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Hat den Schalk im Nacken: Thomas Müller.
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Hat den Schalk im Nacken: Thomas Müller.

Klassiker gegen England

EM 2021 - Joachim Löw baut auf den England-Schreck

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Thomas Müller ist viel mehr als ein Witzbold, er referiert tiefgründig wie ein Spielertrainer über das Achtelfinale im Wembley-Stadion und ist für den Gegner in unschöner Erinnerung.

London - Dieselbe Figur, dieselbe Frisur. Der reife Thomas Müller hat äußerlich noch viel gemein mit dem 20-Jährigen, der 2010 im südafrikanischen Bloemfontein auf Storchenbeinen im Zickzack durchs Stadion hetzte wie ein Gnu, als gäbe es kein Morgen mehr; zwei Tore nach Kontern durch den Naturburschen aus Pähl am Ammersee im Achtelfinale der Weltmeisterschaft. Am Ende ein 4:1 gegen England mit einer Mannschaft, die niemand kannte. Mit Müller als Sinnbild. Der deutsche Fußball war plötzlich verrückt geworden.

Elf Jahre später ist er sich selbst ein Rätsel. Müller wird zugetraut, das Rätsel zu lösen. Deshalb hat ihn der Bundestrainer für die EM 2021 aus der Verbannung zurückgeholt. Deutschland ohne Müller war selbst Joachim Löw nicht mehr geheuer. Aber Deutschland ist auch mit Müller bei dieser EM eine Wundertüte. Das Publikum wundert sich über sprunghafte Auftritte. Und Müller wundert sich über das Publikum.

Thomas Müller bei der EM 2021: Erst mal zwei Bälle aufs Tor kicken

An einem sonnigen Morgen im Juni 2021 soll der Ur-Bayer, inzwischen 31, beim Abschlusstraining im Herzogenauracher Adi-Dassler-Stadion in den Mannschaftskreis kommen, damit der Bundestrainer seine Teambesprechung beginnen kann. Den Mann in Müller zieht es in die Runde, der Lausbub in Müller sieht zwei Bälle im Weg liegen. Noch schnell ein Schuss aufs leere Tore. Drüber. „Uuuh.“ Und noch einer. Latte. „Aaah.“ Ziel getroffen. Wer ihn dabei nicht gesehen hat, hat ihn mindestens gehört. Dann kann die Besprechung beginnen.

„Mega-Müller“ („Sportbild“) trägt eine kleine Bandage am rechten Knie. Eine schmerzhafte Kapselverletzung. Eine Woche alt. Nichts Großes mehr. Er ist sonst nie verletzt. „Das Thema“, sagt er, „können wir ad acta legen.“

EM 2021: Schlüsselrolle für Thomas Müller beim Spiel gegen England

Am Dienstagabend (18 Uhr/ARD) soll er eine Schlüsselrolle spielen. Wieder gegen England, wieder Achtelfinale, damals WM, diesmal EM, statt auf neutralem Boden im Free-State-Stadion jetzt im Wembley-Stadion. „Man versucht sich im Fußball an gute Erfahrungen zu erinnern“, sagt der Offensivmann und grinst sein Thomas-Müller-Grinsen einmal quer über den Bildschirm. Seine Schublade ist gut gefüllt: Bloemfontein 2010, sein Durchbruch, Wembley 2013, Champions-League-Sieg mit den Bayern.

Wenn Müller zur Presse spricht, doziert er wie ein Spielertrainer. Die Teamkollegen erleben das nicht anders. „Thomas ist unser dritter Co-Trainer“, sagt Sturmpartner Kai Havertz. Müller könne „super-lustig“ sein, aber wenn er auf dem Platz ernst mache, ziehe er alle anderen mit. Havertz huscht ein seltenes Lächeln übers Gesicht.

Thomas Müller: Mehr als nur ein Witzbold

Havertz hat schon zwei Tore gemacht, Müller ist das auch bei seiner dritten Europameisterschaft bisher verwehrt geblieben. Er hat sich noch nie nur über eigene Tore definiert. „Ich bleibe weiter auf der Jagd, das ist aber nicht Top 1. Ich versuche vor allem, das zu tun, was wichtig ist, um zu gewinnen.“ Zumal sie „nicht diesen Einzelspieler“ dabeihätten, „der die Fußballwelt überragt. Die Stärke der Fußballnation Deutschland ist eine andere: Wenn wir erfolgreich waren, waren wir es als Mannschaft“.

Er ist für diese Gruppe viel mehr als bloß ein Witzbold, der Zoten reißt, wenn er redet, und Löcher, wenn er rennt. Seine Botschaften, auch die nach draußen, sollen auch nach innen wirken. Wie gerade das Video, das er auf seinen Instagram-Kanal mit pfiffiger Conclusio nach dem Erreichen des Achtelfinals veröffentlichte: „Das Wort ‚Zweiter‘ besteht ja aus ‚zwei‘ und ‚weiter‘“. Das Zwischenziel ist erreicht, sollen die Leute da draußen ruhig meckern.

EM 2021: Serge Gnabry ist noch auf der Suche

Thomas Müller lebt sein Credo auf dem Platz vor, so will er auch den Engländern beikommen: „Eklig sein, immer nachsetzen, immer wieder beharken. Der eine führt den Zweikampf, und wenn er ihn verliert, kommt gleich der Nächste.“ Nicht die Sterne vom Londoner Himmel spielen, sondern seine Arbeit verrichten. Er empfiehlt einen pragmatischen Ansatz: „Es ist keine Schande, ein Spiel knapp zu gewinnen.“

Mit Kai Havertz und Serge Gnabry, der noch überhaupt nicht ins Turnier gefunden hat, ist die Zusammenarbeit eine andere als im Klub. Dort weiß Müller Robert Lewandowski vor ihm, die Laufwege sind auf beiden Festplatten abgespeichert. Im DFB-Team ist es komplizierter, auch, weil ein klassischer Mittelstürmer fehlt. „Bei den Bayern“, erklärt Müller, „spielen wir den Ball manchmal auch einfach auf einen unserer beiden Außenstürmer und sagen uns in der Mitte: Jetzt legt mal los im eins-gegen-eins.“ Er selbst kann dann in den Strafraum rennen und den Abschuss suchen.

In der Nationalmannschaft spiele er „mehr eine einleitende Rolle“, dort ist er weniger torgefährlich, dort ist er „der Impulsgeber“, der mit seiner Aktion nach vorn bedeutet: Attacke, „jetzt geht es Richtung Tor“. Havertz und Gnabry seien dann mehr diejenigen, die „in die unbequemen Räume gehen.“

Die größte Furcht herrscht in England aber vor Thomas Müller, dem Unberechenbaren. Er hat das natürlich mitgekriegt. „Die Bedrohung, die die Engländer fühlen, wenn da ein Müller auf dem Platz steht, würde ich gern bestätigen. Aber es bringt nix, wenn ich das meinem Gegenspieler erzähle.“ Was er aber doch noch gerne loswerden will, darf beim Adressaten gerne ankommen: „Wir wollen natürlich auch immer wieder in diese englische Turnierwunde reinstechen.“ Schöne Grüße aus Bloemfontein. (Jan Christian Müller)

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