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Der gute Mensch aus Bochum

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Von: Jan Christian Müller

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Führungsspieler auf allen Ebenen: Leon Goretzka. Foto: Imago images
Führungsspieler auf allen Ebenen: Leon Goretzka. Foto: Imago images © imago images/ActionPictures

Nationalspieler Leon Goretzka schärft sein Profil weiter und setzt sich für einen bessern Umgang mit Unparteiischen ein.

Vorne auf dem Titelbild der aktuellen Ausgabe des Magazins „11 Freunde“ ist Leon Goretzka seitengroß im schwarzen Schiedsrichtertrikot abgebildet, das er sich zuvor beim ehemaligen Fifa-Referee Felix Brych ausgeliehen hat. Darunter die Schlagzeile: „Mehr Respekt!“ Drinnen im Heft gibt der Nationalspieler ein Interview, in dem er selbstkritisch zugibt, dass er sich über Unparteiische aufregt, wenn er in Wahrheit mit der Leistung seiner Mannschaft hadert: der Schiri als Frust-Ventil. Goretzka fordert dazu auf, dass alle miteinander - „Spieler, Trainer, Fans, auch die Medien“ - den Referees mit mehr Respekt begegnen sollten. Schließlich schlägt er vor, „einmal ein Freundschaftsspiel im Amateurbereich zu pfeifen“. Lutz Michael Fröhlich, der Chef der deutschen Schiedsrichter, hat prompt reagiert: „Es ist ein tolles Signal, dass ein Spieler mit der Reputation das macht.“

Seit Dienstag bereitet sich Goretzka mit der Nationalmannschaft auf die Spiele der Nations League vor, die für das DFB-Team am Samstagabend (20.45 Uhr/RTL) mit der kniffligen Aufgabe in Bologna gegen Italien beginnt. Goretzkas Einsatz für ein besseres Miteinander mit den Unparteiischen darf ebenso als gute Haltung wie auch als kluges Eigenmarketing interpretiert werden. Der Bayern-Profi, der nach langwieriger Hüftverletzung keine gute Rückrunde spielte, wird vom erfahrenen Marketing- und Medienexperten Raphael Brinkert gemanagt, der es als kreativer Kopf des erfolgreichen SPD-Wahlkampfes 2021 zu allerhand Ruhm brachte und der auch mit dem DFB verbandelt ist.

Ein kluger Denker

Brinkert und Goretzka haben erkannt, dass gesellschaftliches Engagement für die sportliche Karriere keineswegs als störende Ablenkung empfunden werden muss, sondern im Gegenteil sogar leistungsfördernd sein kann. Weil überregionale Anerkennung abseits der Kreidelinien einen Fußballprofi, noch dazu einen derart klugen Denker wie Goretzka, auch in seiner Persönlichkeit auf dem Platz wachsen lässt.

Der 41-fache Nationalspieler gilt als einer der Wortführer im Team. Dass die Mannschaft seinerzeit vor einem WM-Qualifikationsspiel mit einem „Human Rights“-Banner posierte, ist auch auf Initiative Goretzkas geschehen. Gemeinsam mit Kumpel Joshua Kimmich hat er gleich zu Beginn der Pandemie die Stiftung „We kick Corona“ initiiert und mit einer Million Euro Startkapital ausgestattet.

Dem gebürtigen Bochumer ist nach rassistischen Exzessen bei einem Länderspiel auch dieses bald berühmt gewordene Zitat zuzuordnen: „Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Da antwortet man auf die Frage nach der Nationalität mit Schalke, Dortmund oder Bochum.“ Als er bei der EM 2021 zum späten 2:2 gegen Ungarn traf, formte er beim Jubel vor der Kurve der ungarischen Hardcorefans ein Herz als Protest gegen ein just von der Regierung Viktor Orbán verabschiedetes Gesetz, das Homosexualität mit Pädophilie gleichsetzt.

Man sieht: Leon Goretzka macht sich grade, schärft seine Persönlichkeit und Marke mit Mut zur Gegenrede und Gegengeste gegen Rechts. Es gibt sicher weit weniger vorbildliche Win-Win-Situationen als diese.

Am Dienstag nach dem ersten Training im fränkischen Herzogenaurach sitzt Leon Goretzka in einem fensterlosen Raum auf dem Podium. Er hat noch vor der Übungseinheit gemeinsam mit den Teamkollegen und einigen tausend Angestellten des ortsansässigen Sportartikelherstellers am „Run for the Oceans“ teilgenommen. Es ist ein Lauf über etwas mehr als zwei Kilometer, der die Sinne schärfen soll gegen die Plastikverschmutzung der Meere. Wieder so eine Vorbildaktion, bei der er klaglos dabei war, zumal er vor etwas mehr als einem Jahr den Ausrüster gewechselt hat und von Nike zu Adidas gewechselt ist. Er kennt seine gerade in solchen Situationen besonderen vertraglichen Verpflichtungen.

Erschreckende Entwicklung

Gefragt wird Goretzka dann fairerweise aber nicht nach Strategien gegen die Verschmutzung der Weltmeere, sondern nach seiner Motivation, sich für einen besseren Zusammenhalt zwischen Spielern und Unparteiischen einzusetzen. Er ist gut vorbereitet. Erwähnt „erschreckende Entwicklungen im Amateurbereich“, berichtet, er lese regelmäßig in Lokalzeitungen von Vorfällen gegen Referees und davon, dass „einige Schiris sich das nicht mehr antun wollen“. Es handele sich um ein „Thema, das Aufmerksamkeit verdient“. Das, kein Zweifel, hat Leon Goretzka geschafft.

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