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Die komplexe Debatte über Kopfbälle im Fußball läuft, die Wissenschaft hilft bei der Entscheidungsfindung. dpa
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Die komplexe Debatte über Kopfbälle im Fußball läuft, die Wissenschaft hilft bei der Entscheidungsfindung. dpa

Studien zu Kopfbällen und Corona

Der Fußball als Forschungsobjekt

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Vor allem die medizinische Wissenschaft spielt eine zunehmend größere Rolle - aktuell bei Kopfbällen, Corona und körperlichen Spätfolgen für Ex-Profis.

Dass wissenschaftliche Erkenntnisse im Spitzenfußball mittlerweile Einzug erhalten haben, wird nur noch von ewigen Traditionalisten kritisiert. Vor allem die Erfassung und Analyse von Trackingdaten und die Medizin haben der Entwicklung einen Schub gegeben. Das Feld ist weit. Es umfasst Themen wie Fußball bei Hitze, regenerative Trainingsformen (etwa die berühmte Eistonne), Ernährung, Talentsichtung, Gesundheit - die Gefahr von Kopfbällen in Bezug auf eine spätere Demenz, weitere körperliche Spätfolgen des Profifußballs, Burnout im Jugendfußball, plötzlicher Tod auf dem Fußballfeld - oder Erkenntnisse aus der Covid-19-Forschung und der Verletzungsprävention, zum Beispiel die auffälligen Häufung von Rissen des vorderen Kreuzbandes im Frauenfußball.

DFB-Wissenschaftskongresse 2010, 2013 und 2016, der erste internationale Spielanalysekongress der DFB-Akademie 2017, zwei Leadership-Festivals 2018 und 2019, der Sportsinnovation-Kongress der Deutschen Fußball-Liga (DFL) 2020 dokumentieren: Wissenschaftliche Erkenntnisse schieben sich immer tiefer in den Fußball hinein, unterstützen Leistung oder kontrollieren Gesundheit.

Gerade wird eine bundesweit beispiellos umfangreiche Studie an hunderten Ex-Profis durchgeführt. Im Tech Lab auf dem neuen DFB-Campus, der im nächsten Sommer an der alten Galopprennbahn in Frankfurt eingeweiht wird, entsteht ein Technologielabor, in dem neueste Erkenntnisse zur Diagnostik und Schulung von psychologischen und kognitiven Fähigkeiten der Fußballspieler:innen zum Teil in Virtual Reality-Verfahren umgesetzt werden sollen.

Einer der weltweit inzwischen renommiertesten Wissenschaftler im Fußball ist der langjährige Teamarzt der deutschen Nationalmannschafts Prof. Dr. Tim Meyer. Der Ärztliche Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes und Vorsitzende des medizinischen Komitees des DFB und der Uefa ist einem breiteren Fußballpublikum in der Corona-Krise bekannt geworden. Als Leiter der „Task Force Sonderspielbetrieb“ erstellte der 53-Jährige federführend jenes international zum Vorbild gewordene Hygienekonzept, das den zwischenzeitlich unterbrochenen Bundesligafußball seit Sommer 2020 aufrecht erhält.

Meyer ist auch Mitherausgeber des seit 2017 selbstständigen, viermal jährlich erscheinenden Journals „Science and Medicine in Football“, das inzwischen einen spürbaren Einfluss auf die medizinische Forschung im Leistungsfußball erworben hat. Aktuell werden Sonderhefte zu den Themen „Fußball und Covid-19“ und Frauenfußball entwickelt. Die aktuellsten Erkenntnisse gibt es zu der Gefahr von Kopfbällen und zu der Gefahr der Corona-Ansteckungen während eines Spiels. Die von der Universität des Saarlandes koordinierte Uefa-Kopfballstudie kommt zu dem Ergebnis, dass Junioren unter Wettkampfbedingungen überraschend selten köpfen; die Mehrheit der unter 12-Jährigen köpft im Spiel überhaupt nicht oder höchstens einmal. Für die Studie wurde Videomaterial von Trainingseinheiten und Spielen von 480 verschiedenen Mannschaften aus acht europäischen Ländern ausgewertet. Eine wahre Mammutanalyse, die in „Science and Medicine in Football“ detailliert veröffentlicht worden ist.

Der englische Fußballverband hat wegen möglicher Langzeitschäden durch Kopfbälle in diesem Sommer neue Leitlinien herausgegeben. So soll jeder Spieler, auch Profis aus der Premier League, pro Trainingswoche maximal zehn „Kopfbälle mit höherer Kraft“ durchführen, etwa nach langen Pässen, Flanken, Ecken und Freistößen.

