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Ist im Zuge der Corona-Krise ein bisschen berühmt geworden: DFL-Boss Christian Seifert.

Kommentar

Das Vakuum hinter Seifert

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die Ankündigung des DFL-Chefs, sich 2022 von seinem Posten zurückzuziehen, ist ein großes Problem für den deutschen Fußball. Der mächtige Macher ist kaum zu ersetzen. Der Kommentar.

Es ist, mal wieder, kein guter Wochenstart für den deutschen Fußball. Völlig überraschend verstarb mit Thomas Oppermann der nach Klaus Kinkel zweite Vorsitzende der DFB-Ethikkommission binnen eines Jahres. Dem hochgeachteten SPD-Politiker war intern zugetraut worden, das Amt des Präsidenten zu übernehmen, sollte Verbandschef Fritz Keller im gerade tobenden Machtkampf noch mehr isoliert werden und aufgeben.

Auf diese ohnehin krisenhaft zugespitzte Situation setzt sich nun das angekündigte Ende der einzigen verlässlichen Führungskonstante: Dass Christian Seifert seinen Vertrag bei der DFB-Tochter DFL 2022 nach 17 Jahren auslaufen lassen wird, war wochenlang Tuschelthema in der Branche. Jetzt ist es Gewissheit.

Ein natürlicher Nachfolger mit ähnlichem Scharfsinn, vergleichbarem Netzwerk und weitreichender Anerkennung in Sport, Medien, Gesellschaft und Politik drängt sich nicht auf. Was neben der Selbstverzwergung des DFB auch damit zu tun hat, dass der 51-Jährige sich mit seinem Machwerk auch ein Machtwerk aufgebaut hat, das niemanden neben ihm duldete. Dass der deutsche Fußball gerade beabsichtigt, Seiferts jahrelangen Stellvertreter im DFL-Präsidium, den bei Schalke 04 gescheiterten, farblosen Peter Peters auf die mit 250 000 Euro dotierte Position eines Fifa-Regierungsmitglieds zu hieven, sagt viel über das Kompetenzvakuum hinter dem Big Boss.

Dessen Rückzugsankündigung kommt just an einem neuerlichen Tiefpunkt des DFB, aus dessen mächtigen Präsidialaussschuss Seifert längst entnervt zurückgetreten ist - und gleichzeitig auf dem Höhepunkt seines persönlichen Schaffens. 15 Jahre lang hat der Manager bewiesen, dass er die Geldvermehrungsmaschine gewieft zu steuern weiß. Seit diesem Frühjahr weiß ein gebeuteltes Land: Seifert kann auch Krise. Er ist dabei berühmt geworden.

Als Cheflobbyist hat er eine kluge Mischung aus Demut und Druck kommuniziert, um die Bundesliga über Wasser zu halten. Nebenbei hat er einen TV-Vertrag bis 2025 ausgehandelt, der trotz eines Einnahmerückgangs von 20 Prozent Milliardenerträge sichert. Der Verteilungskampf um dieses Geld wird von den kleinen Klubs erbitterter denn je geführt. Er geht nach Seiferts Einschätzung in die falsche Richtung. Er denkt lieber global als national. Noch ein Grund zu gehen. An verführerischen Angeboten aus der Wirtschaft dürfte es nicht mangeln.

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