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Das Sprachrohr des Widerstands

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Von: Ronny Blaschke

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Französischer Top-Fußballer mit algerischen Wurzeln: Zinedine Zidane präsentiert ein Bild der „Front de Liberation National“ (FLN).
Französischer Top-Fußballer mit algerischen Wurzeln: Zinedine Zidane präsentiert ein Bild der „Front de Liberation National“ (FLN). © AFP

Das politische Spiel - Fußball im Nahen Osten, Teil 1: Manch Ursprung von Unabhängigkeitsbewegungen findet sich auch im Spiel mit dem Ball.

Fußball als Instrument für Expansion, Sicherheitspolitik, Nationalismus. Katar führt mit der WM 2022 eine Entwicklung fort, die im Nahen Osten und in Nordafrika seit mehr als 120 Jahren andauert. Schon ab dem späten 19. Jahrhundert tragen britische Seefahrer, Soldaten und Missionare eines ihrer Lieblingsspiele nach Kairo, Jerusalem oder Teheran. Mit Fußball wollen sie sich fithalten und von ihrem Heimweh ablenken. Aber nicht nur das: Die Kolonialherren sehen im Sport ein Symbol für ihre „europäischen Werte“, für Respekt, Disziplin, Fortschritt. So manifestieren sie auch durch Fußball ihr Überlegenheitsdenken in den kolonisierten Gebieten.

Die französischen Besatzer gehen in ihren Kolonien im Maghreb noch strenger vor. Sie wollen im frühen 20. Jahrhundert beim Fußball unter sich bleiben. Von den Einheimischen dürfen, wenn überhaupt, nur Kollaborateure mitspielen. Doch das Spiel wird auch in anderen Milieus schnell beliebter. Die Franzosen geben dem Druck nach und gestatten den kolonisierten Bevölkerungen die Gründung eigener Vereine. Allerdings müssen diese zunächst einen Franzosen an der Spitze haben.

Algerier waren prägend

Allmählich regt sich Widerstand. Im Umfeld einiger Klubs versammeln sich junge Männer für den Protest gegen die Kolonialmächte, etwa bei Espérance in Tunis, bei Wydad in Casablanca, bei Mouloudia in Algier. Mit dem Namen Mouloudia wollen die Anhänger an die Geburt des Propheten erinnern.

Ihr Klub ist nach der Gründung 1921 einer der wichtigsten muslimisch-arabischen Treffpunkte im französisch kontrollierten Algerien, ihr Wappen zeigt Halbmond und Stern. In diesem aufkeimenden Nationalismus bringt sich auch der sunnitische Gelehrte Abdelhamid Ben Badis ein. In seiner Reformbewegung erhebt Ben Badis Kraft, Disziplin und Widerstandsfähigkeit zu quasi religiösen Werten. Er gründet in den zwanziger Jahren in Algerien mehrere Sportvereine, die teilweise noch heute bestehen.

In den 1930er Jahren ist Fußball im Nahen und Mittleren Osten etabliert als Sprachrohr für politische Botschaften, das Herrscher und Oppositionelle gleichermaßen beanspruchen. In Iran will Schah Pahlavi seinen fast bankrotten Staat modernisieren und kulturell an den Westen heranführen, mit Reformen in Infrastruktur, Gesundheitswesen, Bildung. Der Schah lässt auch den Aufbau von Fußballvereinen fördern, denn damit verbindet er Fortschritt und Aufbruch.

Ähnlich, aber unter anderen politischen Vorzeichen, ist es in Kairo. Im Umfeld von Al Ahly, dem ersten Verein „von Ägypter für Ägypter“, mobilisieren Spieler und Funktionäre seit den 1910er Jahren gegen die britische Fremdherrschaft. Einige von ihnen steigen nach der Unabhängigkeit Ägyptens zu Ministern auf. Später lässt sich Offizier Gamal Abdel Nasser, ab 1954 Präsident Ägyptens, zum Ehrenpräsidenten von Al Ahly ausrufen. Er setzt sich für die Gründung des Afrika-Cups mit Teams aus unabhängigen Staaten ein, als Stütze für seine Vision des Pan-Arabismus. Die kontinentale Meisterschaft findet 1957 zum ersten Mal statt, seit 1968 alle zwei Jahre.

Die wohl sichtbarsten Spuren in den Unabhängigkeitsbewegungen hinterlässt der Fußball in Algerien, das mehr als 130 Jahre unter der Kontrolle Frankreichs steht. Seit den 1930er Jahren sollen algerische Spitzenspieler das Niveau der französischen Liga heben. Dafür erhalten sie weniger Lohn als ihre französischen Kollegen. Als sich Mitte der Fünfziger Jahre in Algerien die FLN formiert, die „Nationale Befreiungsfront“, wird auch der Fußball in Stellung gebracht. Kurz vor der WM 1958 in Schweden setzen sich etliche algerische Spieler unter Geheimhaltung aus Frankreich ab. Sie gründen eine Auswahl der FLN und reisen durch sozialistische Staaten, um in Freundschaftsspielen für ein unabhängiges Algerien zu werben. Es ist eine politische Demonstration, die der Fußball auch in anderen Staaten der arabischen Welt auf Jahrzehnte hinaus prägen wird.

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