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Der Fall Mario Vuskovic: Druck auf dem Dopinglabor Kreischa

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Von: Jan Christian Müller

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Verhandlungspause im DFB-Sportgericht: HSV-Sportvorstand Jonas Boldt (links) und der angeklagte Profi Mario Vuskovic.
Verhandlungspause im DFB-Sportgericht: HSV-Sportvorstand Jonas Boldt (links) und der angeklagte Profi Mario Vuskovic. © Frank Rumpenhorst/dpa

Das gesamte Epo-Testsystem der Weltantidopingagentur Wada steht auf dem Prüfstand. Beim Hamburger SV ist man sauer, dass der Prozess vorm DFB-Sportgericht so lange dauert,

Um zu erahnen, wie hoch der Einsatz im mutmaßlichen Dopingfall des Fußballprofis Mario Vuskovic nicht nur für den 21 Jahre alten Abwehrspieler des Zweitligatopklubs Hamburger SV ist, muss man nur einen Satz des Dopingfahnders Sven Voss zitieren. Voss war am zweiten Prozesstag ins DFB-Sportgericht nach Frankfurt geladen worden, um dort als Zeuge auszusagen. Er ist Chef des Dopinglabors in Kreischa, das sich gemeinsam mit dem in Köln die Analysen der Dopingproben in Deutschland teilt und für die von Vuskovic zuständig war.

Vuskovic-Verteidiger zweifeln Analyse an

Die Verteidigung von Mario Vuskovic zweifelt das Ergebnis vehement an. Der Spieler sei in Kreischa im Herbst vergangenen Jahres falsch-positiv auf das Dopingmittel Epo getestet worden. Voss wurde am Donnerstag von DFB-Richter Stephan Oberholz und den Vuskovic-Verteidigern ins Kreuzverhör genommen. Irgendwann fiel der Satz des erfahrenen Epo-Analytikers Voss, ein falsch-positiver Fall würde „zwingend zur Schließung des Labors führen“.

Der Fall ist verzwickt, wie schon viele mutmaßliche Epo-Fälle davor. Der Nachweis des vor allem in Ausdauersportarten extrem leistungsfördernden Medikaments, das die Bildung roter Blutkörperchen unterstützt, ist komplex.

Nur zehn Prozent der Proben deutschen Fußballprofis werden überhaupt auf Epo getestet. Das Ergebnis ist kein einfaches „grün“ (kein körperfremdes Epo, also nicht gedopt) oder „rot“ (Nachweis der Einnahme körperfremden Epos, also gedopt), sondern sogenannte Banden in einem Gelteppich, in welchem aus dem Urin extrahierte Eiweiße zuvor mittels Pipette eingeträufelt wurden. Das Resultat dieser sogenannten Gelelektrophorese muss dann von erfahrenen Top-Expert:innen interpretiert werden. Davon gibt es nicht so viele auf der Welt - und in Kreischa höchstens drei.

Im Fall Vuskovic streiten sich die Gelehrten

Im Sportgerichtssaal im neuen DFB-Campus wurden die Bilder an die Wand geworfen. Eine schwarze Bande, die neben körpereigenem Epo auch fremdes, per Injektion verabreichtes Epo enthält, zieht einen Grauschleier hinter sich her. Aber die Belichtungszeiten der Bildgebung könnten das Ergebnis manipulieren. Im Fall Vuskovic streiten sich die Gelehrten, ob der Grauschleier auf der Bildgebung es zulässt, daraus ein positives Epo-Ergebnis zu interpretieren. Das Labor in Kreischa sagt „ja“. Viermal sei die Probe von Vuskovic aufgrund der Verdachtslage neu in Gelmasse analysiert worden, drei Fachleute wären sich im Sechs-Augen-Prinzip danach einig gewesen: Es handelt sich um Epo-Doping. Die Zweitmeinung einer Gutachterin aus Oslo bestätigte dieses Ergebnis.

