurückzuerobern. Die 64-fache Nationaltorhüterin glaubt weiterhin, „dass mein Wort Gewicht hat, dass Fragen in kritischen Situationen auch mir gestellt werden“.

Der ohnehin große Druck auf Frohms, die zuletzt wegen leichter Wadenprobleme mit dem Training ausgesetzt, am kommenden Freitag beim einzigen EM-Test gegen die Schweiz in Erfurt aber zwischen den Pfosten stehen soll, wird dadurch natürlich nicht kleiner.

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