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Künftig in Berlin am Ball: Krzysztof Piatek vom AC Mailand.

Winter-Transferperiode

Deadline Day: Panikkäufe wie an Heiligabend

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Obwohl der Markt in der kurzen Transferphase schwierig ist, mischt die Bundesliga beim Winterschlussverkauf kräftig mit.

Markus Krösche schien es ganz genehm zu sein, dass sich sein Auftritt beim Sportbusinesskongress Spobis in Düsseldorf leicht verzögerte. Gemeinsam mit Jonas Boldt vom Hamburger SV sollte der Sportchef von RB Leipzig am Mittwoch über den Wirtschaftsfaktor Scouting reden. Doch da sich die Vorredner nicht an den Zeitplan hielten, lehnte der Manager gelassen an der Wand, zückte sein Smartphone, um neueste Nachrichten zu prüfen. Es sind hektische Tage für die Fußball-Entscheider.

Und bei manch einem wird der Zeitplan plötzlich komplett durcheinandergewirbelt. Eigentlich hätten auch Lutz Pfannenstiel (Fortuna Düsseldorf) und Frank Baumann (Werder Bremen) über das Investment in junge Talente mitdiskutieren sollen, sagten aber ihr Kommen kurzfristig ab. Der eine (Pfannenstiel) hatte gerade einen Trainerwechsel abzuwickeln, der andere (Baumann) suchte noch hektisch nach einer Verstärkung. Wer sich beim Branchentreff auf der Düsseldorfer Messe umhörte, bekam bestätigt, dass sich Transfers im Winter viel schwieriger realisieren lassen. „Es ist nicht so einfach, weil die Transferperiode kürzer ist. Dann müssen natürlich auch die abgebenden Vereine noch Ersatz suchen. Wir versuchen grundsätzlich den Kader im Sommer so zusammenzustellen, dass wir im Winter keine großen Dinge machen müssen“, erklärte Krösche, der trotzdem mit Dani Olmo gerade einen spanischen U-21-Europameister nach Leipzig gelotst hat. Kostenpunkt: rund 20 Millionen Euro.

Kein Transfer hat bei den Sachsen bislang mehr als 30 Millionen Euro gekostet, erst danach bauen die meist jungen Protagonisten ihre höheren Marktwerte auf. Für das Scouting sind in Leipzig 18 Festangestellte zuständig, davon kümmern sich zwölf Mitarbeiter nur um Analyse und Sichtung von Spielern. Krösche überprüft im einstündigen persönlichen Gespräch mit den Kickern dann die charakterliche Eignung, „da geht es um Familien- und Bildungshintergrund, Interessen und Freunde.“ Zwei Fragen stellt er: „Was ist die größte Stärke? Was ist die größte Schwäche?“ Nur wenn ein Spieler sich fußballerisch richtig einschätzen kann, hilft er weiter.

Das Kardinalproblem beim Winterschlussverkauf ist der hohe Handlungs- und Zeitdruck. Das macht Zukäufe bei ungenügender Vorbereitung zur Wundertüte. Wunderdinge hat indes schon Shootingstar Erling Haaland vollbracht, dem zwei Teilzeiteinsätze für fünf Tore genügten. Der 19 Jahre junge Norweger wechselte von RB Salzburg zu Borussia Dortmund, obwohl auch der Schwesterverein Leipzig großes Interesse zeigte.

„Es zeigt, dass letztlich immer der Spieler über einen Wechsel entscheidet“, sagte Krösche. Die festgeschriebene Ablöse von 20 Millionen Euro macht den Mittelstürmer mit dem Lausbubenlächeln wohl zum besten Winterschnäppchen. Titelkonkurrent FC Bayern wird dagegen nicht mehr personell nachlegen. „Ich bin nicht der Meinung, dass man immer was machen muss, nur weil das Fenster auf ist. Wir haben einen tollen Kader“, erklärte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Transferaktivitäten für beendet.

Am tiefsten hat in diesem Januar bislang Hertha BSC in die Tasche gegriffen und sich für eine Ablösesumme von 25 Millionen Euro die Dienste des Franzosen Lucas Tousart von Olympique Lyon gesichert, den Mittelfeldspieler aber direkt wieder an den abgebenden Verein zurückverliehen. Um beinahe jeden Bundesligisten ranken sich vor Schließung des Transferfensters noch Spekulationen. Bis heute Abend um 18 Uhr müssen alle Anträge und Vertragsunterlagen bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eingereicht sein.

Bis zum Donnerstagvormittag hatte die Bundesliga für 35 Spieler bereits 125,45 Millionen Euro (Quelle: transfermarkt.de) investiert. Nur die englische Premier League (144 Millionen Euro) und die italienische Serie A (151 Millionen Euro) pumpten noch mehr Geld in den Markt. Die Bundesliga wird ein dickes Minus machen und befindet sich im Vergleich zu den Vorjahren im Kaufrausch: 2018/19 ergab sich bei Investitionen von 79,4 Millionen Euro bei den Wintertransfers ein Plus von neun Millionen Euro, 2017/18 kosteten Winterzugänge knapp 75 Millionen, das Plus lag bei mehr als 38 Millionen Euro.

Offenbar sind nun die Nöte wieder größer geworden, die Kaderplanungen des Sommers vielerorts nicht aufgegangen. Berater Robert Schneider, Geschäftsführer der Avantgarde GmbH mit Sitz in München, begegnet dem hektischen Treiben auf der Zielgeraden eher skeptisch: „Plötzlich drehen die Vereine durch. Ob das immer sinnvoll ist, diese Frage müssen sich die Vereine stellen.“

Der langjährige Berater von Bastian Schweinsteiger, der aktuell auch Bayernprofi David Alaba vertritt, wundert sich, dass die Branche noch am sogenannten Deadline Day in Aufruhr gerät: Meist seien das irgendwelche Paniktransfers – und ungefähr so angebracht wie Weihnachtseinkäufe kurz vor Ladenschluss an Heiligabend.

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