Eine Studie der Universität Glasgow hat 2019 ergeben, dass Ex-Profis ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz oder Parkinson zu sterben. Auch wenn aufgrund des retrospektiven Studiendesigns kein kausaler Zusammenhang der Erkrankungen zu Kopfbällen bewiesen werden konnte, entschieden sich die Verbände Englands, Schottlands und Nordirlands, Kopfbälle im Training von Kindern unter elf Jahren zu verbieten.

Der DFB geht mit seinen Empfehlungen der medizinischen Kommission nicht so weit. Dort heißt es: „Kopfbälle gehören zum Fußball dazu. Sie grundsätzlich zu verbieten, stellt daher auch keine Option dar. Das Ziel der Maßnahmen muss sein, die Zahl der Kopfbälle in Training und Spiel zu reduzieren. Dies gilt insbesondere für den Kinder- und Jugendbereich.“ Tim Meyer und sein Team wollen beim DFB-Juniorentag im kommenden Januar ein konkretes Konzept vorstellen.

Interessant sind auch die Erkenntnisse der hochaktuellen Covid-Fußballforschung. Laut einer von Meyer und seiner Saarbrücker Kollegin Prof. Dr. Barbara C. Gärtner im „British Journal of Sports Medicine“ veröffentlichten Studie wurden in der wieder aufgenommenen Corona-Bundesligasaison zwischen Mai und Juli 2020 insgesamt 1079 Profis und 623 Trainer und Betreuer:innen zweimal wöchentlich per PCR getestet. Acht Spieler und vier Betreuer wurden in der ersten Testrunde positiv getestet, zwei Spieler in der dritten Runde. Danach habe es bis Saisonende und insgesamt 165 Spielen der Ersten und Zweiten Bundesliga keine weiteren Positivtests unter den streng überwachten 1702 Personen mehr gegeben.

Fazit der Autor:innen: Unter den strengen Hygieneauflagen und den engen PCR-Testungen können Fußballspiele und Trainings auch in Zeiten der Pandemie sicher durchgeführt werden.

Das galt bei Meidung der Kabinentrakte und Vereinskneipe im Spätsommer 2020 sogar für Amateurspiele. Die Studie des Saarbrücker Sportmediziners Florian Egger in Zusammenarbeit mit Tim Meyer untersuchte drei Spiele, bei denen sich sehr bald nach den Begegnungen herausgestellt hatte, dass insgesamt 18 Spieler mit einer Sars-Cov-2-Infektion in die Partien gegangen waren. Dennoch hatte sich laut Studie kein einziger weiterer Spieler angesteckt. Offenbar sind die Kontaktzeiten im Fußball zu kurz, um das Virus zu übertragen. Die Autoren sind ehrlich genug zuzugeben: Die Studie war zu klein, um die Erkenntnisse ohne Restzweifel wissenschaftlich bestätigen zu können.

Größere Beweislast wird die Nako-Studie erbringen, in deren Rahmen derzeit bis zu 500 Ex-Fußballprofis – Männer und Frauen – im Alter zwischen 40 und 69 Jahren in einem umfangreichen fünfstündigen Untersuchungsprogramm gemessen werden. Nako ist eine bundesweite Gesundheitsstudie mit mehr als 200 000 erfassten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Entstehung von Krankheiten besser zu verstehen, um Prävention, Früherkennung und Behandlung in Deutschland zu verbessern. Tim Meyer ist einer der Forschungsleiter des Fußballabschnitts: „Durch die Einbettung in die Nako-Gesundheitsstudie können die Werte der Ex-Fußballer mit einer enorm großen Datenbasis verglichen werden – das erhöht die Qualität der Erkenntnisse ungemein.“

Von den ehemaligen Profis werden neben Untersuchungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Stoffwechsels und anderer Organsysteme einschließlich des Bewegungsapparats sowie kognitiven und emotionalen Funktionen zusätzlich auf den Fußball bezogene Werte erhoben. Dazu zählen etwa die Anzahl der absolvierten Spiele, die Spielpositionen oder das Spielniveau. „Es ist die größte Studie, die jemals im deutschen Fußball gemacht wurde“, weiß Tim Meyer. Das Forschungsteam will wissenschaftlich fundiert mehr darüber herausfinden, wie die ehemaligen Profis die körperliche und mentale Beanspruchung überstanden haben. Von Kopf bis Fuß.

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