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Depp statt Hilfe

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Von: Jan Christian Müller

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Fehlgeschlagener Check: Schiedsrichter Daniel Schlager prüft - und entscheidet dennoch falsch.
Fehlgeschlagener Check: Schiedsrichter Daniel Schlager prüft - und entscheidet dennoch falsch. © dpa

In der Fußball-Bundesliga darf mit den Videoassistenten nicht so viel fundamental falsch laufen, wie am Wochenende. Manuel Gräfe aber begleicht vor allem offene Rechnungen. Der Kommentar.

Die Stimmen derer mehren sich, die null Bock mehr auf den Kölner Keller haben. Weil sie nicht verstehen, wann der Videoassistent sich meldet und wann nicht. Weil sie der Meinung sind, dass so, wie es gemacht wird, nicht mehr Gerechtigkeit auf den Fußballplätzen geschieht, sondern sogar weniger. Weil sie es als umso störender empfinden, dass kein Tor mehr direkt zählt, kein Elfmeter sofort ausgeführt werden darf, sondern erst noch überprüft werden muss. Manchmal minutenlang. Und weil nach jeder halbwegs strittigen Szene im Strafraum ein Referee mit der Hand am Ohr dasteht wie ein Depp.

Manuel Gräfe grätscht unfair rein

Es ist jetzt keine großartige Überraschung, dass allen voran Manuel Gräfe, der vormals anerkannt beste deutsche Schiedsrichter, besonders hart in die DFB-Schiedsrichterführung um Lutz Michael Fröhlich hineingrätscht. Gräfe musste, wie alle anderen, mit Erreichen der Altersgrenze seine Profikarriere beenden, er wollte weitermachen, der DFB blieb hart. Jetzt werden in Gräfes ungnädiger Tonalität auch ein paar alte Rechnungen beglichen. Kann man so machen, muss man aber nicht.

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Was freilich dennoch bedeutet, dass es derart fundamental falsch nicht laufen darf, wie es sich am Wochenende vor allem in München (aber nicht nur dort) zugetragen hat. In die bislang offenkundigste vom Video Assistant Referee (VAR) nicht aufgedeckte Saison-Fehlentscheidung waren die beiden Top-Referees Marco Fritz (vorm Bildschirm) und Daniel Siebert (auf dem Platz) involviert. Offenbar unterließ es Fritz, Siebert das Foul des Münchners Pavard am eigenen Fünfmeterraum gegen den Dortmunder Bellingham anzuzeigen.

Daniel Siebert hätte Hilfe benötigt

Dass der designierte deutsche WM-Schiedsrichter Siebert das Foul nicht zweifelsfrei erkannte, ist erklärbar, weil Pavard in einem dynamischen Prozess nach dem Tritt noch den Ball spielte. Aber Fritz hätte Siebert unbedingt vor den Bildschirm schicken müssen, um dort die Fehlentscheidung zu revidieren und auf Strafstoß zu entscheiden. Diesen dringenden Rat hatte in Leipzig Videossistent Johann Pfeifer dem Referee Daniel Schlager richtigerweise gegeben, nachdem Mukiele Union-Profi Gießelmann fast in Kung-Fu-Manier am Knie getroffen hatte. Schlager ließ sich bedauerlicherweise in der Review-Zone keines Besseren belehren.

Der Verdacht drängt sich auf, dass bei komplexen Bewegungsabläufen der Druck vor dem Bildschirm am Spielfeldrand zu groß sein könnte, um eine richtige nüchterne Entscheidung zu treffen. Es scheint außerdem wiederholt so, als würden die Bewegungsabläufe der Spieler im Video-Assist-Center in Köln dermaßen kleinteilig seziert, dass der Blick fürs Wesentliche zunehmend verloren geht.

Der VAR sollte nur bei großen Entscheidungen eingreifen

Dabei sollten doch durch den VAR nur die großen falschen Entscheidungen zum Schutz der Schiedsrichter als Intervention angezeigt werden und keine fifty-fifty-Handspiele oder Berührungen an der Fußsohle nach einem Eckball - wie am Samstag zweimal in Freiburg geschehen. Denn eines ist mal klar: Es ist ein Irrglaube, dass die zweidimensionale Wiedergabe im Videostudium die dreidimensionale Wirklichkeit zweifelsfrei ersetzen könnte. Und doch sollte der VAR im Profifußball unbedingt bleiben. Es darf nie wieder passieren, dass die ganze Welt außer den Unparteiischen sieht, wie beim irregulären Tor von Diego Maradona 1986 gegen England die „Hand Gottes“ im Spiel ist. Darum geht’s.

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