Vuskovic-Verteidigung präsentiert vier Gutachten

Die Verteidigung sieht das völlig anders, sie hat vier Gutachten bestellen lassen, die Epo-Doping klar verneinen, sie hat sich außerdem den Mainzer Dopingfachmann Perikles Simon an seine Seite geholt, der sicher ist, dass das Ergebnis ein falsches ist.

Ein anderer Professor zitiert eine Studie, wonach 43 von tausend Epo-Analysen ein falsch-positives Resultat brächten. Das Labor in Kreischa hält dagegen. Allein 2021 habe es 4533 auf Epo analysierte Proben gegeben, von denen keine einzige als falsch-positiv aufgefallen sei.

Zudem gäbe es regelmäßige Checkups der Weltantidopingagentur Wada, die Laboren zu Testzwecken positive Fälle unterjubelt. Wer da versagt, würde suspendiert. So geht es nicht nur Athlet:innen, sondern auch Laboren. Die Wada hat deshalb vor der Fußball-WM 2014 in Brasilien dem Labor in Rio de Janeiro die Lizenz für die Dopinganalysen der WM-Spieler entzogen. Die Proben mussten allesamt in die Schweiz nach Lausanne geschickt werden.

Dopinglabor in Kreischa auf dem Prüfstand

Das Labor in Kreischa steht durch den Aufsehen erregenden Prozess nun auf dem Prüfstand, denn das DFB-Sportgericht hat nach mehr als neun Stunden an zwei Verhandlungstagen einen Sachverständigen beauftragt, aus dem gefroren übrigen Urin des Hamburger Spielers eine neue Analyse anzufertigen. Es gäbe „zu viele ungeklärte Fragen“.

Die juristischen Verteidiger des Innenverteidigers sind skeptisch, dass nun ein unabhängiges Urteil herauskommt. Denn der beauftragte Professor Jean-Francois Naud aus Quebec/Kanada sitzt ebenso wie der Kreischa-Laborchef Voss und die Zweitgutachterin aus Oslo in der achtköpfigen Epo-Expertengroup der Wada. Ein kleiner Kosmos. Man kennt sich gut. Die Vuskovic-Seite wähnt, dass gute Bekannte sich gegenseitig stützen.

Es geht auch ganz grundsätzlich darum, wie zuverlässig die komplexen Epo-Analysen (und somit das gesamte Epo-Testsystem der Wada) tatsächlich sind. DFB-Richter Stephan Oberholz hofft mit der Hilfe aus Übersee auf „eine vollkommen eigenständige Analyse, die zu einem klaren Ergebnis führen kann“. Am 10. März wird der Prozess fortgesetzt.

Der kroatische Profi Vuskovic, der den zweiten Verhandlungstag stumm verfolgte, ist nun schon seit Mitte November suspendiert. Ihm droht eine Sperre bis zu vier Jahren, aber auch ein Freispruch ist möglich. Es wird getuschelt, die Wada würde dann vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS ziehen. Im Fall einer Verurteilung würden der HSV und Vuskovic ziemlich sicher vorm DFB-Bundesgericht Einspruch erheben. Der Druck auf alle Beteiligten ist enorm.

HSV-Trainer Tim Walter will Vuskovic zurück

HSV-Trainer Tim Walter ist über die Entwicklung not amused: „Es zeigt ja, dass nicht alles so klar ist, wie es anfangs dargestellt wurde. Dass die Sache nochmal in die Verlängerung geht, wirft noch mehr Fragen auf. Denn wenn alles klar wäre, dann wäre ja längst ein Urteil gefällt. Es gibt aber berechtigte Zweifel, und das ist nicht so professionell.“ Er hätte Vuskovic im Kampf um den Aufstieg gern dabei. „Wir stehen zu Mario. Er ist mein Spieler, er ist unser Spieler. Und wir tun alles dafür, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.“

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